Anleitung für eine missglückte Bildungsreform

Andreas Salcher

Andreas Salcher, Bildungsexperte und trend-Autor

Essay von Andreas Salcher: Stillstand ist die dominierende Bewegungsart bei allen bisherigen Reformversuchen im Bildungssystem. Also folgen wir weiterhin diesem bewährten Motto.


"Das Gegenteil von schlecht muss nicht gut sein -
es kann noch schlechter sein."
Paul Watzlawick

Aus gewöhnlich gut informierten Kreisen hört man, dass Türkis und Grün im Bildungsbereich Welten trennen. Daher bedarf es bei diesen Regierungsverhandlungen vor allem Expertise im Bereich der therapeutischen Konfliktlösung. Die Methode der paradoxen Intervention, die vom bedeutenden Psychotherapeuten Paul Watzlawick mitgeprägt wurde, drängt sich in Kenntnis der beteiligten Parteien geradezu auf. In Anlehnung an dessen Werk "Anleitung zum Unglücklichsein" erlaube ich mir daher einige unerbetene Ratschläge.


Österreichs Schulsystem muss die Nummer eins werden - zumindest bei den Kosten.

Österreich hat, von einer breiteren Öffentlichkeit unbemerkt, bei den Ausgaben pro Schüler nach der OECD-Studie 2018 "Bildung auf einen Blick" bereits das zweitteuerste Schulsystem der Welt. Nur Luxemburg ist teurer. Die überholen wir auch noch. Folgende Maßnahmen würden sicherstellen, dass wir unangefochten das teuerste Schulsystem der Welt schaffen: Am schnellsten lässt sich dieses Ziel durch noch mehr Geld und noch mehr Lehrer erreichen, wobei die Richtung ohnehin schon stimmt.

Entgegen allen Behauptungen hat sich das österreichische Bildungsbudget in den letzten zehn Jahren immer nur nach oben entwickelt: von 6,73 Milliarden im Jahr 2008 auf 8,821 Milliarden Euro im Jahr 2018. Die Zahl der Schüler ist in den letzten 40 Jahren mit kleinen Schwankungen um knapp neun Prozent gesunken, die Zahl der Lehrer hat sich fast verdoppelt.

Dieser konsequente Weg muss fortgesetzt werden, indem wir mindestens zusätzlich 10.000 neue Lehrer aufnehmen. OECD-Bildungsvergleiche beweisen zwar, dass es keinen positiven Zusammenhang zwischen den Kosten und der Qualität eines nationalen Schulsystems gibt, aber von derartigen Fakten sollten wir uns keinesfalls verunsichern lassen.

Auch die Absicherung aller 1.500 Klein- und Kleinstschulen, gerade solcher mit nur mehr drei oder fünf Schülern, würde einen wichtigen Beitrag leisten. Die Frage, wie es gelingen soll, alle bestehenden 5.700 Schulen pädagogisch auf ein hohes Niveau zu führen, genug geeignete Direktoren und Lehrer zu finden und gleichzeitig in den wachsenden städtischen Ballungsräumen ständig neue Schulen zu bauen, kann man in Ruhe angehen.

Es empfiehlt sich der bewährte Managementgrundsatz: Widme dich immer nur den dringenden Problemen und ignoriere die wichtigen, so lange, bis die wichtigen dringend werden.


Rom wurde nicht an einem Tag erbaut - nur nicht hudeln.

Über ein zeitgemäßes Pädagogengesetz mit einem "All-inclusive-Jahresarbeitszeitmodell", zeitgemäßen Arbeitsplätzen und einem Mittelmanagement mit Aufstiegschancen wird seit Elisabeth Gehrer, Bildungsministerin von 1995 bis 2007, geredet. Was sind 25 Jahre schon aus der Perspektive von 300.000 Jahre Menschheitsgeschichte?

Viel entscheidender ist das traditionelle Versprechen jeder neuen Regierung, diesmal aber wirklich ganz mutig eine Bildungsreform anzugehen.

Gebe es endlich eine eigene PISA-Disziplin "Ankündigung von Reformen", wären wir darin unschlagbar. Das würde uns darüber hinwegtrösten, dass unsere Schüler bei den Ergebnissen von PISA 2015 in den Naturwissenschaften auf dem 26., im Lesen gar auf dem 33. Platz lagen. Nur praxisferne Träumer und selbsternannte Bildungsexperten erkennen darin einen gewissen Handlungsdruck.

In der Wirtschaft gibt es den Spruch "Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen". In der Schule herrschen die Langsamen über die Schnellen. Und da sich die Langsamen bei allen bisherigen Reformversuchen überhaupt nicht bewegt haben, wurde der Stillstand zur dominierenden Bewegungsart. Wie gefährlich eine zu hohe Geschwindigkeit ist, zeigen doch die Drängler auf der Autobahn. Folgen wir weiterhin lieber dem bewährten Motto "Ein parkendes Auto braucht keine Bremsen."


Türkis-grünes Rotationsprinzip für den Bildungsminister.

Gabriele Heinisch-Hosek war knapp zweieinhalb Jahre Bildungsministerin, Sonja Hammerschmid 18 Monate, Heinz Faßmann 16 Monate, Iris Rauskala wird voraussichtlich kürzer als ein Jahr im Amt sein. Wie wir aus der Wirtschaft wissen, hält ständiger Wechsel an der Spitze jede Organisation auf Trab, vor allem eine mit 125.000 Mitarbeitern.

Das Bildungsministerium sollte daher in Zukunft jährlich zwischen Türkis und Grün rotieren. Aufkeimende Konflikte, wer dieses nun führen soll, würden dadurch im Ansatz verhindert. Weltanschaulich ließe sich durch diese Rotation ein breites Spektrum abdecken.

Ein Jahr steuern wir das gesamte Schulsystem nach links, Noten werden abgeschafft, Deutschklassen aufgelöst. Das Kopftuch wird schon in der Volksschule als wichtige Integrationsmaßnahme ausdrücklich erwünscht, die Einführung der Gesamtschule aufwendig geplant. Im Folgejahr wird dann massiv in die Gegenrichtung gesteuert. Mit ein bisschen Fantasie könnte man das sogar als "agile Führung" verkaufen.


Verfassungsrechtliche Absicherung des seit 100 Jahren bewährten Fächerkanons.

Der klassische Fächerkanon mit bis zu 22 genau abgegrenzten Gegenständen hat sich seit 100 Jahren bestens bewährt. Ganz oben steht in dieser gottgewollten Hierarchie die Religion, an letzter Stelle der Körper.

Der Lehrer hat das Wissen und versucht sein Bestes, um dieses in den bewährten 50-Minuten-Einheiten dem Schüler vorzutragen. Es liegt dann an den Schülern und vor allem an deren Eltern, diesen Wissensschatz zu heben, um ihn bei Prüfungen exakt wiedergeben zu können.

Wer das nicht schafft, der ist eben zu blöd für die entsprechende Schulstufe und sollte diese wiederholen oder den Schultyp wechseln. Jedes Abgehen von diesem erprobten System würde nur zu Chaos führen und pädagogische Herrschaftsgebiete gefährden.

Wo kämen wir denn da hin, wenn ein Mathematiklehrer auf einmal durch lebensnahe Projekte dem Physiklehrer hineinpfuschen würde? Die Versuche von übereifrigen Lehrern, Ideen wie fächerübergreifenden Projektunterricht oder soziale Lernen umzusetzen, haben sich völlig zu Recht nie durchgesetzt.


Die heiligen Kühe "Halbtagsschule" und "Lehrerdienstrecht" nicht antasten.

Bisher ist es stets gelungen, die Angriffe von neuen Regierungen auf die zwei Stabilitätsfaktoren unseres Schulsystems abzuwehren. Zwar ist nicht zu erwarten, dass sich das diesmal ändern wird, sicherheitshalber sollten diese beiden Systemkonstanten von Anfang an außer Streit gestellt werden.

Erstens: das Halbtagesschulsystem mit 14 Wochen Ferien. Zweitens: das Lehrerdienstrecht mit dem Besoldungsrecht nach abgeleisteten Stunden und dem totalen Kündigungsschutz selbst für absolut Ungeeignete.


Ideologie statt Fakten - der Streit um die Gesamtschule muss weitergehen.

Seit der Diskussion über die Atomenergie in den 1970er-Jahren wurde keine Debatte mehr mit so viel Fanatismus und widersprüchlichen Statistiken geführt wie die Frage, ob eine gemeinsame Schule aller Zehn- bis 14-Jährigen zu mehr Chancengerechtigkeit oder zu einer noch größeren Nivellierung nach unten führt.

Die Grünen sind aus tief verwurzelten ideologischen Gründen für die Gesamtschule, die ÖVP lehnt sie mit der gleichen Vehemenz ab. Dieser dreißigjährige Krieg um die Begriffe Leistung und Gerechtigkeit hat bisher jeden ernsthaften Reformversuch im Keim erstickt.

Dafür haben die Ideologen auf beiden Seiten gesiegt: Unser Schulsystem ist leistungsfeindlich und sozial diskriminierend, wie uns die OECD jährlich testiert. Die Tatsache, dass es Schulsysteme wie in Skandinavien, Neuseeland oder Kanada gibt, in denen Leistungsorientierung und Gerechtigkeit keine Widersprüche sind, kann weiterhin hartnäckig ignoriert werden.

Und ganz wichtig: Die Vergabe aller Direktorenposten nach Parteibuch muss weiterhin gesichert werden, kommen halt auch einige grüne Kandidaten zum Zug. Wichtig ist nur, dass sie altgediente Lehrergewerkschafter sind.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass diese ambitionierten Maßnahmen nicht die gewünschten Ergebnisse zeigen, hat Paul Watzlawick noch einen Ratschlag vorrätig: "Wenn die hehre Ideologie Schiffbruch erleidet, verbleibt als letzte Erklärung der Hinweis auf die Mächte der Finsternis."


Zur Person

Andreas Salcher Der Bildungsexperte, Bestsellerautor und Unternehmensberater ist regelmäßiger trend-Autor. Im September ist sein neues Buch "Der talentierte Schüler und seine ewigen Feinde" erschienen.

Andreas Salcher - Der talentierte Schüler und seine ewigen Feinde. 280 Seiten, Ecowin, 24 Euro.


Der Essay ist in der trend-Ausgabe 46-47/2019 vom 15. November 2019 erschienen.
Zum Abo-Shop und E-Paper Download

Jederzeit bereit zum Gebet mit dem eRosary am Handgelenk.

Standpunkte

E-Rosenkranz: Glauben, beten, gewinnen

Kommentar
Ken Fisher, US-Investmentberater und Autor

Geld

Ken Fisher: Mein Rat an die Zentralbanken

Kommentar
Franz C. Bauer, trend-Redakteur

Standpunkte

Thomas Cook - Eine Pleite von historischer Dimension

Lukas Sustala, Ökonom und stv. Direktor Agenda Austria

Politik

Wahlzuckerl: Süßes, und dann Saures [#NRW19]