Arbeit ist nur ein Wort - aber das wichtigste

Helmut A. Gansterer

Essay von Helmut A. Gansterer

Unser Leben währet siebzig Jahr, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahr, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen. Psalm 90,10

Die Jahre der Reife bieten viel Entzücken. Zum Beispiel darf man schlecht über Alte sprechen, wenn man selbst, wie über Nacht, ein Alter geworden ist. Seinesgleichen zu kritisieren tut der Seele gut, zumal die heutigen Senioren einem Vergleich mit früheren Großväter-und Großmütter-Generationen nicht standhalten.

Diese folgten noch brav dem Ruf der Evolution. Sie traten zurück, sobald sie müde wurden. Zwischen Siesta und Abendbrot, im warmen Gras sitzend, gaben sie ihr Know-how an die Enkeln weiter. Sie sorgten für eine Überlieferung des Wissens und der alten Märchen.

Die heutigen Senioren sind anders. Sie verbieten ihren Enkeln, sie Opa und Oma zu nennen. Sie sehen sich unverändert als Auge des Zyklons. Als idealen Zeitpunkt ihres Rücktritts peilen sie den 100. Geburtstag an. Und manchmal, mithilfe moderner Medizin und Runtastic-Apps, kommen sie diesem auch nahe.

Grosso modo aber sind sie heute wehleidige und dekadente Privilegierte. Die meisten von ihnen wurden vom letzten Weltkrieg nur gestreift, erlebten von Kindheit weg einen nunmehr 72 Jahre währenden Frieden. Ein Geschenk, das zuletzt die Hethiter genossen hatten, circa 1400 vor Christus.

Sie waren als Österreicher ewig gut gelaunt, weil über Jahrzehnte der Nachkriegswohlstand linear wuchs und ihre Heimat auch später, als es sperriger wurde, im Pro-Kopf-Einkommen ein reiches Land blieb.

Was vor allem den Unternehmern zu danken war. Diese wurden ihrem Ruf, besonders kreativ und flexibel zu sein, gerecht. Sie federten alle großen Wenden ab, die schnelle Automatisierung der Industrie, den Wechsel von Analog zu Digital und die Globalisierung - dies alles trotz eines ungeheuren Scale-of-Business-Mankos. Der Heimmarkt war nur ein Zehntel so groß wie jener von Deutschland. Und die gleich große Schweiz wurde durch zwei Weltkriege nicht zerstört, sondern noch stabiler, schuf in aller Stille mehr Millionäre als Alphabeten - und schaffte es dennoch, die Swissair bruchzulanden und Oerlikon an Österreicher zu verlieren.

Kurzum: Im auslaufenden 20. Jahrhundert gab es keinen Grund für unsere heutigen Senioren, mit ihrem Schicksal zu hadern. Erst die Wirrnisse seit dem Millennium und speziell nach 2008 - die wir aus Platzgründen nicht wiederholen - schlugen mächtig aufs Gemüt.


Österreich droht ein Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit, den törichte Alte der Jugend selbst zuschreiben - nicht den eigenen Versäumnissen.

Nun trat die Dekadenz der ewig verwöhnten "goldenen Generationen", die wie Fettaugen auf der Suppe der Geschichte geschwommen waren, deutlich hervor. Sie war schon vorher durch maßlose Kritik an der Jugend fühlbar gewesen, der man im Weg stand. Doch jetzt brach sie durch.

Denn plötzlich war und ist kein Arbeitsplatz mehr garantiert. Neue Unsicherheiten und Ängste gelten für alle. Viele "Goldene", die es gewöhnt waren, sich als Masters of the Universe zu begreifen, sahen sich, die Pension schon in Sichtweite, freigestellt. Fortan hassten sie ihr Leben, ihre Umwelt, wurden zu schwarzen Kerzen, die Finsternis erzeugten.

Vor allem hassten sie "das freche Aug' der Jugend" (Arthur Schnitzler), die das Leben noch vor sich hat und die man lange Zeit selbstherrlich unterdrückt hatte.

Allerdings: Welches Leben welcher Jugend? Denn nun droht auch Österreich das Schlimmste, was einer Gesellschaft passieren kann: ein starker Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit, die törichte Alte der Jugend selbst zuschreiben -nicht den eigenen Versäumnissen.

Würden wohlhabende österreichische Senior-Touristen je ihre Strandliegen an der Adria und der Costa del Sol verlassen und auch ins Landesinnere radeln, würden sie schnell erkennen, was regionale Jugendarbeitslosigkeit bis 30 und 50 Prozent und darüber in Italien und Spanien anrichtet.

Nur Total-Idioten, von denen Österreich, wie ich glaube, nicht viele hat, würden aus dem, was sie sehen, den Schluss ziehen, die dortigen Kinder seien arbeitslos, weil sie kriminell und Giftler sind.

Sie sind dies umgekehrt, weil sie arbeitslos sind. Es fehlt ihnen Arbeit als Quelle der Selbstachtung und gesellschaftlichen Anerkennung und eigenes Geld als Quelle der Selbstbestimmung. Ein Jugendlicher, der sich rasch eine Vespa, eine kleine Wohnung und die Gründung einer Familie leisten kann, denkt nicht an Beschaffungskriminalität wie Einbruch und Prostitution.

Erst recht nicht in Österreich. Wir haben gottlob noch ein heiteres, im guten Sinne konservatives Umfeld. Und ein schützendes Ritterhemd aus 300.000 KMU und Einzelunternehmern und einigen fantastischen Riesen. Dieses Ritterhemd bewahrt Österreich davor, aus der Oberliga zu fallen. Aber nicht automatisch vor Jugendarbeitslosigkeit.

Unsere Unternehmer, darunter Tausende "Hidden Champions", heimliche Weltmeister ihrer Produktnische, sind elitär. Sie sind auf höchste Qualität getrimmt. Und daher auf passende Mitarbeiter angewiesen, die sie verzweifelt suchen und daheim oft nicht finden. Andernfalls könnten wir als erstes Land der Welt die Geißel "Jugendarbeitslosigkeit" vergessen. Leider aber werden die Lehrpläne (von der Volksschule bis zu den Hochschulen) von den Falschen gemacht.

Ehe ich dazu einen Vorschlag mache, ein paar Anmerkungen zur Politik: Kein EU-Land hat die Politiker, die es verdient. Aber unsere sind gefühlt auch die Ältesten. Hier geht man, wenn man stirbt. Ein Skandal, wie in allen Parteien die jungen Politiker unterdrückt werden. Man redet sie schön, ermöglicht ab und zu eine Alibikarriere, basta. Ein Junger steigt erst dann höher, wenn er anfängt, die Socken ins Kühlfach zu legen. Alte Sesselkleber unter den Lehrplanmachern feiern sich als modern, wenn sie Fächer wie "Computer" und "Texterfassung" installieren, die jedes Kind längst besser als der Lehrer kann. Und sie legen die "Freiheit der Lehre" so beliebig aus, dass keiner was davon hat.

Das ging in fetten Zeiten, wo alles Törichte verkraftbar war. Jetzt geht es nicht mehr. Die drohende Jugendarbeitslosigkeit und deren entsetzliche Langzeitfolgen verlangen einen "Big Deal" der Gesellschaft.

Mein Vorschlag: Man akzeptiert künftig ein Viertel der Schulpläne als gemeinsames Meisterstück von Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung, das mit dynamischen Modulen den wichtigsten Technologiesprüngen anpassbar ist. Jetzt beispielsweise wäre gerade noch Zeit, die Elektrifizierung der Fahrzeuge zu bedenken. Sodass, wenn diese in zehn Jahren in ihr "Momentum" (den größten Schwung) tritt, unsere ersten Schüler und Studenten neuer Art von aller Welt gefragt sind.

Auch nicht ideal für die heimischen Unternehmer, die diese Absolventen dann gern für sich hätten, nun aber (von der Gewerkschaft gern gesehen) umwerben müssen, als wären sie Koreaner.

Doch wie viel besser jedenfalls, die eigenen Kinder begehrt und zukunftssicher und wohlhabend zu wissen, als noch höhere Steuern für Arbeitslosigkeit und Antidepressionsprogramme der Jugend zahlen zu müssen.


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