Arbeitsmarkt: ein Berg voller Herausforderungen

Arbeitsmarkt: ein Berg voller Herausforderungen

Tobias Thomas, Direktor EcoAustria

Analyse. Es ist bei Weitem nicht alles eitel Wonne. Die gute Konjunktur deckt die gravierenden strukturellen Probleme am österreichischen Arbeitsmarkt zu. Noch.

Vom österreichischen Arbeitsmarkt kommen derzeit gute Nachrichten. Nachdem es jahrelang mit der Zahl der Arbeitslosen fast immer nur bergauf ging, sinkt sie nun konjunkturbedingt bereits das achte Quartal in Folge. Auch die Zahl der unselbstständig und selbstständig Erwerbstätigen ist mit 4.258.000 Frauen und Männern auf Rekordniveau. Hinzu kommt ein deutlicher Anstieg bei den offenen Stellen. Ist nun alles wieder gut?

Mitnichten: In einer längeren Perspektive liegt die Zahl der Arbeitslosen noch immer auf einem traurig hohen Stand. Mit knapp 280.000 ist sie zehnmal höher als in den 1970er-Jahren. Hinzu kommen 65.000 Personen in Schulungsmaßnahmen. Das bedeutet Wohlstandseinbußen für Österreich und einen schweren Schlag für jeden Betroffenen.

Ein genauerer Blick auf den Arbeitsmarkt offenbart denn auch einen Berg voller Herausforderungen: Über ein Drittel der Arbeitslosen sind langzeitbeschäftigungslos, was einen Wiedereinstieg schwieriger macht. Besonders betroffen sind die Geringqualifizierten. Während die Arbeitslosenquote nach nationaler Definition insgesamt derzeit bei rund sieben Prozent liegt, ist sie bei den Geringqualifizierten mit höchstens Pflichtschulabschluss mit mehr als 20 Prozent rund dreimal so hoch.

Dabei ist die Beschäftigung Asylberechtigter die Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration und für positive Beiträge an die Volkswirtschaft und den Fiskus. Dabei besteht gerade hier die Chance, die ungünstige Qualifikationsstruktur durch Aus-und Weiterbildungsmaßnahmen deutlich zu verbessern: Rund 40 Prozent der Asylwerber sind jünger als 17 Jahre.

Auf der anderen Seite berichten bereits heute etliche Betriebe von einem immer stärker werdenden Fachkräftemangel. Der demografische Wandel und die damit verbundenen Ausgabensteigerungen in den Bereichen Gesundheit, Pflege und Pensionen werden es notwendig machen, das Pensionsantrittsalter anzuheben und die Erwerbsbeteiligung Älterer zu verbessern, sollen steigende Beiträge oder sinkende Pensionen vermieden werden. Wobei hohe Lohnnebenkosten einen Beschäftigungsaufbau bremsen können.

Horrormeldungen, wonach durch Digitalisierung und Roboter viele Arbeitsplätze bedroht seien, liegen hingegen falsch. Trotz technischen Fortschritts und Automatisierung ist es bislang langfristig zu keinem Rückgang der Beschäftigung insgesamt gekommen -im Gegenteil: Heute arbeiten in Österreich mehr Menschen als je zuvor. Allerdings kann es durch Automatisierung zu einer Verschiebung von Beschäftigungsanteilen in den Dienstleistungssektor und zu einer Dämpfung gerade mittlerer Lohneinkünfte kommen. Damit möglichst viele vom technischen Fortschritt profitieren können, sind neben dem Ausbau der Breitbandinfrastruktur die Weiterbildung und die Vermittlung digitaler Kompetenzen in Schulen und Betrieben wichtiger denn je.

Spätestens wenn die brummende Konjunktur nachlässt, werden die strukturellen Probleme Österreichs auf dem Arbeitsmarkt wieder offensichtlich werden. Um den Aufschwung zu verstetigen und den Arbeitsmarkt zukunftsfit zu machen, müssen die Flexibilität erhöht sowie Hürden für neue Geschäftsmodelle abgebaut werden.

Flexible Arbeits(zeit-)modelle können einen wichtigen Beitrag leisten, wenn es gelingt, den Anforderungen der Produktion und den Bedürfnissen der Arbeitnehmer besser gerecht zu werden. Auch kann eine gut gemachte Reform des Arbeitslosengeldes dazu führen, dass die Anreize gestärkt werden, einer bezahlten Arbeit nachzugehen. In Deutschland ist von 2005 bis 2016 auf diese Weise die Zahl der Arbeitslosen kräftig gesunken und die der Normalarbeitsverhältnisse gestiegen.

Und auch wenn es schon oft angesprochen wurde: Eine Schlüsselrolle für einen zukunftstauglichen Arbeitsmarkt kommt der Bildung zu. Aus-und Weiterbildung sowie lebenslanges Lernen sind in Zeiten des demografischen Wandels und der Digitalisierung essenziell. Das Bestreben muss sein, die beträchtliche Zahl an Langzeitarbeitslosen und Asylberechtigten mit relevanten Bildungsmaßnahmen in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Bildung ist als vorbeugende Maßnahme gegen (Langzeit-)Arbeitslosigkeit von großer Bedeutung. Neben Qualifizierung, die sich nach den Anforderungen des Arbeitsmarktes richtet, sollte daher die frühkindliche Bildung weiter verbessert werden. Denn dort haben Bildungsinvestitionen den höchsten Ertrag.

Zur Person

TOBIAS THOMAS ist Direktor des Wirtschaftsforschungsinstitutes EcoAustria und leitet dort den Forschungsbereich. Sozialpolitik ist eines seiner Spezialgebiete.


Der Gastkommentar von Tobias Thomas ist der trend-Ausgabe 43-44/2018 vom 25. Oktober 2018 entnommen.

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