Auf der Suche nach Spitzenmännern

Auf der Suche nach Spitzenmännern

Spitzenmänner: Wie sehen sie aus? Wo findet man sie? Und wie heißen jene, die wir heute schon kennen?

Meiner Wenigkeit ist Unhöflichkeit zu Frauen fremd. Dass ich wie die meisten Autoren wieder zur rein männlichen Schreibweise zurückkehrte, hat ästhetische und praktische Gründe. Die gleichzeitige Nennung der weiblichen Form schadet der Sprachschönheit, das so genannte "Binnen-I" (ManagerInnen) ist überhaupt die hässlichste Erfindung seit Gutenberg. Außerdem verlängert eine Schreibweise, die beiden Geschlechtern gerecht wird, den Text um ein Drittel - ein spezielles Unheil für Essays, deren einziger Wert in der Kürze liegt, wie Michel de Montaigne, der Großmeister des Essays, spottete.

Wo Spitzenmann geschrieben steht, ist also das Wort Spitzenfrau sinngemäß hinzu zu denken. Und zwar mit größtem Respekt. Zumal in hohen Positionen auf zehn Männer bereits zwei Frauen kommen. Und die Spitzenjob-relevanten geschlechtlichen Unterschiede kleiner sind, als man früher glaubte. Dafür gibt es praktisch täglich neue Beweise.

Öffentlich zusammenzubrechen, gelang jüngst sowohl einem deutschen Auto-Boss wie auch Hillary Clinton. Eine Angela Merkel ist dem François Hollande in sturem Trotz ebenbürtig, hält aber länger durch. Und führende Frauen in Politik (Margaret Thatcher) und Business (Carly Fiorina, Hewlett-Packard) haben längst gezeigt, dass sie so grausam sein können wie Männer.

Die Diskussion über namhafte Spitzenmänner wurde in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts (1950-2000) durchaus fröhlich geführt, in der Tonalität eher Mozart als Puccini. Ab dem Millennium wich das Heitere zurück. Und ab der Finanzkrise 2007, dem Urquell heutiger Trübsal, starb die Diskussion überhaupt.


...in den Spitzen-Sesseln der Banken und der Politik nur noch Vollidioten...

Spitzenmänner waren kein Thema mehr. So, als vermute man in den Spitzen-Sesseln der Banken und der Politik nur noch Vollidioten. Das ist kein abwegiger Gedanke, aber doch zu weit gegriffen.

Kann freilich auch sein, dass das Publikum, durch tägliche Katastrophenmeldungen wie "Italien" und "Türkei" und "Ungarn" und "IS" zermürbt, jedweder Diskussion müde wurde. Viele Heutige ziehen sich in ihr Nest zurück und hoffen, dort unbehelligt in Frieden leben und sterben zu dürfen. Ein selbstauferlegtes Biedermeier, das für den Geist der Zivilisation so schädlich ist wie das originale Biedermeier, das den Bürgern zwischen 1815 und 1848 aufgezwungen wurde.

Umso wertvoller alle Orte, in denen man noch Diskussion und Lebhaftigkeit erwarten darf, vergleichbar dem gallischen Dorf bei Asterix. Allen voran sind die Kaffeehäuser zu loben, die in allen größeren Orten Österreichs tapfer ums Überleben kämpfen, bedrängt von unsensiblen, unsinnlichen, unfröhlichen Wichtigmachern, die sie mit Wahnsinnssteuern, Auflagen und Verboten aller Art umbringen möchten.

Die Kaffeehäuser waren immer die Epizentren eines klugen, maßvollen Dialogs. Sie blieben bis heute Inseln der Lesekultur, der Kaffee-und Wein-und Edelbrandkultur und einer elitären Diskussionskultur, begünstigt durch ein Gratisangebot an teuren Weltblättern und die kommunikationsfreundliche Tradition der Tabakkultur.

Dort findet man noch alte und junge Gentlemen und Gentlewomen, die "Standard", "Presse", "NZZ", "Süddeutsche", "FAZ" und "Le Monde" so selbstverständlich lesen wie dann auch österreichische Weltliteratur von Gerhard Roth, Peter Handke, Robert Menasse und Robert Seethaler. Und die sich gerne mit sympathischen Gleichgesinnten erbitterte Wortfehden liefern.


Kanzler, Minister und auch Opern-und Burgtheater-Chefs wechseln heute schneller, als man sich ihre Namen merken kann

Leider sind manche Themen verloren gegangen. Man spricht nicht mehr über Spitzenmänner in Politik und Theater. Man hat deren Spur verloren. Kanzler, Minister und auch Opern-und Burgtheater-Chefs wechseln heute schneller, als man sich ihre Namen merken kann.

Doch siehe: Es gibt Ausnahmen. Dieser Tage erhaschte ich als indiskreter Lauscher, dann als höflich dazugebetener Gast, eine wunderbare Kaffeehausdiskussion über Alexander Van der Bellen.

Die Kernfrage lautete: Darf man Alexander Van der Bellen, einen Wirtschaftswissenschaftler, nach seinem Sieg über einen Rechtspopulisten jetzt als einen Spitzenmann der Wirtschaft ansehen?

Ja und nein.

Meine Diskussionsrunde ist uneins. Ja sagen jene, die unendlich erleichtert sind. Die gefürchtet hatten, wir würden nie mehr von der Schaufel deutscher Kabarettisten springen. Diese waren schon glücklich, weil Österreich drei Anläufe brauchte, um eine korrekte Wahl zu organisieren.


...ein ewiger Eimer voll Katzenkacke

Die Wahl eines Herrn Hofer hätte uns als Rechtsruck-Land wie den Nachbarn Ungarn für viele Jahre stigmatisiert. Und Wolfgang Ambros' erster Hit "Der Hofer war's" wäre in hundert satirischen Varianten über uns gekommen wie ein ewiger Eimer voll Katzenkacke.

Jene, die Nein sagen, verstehen zwar diese Einschätzung und richten Herrn van Bellen ihren Respekt aus, doch möchten sie ihn nicht als "Spitzenmann der Wirtschaft" verstehen müssen. Dafür fehle ihm die praktische Erfahrung und der wissenschaftstheoretische Glanz. Er habe weder ein Sonnenstudio erfolgreich geführt noch ein Werk geschrieben, das an Konrad Lorenz' "Ecce homo" heranreiche oder gar an den "Wohlstand der Nationen" von Adam Smith oder "Das Kapital" von Karl Marx.

Ich teile diese Auffassung, aber mit Einschränkung. Denn mittlerweile halte ich nicht mehr für undenkbar, dass Herr Van der Bellen von einer Witzfigur zum Hit wird. Und speziell der Wirtschaft als präsidialer Stimmungsmacher nützen kann. Das wäre viel. Denn Stimmung ist für die Unternehmer ein wichtigeres Vitamin als die Fakten.

Erstens: Van der Bellen gewinnt im Stress. Dieser scheint sein Blut wie Aspirin zu verdünnen. Er wirkte am Ende des Wahlkampfs lebhafter als im Anfang. Seine beschleunigte Zeitlupen-Stimme tötete nicht mehr jeden Zuhörer, sondern nur noch jeden Dritten. Mit Normal- Speed könnte er einnehmend sein.

Zweitens: Er ist der einzige selbstironische Grüne. Den fiebrigen Auto-Hysterikern seiner Partei sagte er: "Beleidigen Sie meinen Alfa-Romeo nicht." Die Zuneigung zu einer Bella Macchina weist ihn als geschmackssicher aus - kein übler Vorzug im Vergleich zu seinem tüchtigen Vorgänger Fischer, dessen Bergwanderkleider oft Anlass zur Sorge gaben.

Drittens: Alexander Van der Bellen mag noch kein opus magnum geschrieben haben. Aber er kennt den Unterschied von Umsatz und Gewinn. Das hebt ihn über die 183 Parlamentsabgeordneten. Denn dort sitzen nebenberufliche Beamte, keine Unternehmer - das Parlament zahlt zu schlecht.

"Kurzum: Ich mache mich auf eine positive Überraschung durch Bundespräsident Bellen gefasst", sage ich zu der Kaffeehausrunde, die mittlerweile auf gut zwanzig Köpfe angewachsen ist.

Viele Stühle wurden gerückt. So muss es einst gewesen sein, als sich um Sigmund Freud und Breuer und Schnitzler und später um Torberg und Weigl die Kaffehaus-Kibitze sammelten und einander durch herrliche Rauchwolken die Stichworte zuriefen.

Meine Runde ist jung. Die meisten in einem Alter, in dem Mozart, Büchner, Schiele schon den Löffel abgegeben hatten. Daneben aber auch rüstige Gruftis ab 80, die vor Glück heulten, weil sie das noch einmal erleben durften. Einer sagte weise: "Die Welt kann immer nur so gut sein wie ein Kaffeehaus, das alles darf."

In den brodelnden Kessel, der dem Kaffeesieder den Umsatz einer Normal- Woche bescherte, warf ich berufsbeflissen die Frage: "Wer ist Euer Spitzenmann Nummer eins für Österreichs Wirtschaft, ab Adam und Eva?" Bald danach war ich zufrieden, diese trend-Frage gestellt zu haben.

Fast logisch, angesichts der jugendlichen Runde, viele Nennungen für Stefan Pierer und Dietrich Mateschitz. Ihre Begründung, zusammengefasst: KTM und Red Bull, der KMU-Welt längst ins Industrielle entwachsen, zeigen der Welt, dass "Made in Austria" auch in großen Dimensionen erfolgreich ist. Und dass wir nicht nur B2B-Produkte (Investitionsgüter) können, sondern auch Consumer Products samt dem dafür notwendigen Global Marketing.

Erstaunliche drei Stimmen für einen Umstrittenen, der in die Jahre der Reife trat. Man lobte Hannes Androsch wesentlich für seine innere Spannweite. Sozial zur Arbeiterschaft, ein wichtiges Korrektiv zu Kreisky, lässig als Milliardär. Stimme im Hintergrund: "Und gottlob nicht sündenfrei."

Gleich viele Stimmen wie zu Androsch gab es für Joseph A. Schumpeter. Das bezauberte mich. Denn zu diesem Mann, der die ohnehin berühmte "Wiener Schule der Nationalökonomie" für ewig besonnte, fühle ich einen Widerstreit von Bewunderung und Kritik.

Ich werde mit dem neuen Bundespräsidenten über Schumpeter diskutieren. Vielleicht weiß Alexander Van der Bellen als einschlägiger Universitätsprofessor mehr über ihn, vielleicht auch nicht. Der trend wird berichten.

Bis dahin wünsche ich meinen klugen Leserinnen und schönen Lesern viel Erfolg im Jahr 2017. Denken Sie daran: Öde Zeiten sind gut für die Besten. In guten Zeiten kann das Geschäft ein jeder.

In diesem Sinne - next time, same station.

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