Die Bestie (Künstliche) Intelligenz

Oliver Judex, stellvertretender Chefredakteur trend

Oliver Judex, stellvertretender Chefredakteur trend

Sind wir intelligent genug für Künstliche Intelligenz? Sie hat das Potenzial, Wirtschaft und Gesellschaft aus den Angeln zu heben - und ist eine Nagelprobe für die neue Regierung.

Ich befürchte, dass ich das nicht tun kann." Höflich ist er ja. Aber bestimmt. Er, das ist HAL, ein Supercomputer, der ein Raumschiff steuert und die Raumfahrer mit seiner künstlicher Intelligenz unterstützt. Und er widerspricht seinem Schöpfer, einem Menschen. "Die Mission ist zu wichtig", sagt er mit einer streichelweichen Stimme und versperrt Dave, dem Astronauten, den Weg zurück an Bord aus Angst, abgeschaltet zu werden. Dies ist eine der berühmtesten Filmszenen des Science-Fiction-Genres, der Höhepunkt von "2001: A Space Odyssey", produziert vor genau 50 Jahren.

Heute hat uns die Science-Fiction eingeholt. Inzwischen begleitet uns künstliche Intelligenz überall. Sogar mit ähnlich samtener Stimme, nur dass diese diesmal von Alexa, Siri oder Cortana stammt. KI-Systeme kaufen für uns ein, lenken Autos, übernehmen Logistikprozesse, liefern Krebsdiagnosen, lösen juristische Probleme, erkennen Gesichter, suchen nach Mördern, übersetzen fließend, steuern ganze Unternehmensteile. Der Weg zum Roboter-CEO ist nicht mehr weit. Wofür noch eine Regierung, wird schon in einschlägigen Kreisen diskutiert, wenn doch ein Algorithmus das viel besser könne?

Für Innovationsgenie Elon Musk, der selbst eine ganze Armada von KI-Experten zu Höchstleistungen antreibt, sind solche Überlegungen nicht übertrieben. Für ihn ist Science-Fiction keine Fiktion. Er warnte kürzlich wieder vor sich verselbstständigenden Killer-Robotern, vor einem von KI-Systemen als notwendig empfundenen Dritten Weltkrieg und -übrigens genauso wie Starphysiker Stephen Hawking - vor außer Kontrolle geratenen Maschinen, die sich nicht abschalten lassen und uns künftig kontrollieren.

Auch der Finanzstabilitätsrat der G20-Staaten spricht dieser Tage von möglicherweise verheerenden Konsequenzen für die Finanzmärkte, weil die KI-Modelle schon jetzt zu komplex seien, um sie noch zu verstehen. Und Eric Schmidt, der Vorstandschef von Alphabet, ist alarmiert, weil China nun zur Weltmacht der künstlichen Intelligenz werden will - "mit allen möglichen Folgen". Selbst er habe bis vor Kurzem die Technologie völlig unterschätzt, gibt er freimütig zu.


Vielleicht sind wir nicht intelligent genug für Künstliche Intelligenz.

Mag sein, dass Horrorszenarien wie diese übertrieben sind. Die Warnungen stammen jedoch von Experten, die sich mit der komplexen Materie weitaus intensiver befassen als jene Politiker, die auf Veranstaltungen den vorbeirollenden Robotern fotogen die Hand reichen und glauben, damit die Zukunft verstanden zu haben. Denn eines ist inzwischen klar: Künstliche Intelligenz wird Wirtschaft und Gesellschaft auf ein völlig anderes Niveau heben. Und so schnell, wie die Entwicklung voranschreitet, nicht erst in ein paar Jahrzehnten, sondern bereits in den kommenden Jahren.

Spätestens seit die Forscher den Maschinen beigebracht haben, sich selbst zu programmieren, zu eigenen Lösungen zu kommen, sogar eine eigene Sprache für die Kommunikation untereinander zu entwickeln, wird klar, dass die Menschheit dabei ist, die Büchse der Pandora zu öffnen. Es ist für Wissenschaftler heute teils gar nicht mehr nachvollziehbar, was sich in den neuronalen Netzen der Computerhirne genau abspielt. Kein Wunder, dass inzwischen auf die Hilfe von Neurowissenschaftlern gesetzt wird, um die Hirnaktivitäten der Intelligenzbestien besser zu verstehen.

Vielleicht sind wir auch einfach nicht intelligent genug für künstliche Intelligenz. Zweifelsfrei aber nicht gebildet genug. Um das Feld nicht restlos Google, Alibaba &Co. überlassen, ist es höchst an der Zeit, die Bildungssysteme der neuen Herausforderung anzupassen -weltweit und erst recht in Österreich.

Wenn wir nicht bald reagieren und unseren Schülern und Studenten nicht nur die Möglichkeit geben, sondern sie auch dringend dazu einladen, sich zu Experten im Bereich der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz ausbilden zu lassen, werden wir schon bald endgültig am Gängelband der großen Konzerne hängen und eiskalt abgezockt.

Unsere Wirtschaft ist zu wertvoll, als dass wir den Tech-Giganten das Feld überlassen dürfen. Zudem bedarf es dringend eines Masterplans, um auf die Folgen der technologischen Revolution vorbereitet zu sein, die alle Bereiche des Staates betreffen wird, vom Arbeitsrecht über das Sozial-und Finanzsystem bis zu Gesellschaftspolitik und Datenschutz.

Insofern ist es zwar lobenswert, dass sich bei den Koalitionsverhandlungen eine von 25 Untergruppen eigens mit der Digitalisierung auseinandersetzt, aber schon die Idee, das Thema in einem neuen Riesenministerium zu verstecken, wäre der falsche Weg. Denn Digitalisierung und KI betreffen alle Ressorts - gerade in der neuen Legislaturperiode. Ein eigenes Ministerium wäre da ein klares Signal. Das Thema ist es jedenfalls wert, zur Chefsache erhoben zu werden - denn abschalten wird man es nicht mehr können.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 45/2017 vom 10. November 2017 entnommen.

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