Antonella Mei-Pochtler: Was tun gegen Fake-News?

Antonella Mei-Pochtler: Was tun gegen Fake-News?

Antonella Mei-Pochtler - Senior-Partnerin The Boston Consulting Group

Analyse. Strategien gegen Fake-News und ihre zerstörerischen Effekte müssen letztlich auf aufgeklärte, mündige Bürger setzen.

Das Mediengeschäft floriert wieder. Wenn Trump twittert, Putin antwortet und der Papst auf YouTube Statements setzt, dann rollt der Rubel, pardon, Dollar, vor allem bei Google und Facebook, die über 50 Prozent des Online-Werbemarktes dominieren. Soziale Medien haben uns und die Welt erobert, in Nutzungsgrad, Reichweite und Relevanz die klassischen Kanäle längst überholt.

Nicht aber in puncto Vertrauen: Laut der "Trust in Media"- Studie 2017 der EBU genießen die Evergreens Radio und Fernsehen das höchste und die sozialen Medien das geringste Vertrauen. Zu Recht, denn die Fake-News und Alternative Facts grassieren vor allem im Netz: Gefühlte Wahrheiten werden zu besseren Argumenten, Verschwörungstheorien durch "Experten" und Anhänger - ohne genaue Zahl - legitimiert und durch Bots massiv multipliziert.

Fake-News waren schon 1835 ein Geschäft, als die "New York Sun" mit Berichten über die Sichtung von riesigen Menschenfledermäusen und anderen Kreaturen auf dem Mond aufhorchen ließ und die Auflage von 8.000 auf 19.000 stieg. Die "Sun" als eine der ersten werbefinanzierten Zeitungen schaffte es so, die Londoner "Times" über Monate zu überholen, bis der Betrug aufflog.

Die Fake-News-Economy ist inzwischen zu einem systematischen, maschinengestützten Geschäftsmodell geworden, zu einem echten Milliardenbusiness. Wenn "das Medium die Nachricht ist", wie es in Marshall McLuhans Klassiker "Understanding Media" heißt, dann ist der Siegeszug der sozialen Medien auch der Siegeszug des Misstrauens, der Emotionen, des Sofortismus und der Verwirrung durch Überinformation. Wahrheit ist nur noch eine Meinung von vielen. Noch nie klang der Spruch von der "Wisdom of the Crowd" hohler: Was ist wahr, was erfunden, und wer kann - und will - das noch unterscheiden?

Die Folgen sind real - siehe Brexit: Mit einer beispiellosen Kampagne unwahrer Behauptungen wurde die EU von Boris Johnson &Co. demontiert. Unter anderem behaupteten sie, dass London jährlich 18 Milliarden Pfund an die EU zu zahlen habe; die richtige Zahl ist acht Milliarden. Oder die Behauptung, dass gemäß EU-Richtlinien Kinder unter acht Jahren keine Ballons aufblasen dürften - eine freie Erfindung. Für diesen glatten Betrug wurde aber niemand belangt, sondern Johnson sogar zum Außenminister befördert.


Demokratie braucht mündige Bürger, die nicht auf Lügen hereinfallen

Das relativiert, ja, beraubt uns des basisdemokratischen Werkzeugs des Plebiszits. Im postfaktischen Zeitalter, in Zeiten, in denen die einfachsten Antworten die größte Verführungskraft entwickeln -und Geschäftspotenzial versprechen -, spricht vieles für die parlamentarisch verfasste Demokratie und für die oft gescholtenen entschleunigten Gremien, ihre langweiligen Debatten, all die Experten.Kurz: für das ganze Ringen um Argumente im Für und Wider.

Demokratie braucht mündige Bürger, die nicht auf Lügen hereinfallen und die wissen, wofür oder wogegen sie ihre Stimme geben. Es ist daher nur konsequent, dass im Kampf gegen Fake-News inzwischen staatliche Maßnahmen diskutiert werden. Vorschläge reichen von Verbot und Strafbarkeit einer Verbreitung von Fake-News über ein Abwehrzentrum gegen Desinformation - so wie das staatliche Abwehrzentrum gegen Terrorismus und hybride Bedrohungen (CTHH) in Tschechien - bis hin zur Idee, das allgemeine Wahlrecht an einen Mündigkeitstest zu knüpfen.

Staatliche Maßnahmen sind aber nicht die Lösung: In einer globalen Aufmerksamkeitsökonomie, die spektakuläre Storys in Klicks, Reichweite und sprudelnde Werbeerlöse verwandelt, müssen die Nutznießer herangezogen werden.

Die großen Internetkonzerne müssen handeln: Facebook hat sich mit dem Recherchezentrum Correctiv verbündet, die Stiftung des eBay-Gründers Pierre Omidyar spendete 100 Millionen Dollar zur Verringerung kommerzieller Anreize für Fake News-Anbieter. Gemeinsam mit der Open Society Foundation von George Soros unterstützen sie Full-Fact, eine Factchecking-Organisation. Hierzulande hat Dietrich Mateschitz mit Quo Vadis Veritas eine multimediale Rechercheplattform gegründet.

Und es gibt Start-ups wie Tracemap, das über die Visualisierung des Ursprungs und des Entwicklungspfades von Nachrichten das Erkennen von Fake-News fördert. Es besteht also Hoffnung, dass Fake-News durch die breite gesellschaftliche Debatte schon viel von ihrer toxischen Wirkung verlieren, bevor sie größeren Schaden anrichten.


Der Gastkommentar ist im trend. Ausgabe 30-31/2017 vom 28. Juli 2017 erschienen.
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