Andreas Salcher - Die Bildungs-Champions-League

Andreas Salcher

Andreas Salcher

Bildung ist wie Fußball: Der Leistungsunterschied zwischen den besten Nationen ist groß wie jener zwischen Barcelona und Rapid.

DASS ÖSTERREICHS Fußballklubs seit Gründung der UEFA Champions League vor mehr als 25 Jahren sich nur sieben Mal für die Gruppenphase qualifizieren konnten, ist bekannt. Kommenden Herbst ist Red Bull Salzburg ausnahmsweise einmal fix in der Gruppenphase der Königsklasse mit dabei.

Wie würde unser Bildungssystem in einem internationalen Vergleich mit den Besten abschneiden? Stellen wir uns vor, dass es wie im Fußball mit Barcelona, Real Madrid, Bayern München oder Liverpool auch unter den Bildungsnationen Champions geben würde. Diese wären dann zum Beispiel Singapur, Korea, Kanada oder Finnland.


Der Vergleich mit den besten Bildungsnationen macht sicher.

Für diejenigen, die sich nicht durch umfangreiche OECD- Studien wie "Education at a Glance" arbeiten wollen, habe ich mir erlaubt, die wesentlichen Erkenntnisse in einem bildhaften Vergleich darzustellen: Champions-League-Nationen bilden ihre Kinderpädagogen akademisch aus, die Gruppengrößen sind im Kleinkinderbereich vier und für größere Kinder höchstens acht. In Kanada verdienen Kindergartenpädagogen gleich viel wie höhere Lehrer. In Österreich erhalten Kinderpädagogen keine akademische Ausbildung, wissen daher wenig über neue frühkindliche Erkenntnisse. Die Gruppengrößen liegen bei 20. Es gab bisher keine verbindlichen Qualitätsstandards. Die Bezahlung ist schlecht, außerdem je nach Gemeinde unterschiedlich.

Champions-League-Nationen: Über die gesamte Volksschulzeit verteilt, werden Kinder im EU- Schnitt 953 Stunden in Lesen unterrichtet und 670 Stunden in Mathematik. In Österreich wird Lesen 840 Stunden, Mathematik 480 Stunden während der gesamten Volksschulzeit unterrichtet.

Champions-League-Nationen: Die verschränkte Ganztagsschule ist selbstverständlich. In Österreich werden nur acht Prozent aller Schulen als echte Ganztagsschulen geführt, im Rest gibt es entweder überhaupt keine Nachmittagsbetreuung oder nur eine durch pädagogische Hilfskräfte.

Champions-League-Nationen : Lehramtsstudenten werden in einem selektiven Verfahren ausgewählt, so wird in Finnland einer von zehn Bewerbern zugelassen. Die verpflichtende Lehrerfortbildung beträgt zum Beispiel in England fünf Tage, in Singapur mindestens 100 Stunden pro Jahr.

In Österreich gibt es für Lehramtsstudenten eine "Selbstevaluierung". De facto wird aufgrund des systemimmanenten Lehrermangels jeder genommen. Pflichtschullehrer müssen sich 15 Stunden ohne jede inhaltliche Vorgabe fortbilden. Für "höhere" Lehrer gab bisher es keine verpflichtende Fortbildung.

Im Zeitraum 2014/15 bis zum Schuljahr 2018/19 konnten neue Lehrer zwischen dem Dienstrecht "alt" und dem Dienstrecht "neu" wählen. Über 90 Prozent der AHS-Lehrer haben sich für das Dienstrecht "alt" entschieden und damit gegen verpflichtende Fortbildung. Erst ab 2019 gilt für alle neuen Lehrer das neue Dienstrecht mit verpflichtender Fortbildung. Für alle, die bis dahin schon im System sind, ändert sich nichts.

Diese großen Unterschiede manifestieren sich wenig überraschend in Leistungsunterschieden, die durchaus mit jenen zwischen dem FC Barcelona und dem SK Rapid vergleichbar sind. In Kanada können viele Kinder von Migranten nach Abschluss ihrer Schulzeit besser Englisch als die in Kanada geborenen Kinder.

In Österreich sprechen die Kinder der dritten Einwanderungsgeneration schlechter Deutsch als jene der zweiten. Ein Grund dafür ist sicher die selektive - höflich formuliert "humankapitalorientierte" - Einwanderungspolitik Kanadas.

Ganz wesentlich ist aber auch das integrative Schulsystem Kanadas mit seinen leistungsorientierten Gesamtschulen und Ganztagsstrukturen. Nach Einschätzung von Experten gilt Kanada als "Weltmeister in Teilhabe und Chancengleichheit". Bei den Schülerleistungen liegt das Land bei PISA nur knapp hinter Singapur und Korea, wo allerdings extremer Drill herrscht. Kanada gebührt daher aus meiner Sicht der Titel der Champions League der Bildungsnationen: chancengerecht und leistungsorientiert.

Studien der Bertelsmann-Stiftung zeigen, dass sich Schulsysteme am schnellsten verbessern, wenn mit Ergebnissen transparent umgegangen wird und diese nicht wie Staatsgeheimnisse behandelt werden.

Sind die Verantwortlichen zu dumm, um die Fakten zu kennen? Nein, es herrscht nicht die Dummheit, sondern die Torheit. Der Dumme weiß es nicht, daher handelt er falsch. Torheit ist dagegen das starre Festhalten an einem Vorgehen, das den eigenen Interessen zuwiderläuft. Ingeborg Bachmann hat die Torheit so beschrieben: "Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler."


Der Autor

Andreas Salcher ist Bildungsexperte, Bestsellerautor, Unternehmensberater und regelmäßiger trend-Autor.



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