Ausländer raus! Und wer macht dann die Arbeit? [Kommentar]

trend-Chefredakteur Andreas Lampl

trend-Chefredakteur Andreas Lampl

Die Politik der FPÖ - und der Gewerkschaften - verschärft den Arbeitskräftemangel, unter dem Unternehmen stöhnen. Die Panikmache entspricht nicht den Fakten, analysiert trend-Chefredakteur Andreas Lampl.

In dicken Lettern warnte die FPÖ in einer Onlinekampagne soeben vor der Gefahr: "Verdrängung. 82 Prozent der Jobs gehen an Ausländer!" Was die Freiheitlichen den österreichischen Bürgern nicht mitteilten, ist, dass es sich dabei in erster Linie um ausländische Saisonkräfte im seit Jahren besonders boomenden Tourismus handelt. Ohne diese Leute würde unser Fremdenverkehr zusammenbrechen. Im Sommer wie im Winter. Auch die übrigen Ausländer landen überwiegend in Jobs, für die sich kaum Österreicher finden. Als Leiharbeiter zum Beispiel.

Angesprochen auf den langsam, aber sicher eklatant werdenden Mangel an Arbeitskräften im Land verweist der FPÖ-Politiker auf knapp 290.000 Arbeitslose und tönt: "Österreicher zuerst!" Der Juniorpartner in der Regierung befindet sich hier in einer unheiligen Allianz mit roten Gewerkschaftern, die den Arbeitsmarkt ebenfalls möglichst frei von Zuwanderern wollen. Rechtspopulismus trifft linke Blockierer. Ähnlich wie bei den Pensionen, wo auch beide Gruppen vehement den Reformbedarf bestreiten.

Vor allem ist der Fachkräftemangel eine Bildungsfrage, das liegt auf der Hand. Aber bis Änderungen im Bildungssystem greifen, vergehen locker zehn, fünfzehn Jahre. Und das Problem ist jetzt virulent. Nicht als Erfindung gieriger Unternehmer, die billiges Personal suchen, sondern als ganz konkrete Bremse der wirtschaftlichen Entwicklung. Rund 160.000 Leute fehlen dem Arbeitsmarkt im Moment, wobei die exakte Zahl irrelevant ist. In einer neuen Umfrage der NÖ-Wirtschaftskammer bezeichnen 95 Prozent der Unternehmen die Schwierigkeit, geeignete Mitarbeiter zu finden, als größtes Hemmnis für Wachstum und Weiterentwicklung - vom KMU bis zum Großkonzern.


Setzt die FPÖ ihre Politik fort, dann wird sich der Fachkräftemangel noch verschärfen.

Es fehlen nicht nur Softwareprogrammierer, Maschinenbauer und sonstige Ingenieure, sondern auch Tischler, Installateure, Köche und Pflegepersonal. Den Mangel an Handwerkern zu beseitigen, sehen generell die Hälfte der Wirtschaftstreibenden als ganz schwierige Übung. Dazu kommen Pensionierungswellen in vielen öffentlichen Großunternehmen wie den ÖBB, denen schon jetzt jede Menge Lokführer fehlen.

Setzt die FPÖ ihre jetzige Politik in der Regierung fort, dann wird sich die Lage noch verschärfen. Dass Österreich Zuwanderung braucht, um sein ökonomisches Niveau zu halten, ist in den demografischen Daten mit freiem Auge ersichtlich. Die blaue Dauerkampagne gegen Asylanten und Migranten schließt ja in ihrer grundsätzlichen Anti-Ausländer-Haltung auch Menschen aus den alten und neuen EU-Staaten ein. Ein abgeschotteter Arbeitsmarkt ist aber das Letzte, was den Unternehmen hilft.

Die Panikmache lässt sich durch Fakten nicht belegen und widerspricht der angeblich "evidenzbasierten" Politik der Regierung Kurz. Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria zeigt eine spürbare Zunahme der Investitionen und des BIP-Wachstums durch Zuwanderung. Der positive Effekt für den Staatshaushalt durch Zuzug aus den EU-15, aus den osteuropäischen EU-Ländern und aus Drittstaaten - zu dieser Gruppe gehören auch die Migranten - wird für 2018 ganz konkret mit knapp 1,6 Milliarden Euro angegeben. Nur bei den Asylwerbern übersteigen die Ausgaben die Einnahmen.


Panikmache widerspricht den Fakten und der angeblich "evidenzbasierten" Politik der Regierung.

Den Anstieg der Arbeitslosigkeit durch Zuzügler aus Osteuropa (EU-13), der bei Weitem größten Gruppe, gibt EcoAustria mit 0,1 Prozentpunkten an, den lohndämpfenden Effekt für die ansässige Bevölkerung mit 0,5 Prozent (Drittstaaten: 0,2 Prozent). Das steht in keinem Verhältnis zu den negativen Auswirkungen, wenn Unternehmen durch fehlendes Personal gehemmt werden.

Die Gewerkschaften meinen, die Mitarbeiter wären schon zu kriegen, würde man ihnen ordentliche Löhne zahlen. Mehr noch als die Wirtschaft ist da aber der Staat gefordert, indem er endlich dafür sorgt, dass der Unterschied zwischen Brutto-und Nettolöhnen deutlich kleiner wird.

Sehr zaghaft beginnt Österreich mit einer Art Employer Branding im Ausland, um sich als attraktiver Arbeitsstandort zu verkaufen. Die Austrian Business Agency soll sich auch um die Ansiedlung von Personen kümmern, hat die Wirtschaftsministerin angekündigt. Sie sagte auch: Das Bildungssystem produziere am Markt vorbei. Ein Masterplan, wie das wenigstens mittelfristig zu ändern wäre, liegt aber noch nicht vor.


Der Kommentar ist der trend-Ausgabe 47/2018 entnommen.

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