Franz Ferdinand Wolf: Auf zur Bewusstseinsindustrie 4.0

Franz Ferdinand Wolf

Franz Ferdinand Wolf

Gastkommentar von Franz Ferdinand Wolf, Journalist und trend-Autor: Medienpolitik ist mehr als der plumpe Versuch, den ORF an die Leine der neuen Herren zu legen.

Seit Jahrzehnten das gleiche Spiel: Bringen Wahlen eine Änderung der politischen Machtverhältnisse, folgt eine ORF-Reform. Sie soll stets eine schlankere Organisation bringen, mehr Objektivität, Ausgewogenheit der Berichterstattung und mehr öffentlich-rechtliche Programminhalte sicherstellen - tatsächlich aber den neuen Machthabern mehr Einfluss einräumen.

Die harschen Ankündigungen der FPÖ, was sich alles im Programm und in den Redaktionen ändern und insgesamt billiger werden müsse, haben wir bereits vernommen. Und auch die zahmen Ankündigungen des Generaldirektors, was er nun alles zu ändern entschlossen sei. Der besonne Teil der Koalition nickt, duckt sich weg und hofft auf einen Neustart der Medienpolitik, der mit einer Enquete im Juni angekündigt ist. Eine breite Diskussion über Folgen und Notwendigkeiten der digitalen Transformation für Medien soll folgen. Das ist dringend nötig.

Tatsächlich stehen Print wie elektronische Medien unter ungeheurem Anpassungsdruck. Nichts ist oder wird so sein, wie es war. Patentlösungen aber gibt es nicht. Dank der sozialen Medien hat der Journalismus die Deutungshoheit verloren, was mit dem Verlust der Bedeutung klassischer Medien einhergeht. Jedes Ereignis wird weltweit fast in Echtzeit mitgeteilt, jede - auch die abstruseste - Meinung sofort millionenfach geteilt.


Die schnell ins Netz gekotzten Vermutungen, Bösartigkeiten und Meinungen rauben dem Journalismus Gewicht und der Gesellschaft Zusammenhalt.

Auf der Stecke bleiben Medien und ein Journalismus, der einordnet, bewertet, Hintergründe darstellt, Zusammenhänge offenlegt und ein Angebot zur Meinungsbildung der Konsumenten liefert. Die schnell ins Netz gekotzten Vermutungen, Bösartigkeiten und Meinungen rauben dem Journalismus Gewicht und der Gesellschaft Zusammenhalt. Die Realität wird fragmentiert, die gesellschaftliche Kohäsion geht verloren, sagen Wissenschaftler.

Die Krise des Printjournalismus ist längst evident. Die Reichweiten gehen zurück, das lässt die Erlöse aus Verkauf, Abonnements und Inseraten sinken. Nach einem ätzenden Bonmot ist Printjournalismus das, was auf der Rückseite von Inseraten stattfindet. Weniger Inserate bedeuten folglich weniger qualitätsvollen Journalismus, der genug Geld hat, intensiv zu recherchieren und den Dingen auf den Grund zu gehen.

Unter diesem Aspekt ist die Forderung nach deutlicher Erhöhung der Presseförderung nachvollziehbar, das wird aber die Strukturprobleme nicht lösen. Abgesehen davon, dass direkte oder indirekte Subventionen, etwa durch Inserate der öffentlichen Hand, die vierte Gewalt als unabhängiges Korrektiv ins Mark treffen.

Man muss es mitleidlos feststellen: Ein Geschäftsmodell, das auf steigende staatliche Förderung abstellt, macht (Tages-)Zeitungen zu einer geschützten Nischenwerkstatt und nur auf Zeit überlebensfähig. Am Ende der Postkutschenzeit hätte eine Förderung der Hufschmiede zwar einige Zeit deren Überleben gesichert, aber nicht dazu geführt, dass wir noch immer in Pferdekutschen reisen.


Radikales Umdenken und eine Medienpolitik, die neue Rahmenbedingungen schafft, sind dringend notwendig.

Selbst Legenden wurden schon Opfer der Neuen Digi-Zeiten. Die von Norman Mailer 1955 mitbegründete New Yorker Wochenzeitung "Village Voice", drei Mal mit dem Pulitzer-Preis für investigativen Journalismus geadelt, erschien vergangenen September letztmalig in gedruckter Form. Auch das lineare Fernsehen bringt die Digitalisierung langsam, aber sicher ans Ende seines Lebenszyklus. Wer, egal, wann, wo und auf welcher Plattform egal, was, sehen kann, braucht die altehrwürdigen Sendeanstalten mit ihren starren Sendeschemas und Programmangeboten nicht mehr. Schon bald sind sie nur noch als Produzenten von Content gefragt. Den Mix macht sich jeder selbst.

Radikales Umdenken und eine Medienpolitik, die neue Rahmenbedingungen schafft, sind dringend notwendig, damit sich Medienhäuser und Rundfunkunternehmen mit neuen Geschäftsmodellen in der, jawohl, Bewusstseinsindustrie 4.0 etablieren können. Ob gesetzliche Regulierung legalen und illegalen Datenhandel, der Milliarden umsetzt, einschränken können, ist abzuwarten. Auch ob der viel gerühmte Zaubertrank "digitale Betriebsstätte" heimischen Medien wieder Kraft gibt, gegen die Konkurrenz der US-Netzgiganten zu bestehen, die längst auch das Produzentengeschäft dominieren, darf bezweifelt werden. Aber vielleicht bringt's neue Steuereinnahmen. Was auch schon was wäre.


Der Kommentar ist der trend-Ausgabe 16/2018 vom 20. April 2018 entnommen.

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