Claus Raidl: Brauchen wir Eliten?

Claus Raidl: Brauchen wir Eliten?

Analyse von Claus J. Raidl

Die Aufklärung war ein Elitenprojekt. Die Digitalisierung und der Umgang mit den technologischen und wirtschaftlichen Umwälzungen wirft die Frage auf, welche Pioniere es heute braucht.

Fällt das Wort "Elite" bei politischen Diskussionen, geht es meist schnell zum Kern der Sache. Es stellt sich die Frage, wie viel Elite einer Gesellschaft guttut. Der spannungsgeladene Begriff trägt eine historische und ideologische Last und verweigert sich einer exakten Definition.

Wer zählt für Sie zur Elite? Personen, die Spitzenämter im Staat inne haben, die Spitzenverdiener, die Mächtigen, die Kompetentesten oder Engagiertesten? Oder sind die Elite von heute längst die jungen Entrepreneure, die Kreativen oder die Entwickler jener Algorithmen, die die Digitalisierung unserer Welt rasant vorantreiben?

Der Begriff Elite ist schwer zu fassen, und diese Schwammigkeit macht ihn so attraktiv für Debatten um Werte und Ideale. An seiner Deutung scheiden sich die Geister, die ideologischen Meinungsfelder lassen sich rundherum abstecken. Gerade in Wissenschafts- und Bildungsfragen spielt der Umgang mit Eliten eine Schlüsselrolle, aber auch in Wirtschaft und im Management steht die Verantwortung der Eliten im Mittelpunkt. Versucht man eine Definition, so sind im herkömmlichen Sinne Personen gemeint, die überdurchschnittlich qualifiziert sind und die gesellschaftliche Entwicklung vorantreiben. Gab es im Zuge der 68er-"Revolution" eine große Ablehnung oder zumindest Skepsis gegen diese Gruppen ("Establishment"), so ist heute auf breiter Basis ein positives Eliteverständnis (Eliteuniversität, Eliteinstitute) vorhanden.


Die Mär von 'denen da oben', die sich gegen 'die da unten' verschworen haben gehört bekämpft.

Doch dazu gesellt sich heute ein noch radikaleres Narrativ: die generelle Diskreditierung von Eliten. Es ist eine abstruse Erzählung, auf die sich die Populisten dieser Welt einigen können: die Mär von "denen da oben", die sich gegen "die da unten" verschworen haben. Ob Englands Brexit-Abstimmung über den Verbleib in der Europäischen Union oder die Präsidentenwahlen in Österreich und den USA - es gelingt den Populisten immer leichter, demokratische Entscheidungen zu einer Abrechnung mit den "Eliten" hochzustilisieren; eine verführerische Erzählung, ein schwarz-weiß gemaltes Weltbild, das sie erfolgreich als Schablone über viele Probleme legen. Dahinter versteckt sich das Ziel, das Vertrauen in die Verfassung und die repräsentative Demokratie zu schwächen.

Die größer werdende soziale Ungleichheit, die hohe Arbeitslosigkeit und unterschiedliche Perspektiven-und Zukunftsängste in weiten Teilen der Bevölkerung feuern diese Erzählung an. Der Beginn des 21. Jahrhunderts markiert eine Phase des Wandels, der fortschreitenden Globalisierung und einer alles umgreifenden Digitalisierung, die unsere Welt von Grund auf verändern.

Dazu kommen noch das Fehlverhalten und Fehlentscheidungen einzelner Personen in Politik und Wirtschaft. Kritik ist mehr als berechtigt und rechtliche Konsequenzen in manchen Fällen die Folge. Doch diese Kritik kann den pauschalierten Vertrauensverlust nicht wegmachen.

Ich leite daraus einen Handlungsauftrag an alle ab, die Verantwortung tragen. Dieses Vertrauen gilt es auf allen Ebenen zurückzugewinnen. All jene, die das Staatswesen und unsere Gesellschaft gestalten, sind hier gefordert. Und das geht weit über den Kreis der "Eliten" hinaus.

Die Politik muss längst notwendige Reformen anpacken: in Schulen, Universitäten, am Arbeitsmarkt, im Föderalismus und in der Verwaltung. Es gilt, den Sinn dieser tiefgreifenden Reformen deutlich zu machen, um sie besser legitimieren zu können und Vertrauen zurückzugewinnen. Auch Unternehmer und Wirtschaftstreibende dürfen auf ihre gesellschaftspolitische Wirkung für das Gemeinwohl nicht vergessen.

Unsere komplexe Gegenwart verlangt in allen Bereichen der Gesellschaft nach Pionieren, die den Wandel gestalten und das Heft des Handelns in die Hand nehmen, die Orientierung geben und das Neue in konstruktive Worte fassen. Nicht die Eliten, sondern diese engagierten Köpfe, egal, ob in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder an den Schulen und in der Zivilgesellschaft, sind für mich die Pioniere, die unsere Zukunft maßgeblich beeinflussen.


CLAUS J. RAIDL
ist Präsident der Oesterreichischen Nationalbank.
Bis 2010 managte er den Edelstahlhersteller Böhler-Uddeholm.


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