Antonella Mei-Pochtler: Tod/Lob der Mitte

Antonella Mei-Pochtler - Senior-Partnerin The Boston Consulting Group (BCG)

Antonella Mei-Pochtler, Senior-Partnerin The Boston Consulting Group

Gastkommentar. Warum wir gerade in Zeiten der zunehmenden Polarisierung mehr denn je die Mitte brauchen.

IN MEDIO STAT VIRTUS , die wahre Tugend liegt in der Mitte, heißt es in den Metamorphosen des Ovid; wer die Mitte findet, sieht das Ganze, weiß das chinesische Sprichwort. Die Wandlung von der goldenen und gelobten zur gefährdeten und bedrohten Mitte lässt sich in vielen Lebensbereichen feststellen - als Verschiebung innerhalb der Wirtschaft, als Polarisierung der Gesellschaft, als Radikalisierung politischer Positionen.

Seit den 80er-Jahren ist zu beobachten, dass "die Mitte" - in Gestalt der mittleren Marken - kontinuierlich an Attraktivität verliert; eine rosige Zukunft, so scheint es, gibt es für die Luxushersteller auf der einen, für die Discounter auf der anderen Seite. Untersuchungen zeigen, dass sich ein Drittel der Mitte-Marken im Spannungsfeld der Pole behauptet - für zwei Drittel dagegen mutiert die goldene Mitte zum verlorenen Posten. Diese Entwicklung in den Einkaufsstraßen ist Symptom eines weiter reichenden Wandels: des Schwindens der Mitte in vielen Gesellschaftsbereichen.

Österreich liegt nicht nur geografisch in der Mitte Europas. Der Mittelstand trägt die Wirtschaft, die Mittelschicht den Staat, auch finanziell. Die übliche Definition dieser Mitte bezieht sich auf das Haushaltseinkommen. Zur Mitte gehört demnach in Österreich, wer monatlich netto zwischen 1.090 und 2.347 Euro hat; das sind rund fünf Millionen Menschen oder 57 Prozent der Haushalte.

Diese tragende Säule ist brüchig geworden. Abstiegsängste, Sorgen um die Arbeitsplatzsicherheit, Zuwanderung -es überwiegt der Eindruck, dass die Zeiten sich zum Schlechteren verändern, dass die Einkommen stagnieren, die hohen Steuern davon zu wenig übrig lassen, dass alles teurer wird und es für Jüngere und Ältere immer schwerer wird, gute Jobs zu finden. Schuld daran seien sowohl "die da oben", die Reichen oder die politische Klasse, als auch "die da unten", angebliche Sozialschmarotzer und insbesondere die wachsende Zahl der Migranten. Der österreichische Gini-Index, mit dem Einkommensungleichheit gemessen wird, ist einer der besten der Welt und hat sich über die letzten Jahre kaum verändert. Aber das Gefühl ist ein anderes - das belegen Wahlerfolge populistischer Parteien.


Die Stärkung der verfügbaren Einkommen gerade der Mittelschicht ist zentral

Die Verlustängste der Mitte lassen sich nicht allein auf Einkommenslagen reduzieren. Die Mitte ist auch der Ort (gewesen?), der Sicherheit und Stabilität verspricht. Beides ist für die jüngere Generation immer schwerer zu erreichen. Während die Babyboomer noch mit soliden Festverträgen und Pensionszahlungen versorgt und in Verbänden organisiert waren, wächst bei den Jüngeren der Anteil derer, die -selbst mit guter Ausbildung -sich von Projekt zu Projekt hangeln, im sogenannten Prekariat leben oder sich als Einpersonenunternehmen, die sich in Österreich rasant vermehrt haben, durchschlagen.

Für viele ist das Grund genug, die klassischen Stationen der Lebensmitte, Kinder, Familie, Haus und Hund, auf unbestimmte Zeit zu verschieben - oder gleich ganz darauf zu verzichten. Mit einer Fertilitätsrate von 1,4 Kindern liegt Österreich im globalen und europäischen Vergleich weit hinten und wird sich auch künftig auf eine weitere Verschiebung der Altersstruktur und deren Folgen einstellen müssen.

WAS STÄRKT DIE MITTE? Was schützt vor dem Gefühl der fortschreitenden Polarisierung? Wir brauchen einen politischen Diskurs, der die Kraft der Mittelschicht würdigt und festigt, der ökonomische und gesellschaftliche Ziele verbindet, anstatt sie gegeneinander auszuspielen oder mit extremen Szenarien und Positionen in erster Linie nach Aufmerksamkeit, nicht nach Antworten zu suchen. Natürlich sind auch Aktivitäten für Minderheiten wichtig, aber Initiativen, die gezielt den Mittelstand in den Fokus rücken, kleinere und mittlere Unternehmen fördern, stellen einen wichtigen Schritt dar, damit die Mittelschicht nicht nur wächst, sondern das Gefühl zunehmender Opportunitäten entwickelt.

Die Stärkung der verfügbaren Einkommen gerade der Mittelschicht ist zentral; Investitionen in eine Bildungslandschaft, die zwischen Ausbildung und Arbeitswelt nicht mehr nur eine lineare, sondern viele Querverbindungen sowie Brücken zwischen unterschiedlichen Arbeitsfeldern baut, sorgen für die langfristige Stabilisierung der Mittelschicht - über alle Altersgruppen hinweg: reale Aufstiegschancen gegen diffuse Abstiegsängste. Denn nicht nur die Tugend liegt in der Mitte, sondern auch die Zukunft.

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