Awesome - zur Wahl von Alexander Van der Bellen

Oliver Holle, CEO Speedinvest

Oliver Holle, CEO Speedinvest

Oliver Holle, CEO Speedinvest: "Für die Herausforderungen der Zukunft sind Weltoffenheit und Wirtschaftskompetenz nötig. Alexander Van der Bellen verfügt über beides."

Einiges an kurzatmiger Aufregung rund um die österreichische Bundespräsidentenwahl muss man nicht verstehen. Und doch teile ich die Einschätzung, dass es um wesentlich mehr gegangen ist als die Wahl eines Amtes, dessen realpolitische Relevanz zumindest seit meinem Erinnerungsvermögen irgendwo zwischen "null und nett" pendelt.

Als Risikokapital-Investor entwickelt man zwangsläufig eine langfristige und auch globale Perspektive. Wir "drehen" unsere Start-up-Investments im Schnitt nach sieben Jahren, dementsprechend spielen für uns Börsen-oder auch politische Hype-Zyklen nur eine sehr untergeordnete Rolle.

Was wissen wir langfristig? Wir wissen, dass unsere Wirtschaftsstruktur vor einer massiven Umwälzung steht, die nicht nur enorme Chancen bietet, sondern auch viele Arbeitsplätze kosten wird. Und wir wissen, dass ein entscheidender Erfolgsfaktor für die Bewältigung dieses -unaufhaltsamen -Paradigmenwechsels die positive Einbindung breiter Gesellschaftsschichten ist, nicht nur in Form von steuerlicher Umverteilung, sondern vor allem in Form von neuen Angeboten an Lebens-und Berufschancen.

Das ist eine verdammt harte Nuss, die ich als Unternehmer, Gott sei Dank, nicht beantworten muss. Aber es ist völlig klar, dass Konzepte wie Abgrenzung, EU- Feindlichkeit oder die Bewahrung des Status quo nicht zielführend sind.

Unternehmer im Allgemeinen und Start-ups im Besonderen benötigen ganz konkrete Zutaten zum Erfolg:

  • Zugang zu internationalen Märkten
  • Zugang zu internationalem Kapital
  • Zugang zu internationalen Talente- Pools.

Alles, was hier hilft, ist gut, alles, was diese Zugänge beschneidet, schadet massiv -wie man zur Zeit sehr gut an der bröckelnden Start-up-Szene in London erkennen kann.

Und noch etwas benötigen Unternehmer: eine Kultur des gegenseitigen Zuspruchs.

"Willkommenskultur" wurde im politischen Diskurs bereits als Begriff vergiftet, und doch trifft es gut, was man im Silicon Valley als Unternehmer spürt. Egal, ob man als Ausländer dort seine Zelte aufschlägt oder mit einer verrückten Start-up-Idee durchstarten will -das Gegenüber hört aufmerksam zu und findet das zunächst einmal "awesome".


Wir benötigen ein Staatsoberhaupt, das für Weltoffenheit, ein gemeinsames Europa und Wirtschaftskompetenz steht.

Europäer können sich ob dieser vordergründigen Naivität belustigen, dahinter steht aber nach meiner Erfahrung eine sehr trockene Rechnung: Warum sollte man sich als Gesellschaft unnötig Opportunitäten berauben? Menschen auszugrenzen oder Perspektiven einzuengen, macht aber genau das -man macht sich als Gesellschaft ärmer als notwendig. So etwas mögen Amerikaner nicht, und dementsprechend ist "awesome" als Leitkultur ein grundvernünftiger Ansatz.

Und was hat das mit unserem neuen Bundespräsidenten zu tun? Zunächst ganz simpel: Wir als Start-up-Unternehmer bzw. deren Finanziers benötigen ein Staatsoberhaupt, das für Weltoffenheit, ein gemeinsames Europa und Wirtschaftskompetenz steht. Darüber hinaus verkörpert für mich Van der Bellen auch den Versuch, einfachen Antworten zu widerstehen -und ich bin überzeugt, dass wir diesen Instinkt in den nächsten Jahren sehr gut brauchen werden können. Als Wirtschaftsprofessor steht er auch für den Respekt vor Fachwissen und Fakten. Und er steht letztlich für einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit dem Gegenüber, auch wenn "awesome" wohl nicht in seinem Vokabular zu finden ist.

Nicht alles im Wahlkampf des Professors hat mir gefallen, aber diese zentralen Werte bedeuten mir viel, viel mehr als diverse Unschönheiten, die man unter Umständen in Auftritt und Positionierung von Van der Bellen entdecken konnte. Last, but not least und ganz egoistisch: Ich bin mit Speedinvest zumindest einmal pro Woche im Ausland unterwegs. Es ist wunderbar -und auch ein wenig ironisch -, dass mir nun meine internationalen Kollegen zu Österreichs aufgeklärter Zivilgesellschaft gratulieren. Bei aller Zwiespältigkeit -wir wissen, wie knapp dieses Rennen war -ist mir diese Reaktion auf Österreich doch 100 Mal lieber als jene mitleidige Schulterklopfer, die meine amerikanischen oder britischen Kolleginnen gerade erdulden müssen.


OLIVER HOLLE ist CEO von Speedinvest, Österreichs größtem Risikokapital-Fonds, und seit mehr als 20 Jahren in der internationalen Start-up-Branche tätig. Holle hat sich früh als Unterstützer von Van der Bellen deklariert.

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