Ex-Politiker und ihre Jobs: "Geschädigte Sinne"

Ex-Politiker und ihre Jobs: "Geschädigte Sinne"

Anneliese Rohrer

Es muss jeder mit sich selbst ausmachen, wo die Prioritäten im Leben nach der Politik liegen: bei hohem Kontostand oder intakter Integrität.

"The world in Vorarlberg is too small for me", gestand der ehemalige Vizekanzler Hubert Gorbach am 18. Juli 2007 in einem Brief an den britische Schatzkanzler Alistair Darling von der Labour Party. Er stellte sich als künftiger Berater und Lobbyist vor. Gorbach hoffte, dass "our good contacts will be upright furthermore". Mit den "aufrechten guten Kontakten" war es dann nicht weit her. Das lag vielleicht auch daran, dass Gorbach den Namen falsch geschrieben hat.

Aber der Mann hatte recht. Nicht nur in Vorarlberg, sondern in ganz Österreich ist für viele ehemalige Politiker die Welt "zu klein". Daher suchen etliche von ihnen das Weite. Manche bis nach Oberwaltersdorf, wo sie parteiübergreifend bei Frank Stronach anheuerten. Manche bis nach Kasachstan wie Alfred Gusenbauer. Manche bis nach Gumpoldskirchen wie Eva Glawischnig.

Weil aber die Welt in Österreich ungerecht ist und jeder Ex-Funktionsträger in seiner postpolitischen Zeit von den Medien unter Versorgungs- und/oder Korruptionsverdacht gestellt wird, hat jeder Politiker als Privatperson das Recht, sein Auskommen irgendwo zu suchen.


Das Recht, die eigene Glaubwürdigkeit zu ruinieren.

Er oder sie hat auch das Recht, seine eigene Glaubwürdigkeit zu ruinieren. Es ist alles eine Frage des Charakters. Problematisch wird es dann, wenn die Glaubwürdigkeit der Politik als solche beschädigt wird; wenn auch geistige Korruption sichtbar wird, weil das angebotene Geld in keiner Relation zur erbrachten Leistung steht; wenn der Leitsatz gilt: Je höher die Beträge, desto dubioser der Arbeitgeber.

Es muss jeder mit sich selbst ausmachen, wo die Prioritäten im Leben nach der Politik liegen: Bei hohem Kontostand oder intakter Integrität. Das Leben in der politischen Blase dürfte aber die Sinne geschädigt haben. Den Geruch- und Geschmackssinn jedenfalls. Dann hat man für den Mief und den schlechten Beigeschmack einer Tätigkeit kein Sensorium mehr.

Verwerflich wird die Sache dann, wenn jemand noch im Amt ist und dieses zum Vorteil seines künftigen Geldgebers nützt. Das ist dann keine Frage des Charakters mehr, sondern Korruption.


Die Autorin

Anneliese Rohrer ist die Grande Dame des österreichischen Journalismus.


Der Kommentar ist der trend-Ausgabe 10/2018 vom 9. März 2018 entnommen.

Standpunkte

Alois Czipin - Putzkolonne statt Insolvenzverwalter

Kommentar
trend Chefredakteur Andreas Lampl

Standpunkte

Andreas Lampl: Jenseits dichter Grenzen

Kommentar
Franz Ferdinand Wolf

Standpunkte

Franz Ferdinand Wolf: Die Reise nach Jerusalem