Andreas Salcher: Ein Lob der Ungleichheit

Essay. Soll im Prinzip jeder Schüler eine Mathematik-Matura bestehen? Nein! Nicht jeder Mensch kann alles erreichen, selbst wenn er sich noch so anstrengt.

Andreas Salcher

Andreas Salcher - Bestsellerautor, Bildungskritiker und regelmäßiger trend-Autor.


Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, um das Leben führen zu können, das uns erwartet."

JOSEPH CAMPBELL

Wird angeborenes Talent überschätzt? Können wir mit Willenskraft alles erreichen? Oder, ganz aktuell, soll im Prinzip jeder Schüler eine Mathematik-Matura bestehen? Arbeitet man sich durch die Flut an Büchern zum Thema Talent, kreisen sie um eine Kernthese: Angeborenes Talent ist nicht entscheidend, ja: Dieses wird sogar maßlos überschätzt. Es geht vor allem um andere Faktoren wie Selbstvertrauen, Hartnäckigkeit, Leidenschaft, intensives Training, Teamwork, Charakter. Wer sich darauf konzentriert und die richtigen Entscheidungen triff, kann (fast) alles erreichen. Versucht man dagegen, ohne ideologische Brille wissenschaftliche Fakten über die menschliche Entwicklungsfähigkeit zu analysieren, kann man zu folgenden Erkenntnissen kommen:

Erstens:

Nicht jedes Kind ist hochbegabt, auch wenn die gegenteilige Behauptung des sympathischen Gerald Hüther noch so wünschenswert wäre. Nicht jeder Mensch kann alles erreichen, selbst wenn er sich selbst noch so anstrengt. Eltern tun ihren Kindern daher nichts Gutes, indem sie ihnen das gut gemeinte Märchen erzählen, dass es für sie keine Grenzen gebe, wenn sie sich nur besonders anstrengen.

Zweitens:

Spitzenleistung basiert auf großem angeborenen Leistungspotenzial und auf Übung. Um ein Spitzengeiger zu werden, braucht man 10.000 Stunden Übung. 10.000 Stunden scheinen eine magische Zahl für Spitzenleistungen zu sein - wie kann man sie erreichen? Unter Einbeziehung von Wochenenden und Ferien muss man dafür zehn Jahre lang vier Stunden täglich üben oder trainieren. Aber auch die 10.000 Stunden helfen nichts, sollte nicht auch ein außerordentliches Talent grundgelegt sein. Pablo Picasso oder John Lennon wird man nicht nur durch Übung.

Drittens:

Der Intelligenzquotient (IQ) ist angeboren und lässt sich im Laufe des Lebens nur wenig verändern. Daher besitzen nicht alle Menschen die kognitiven Voraussetzungen, um höhere Mathematik zu begreifen. Und der IQ ist zumindest für Spitzenpositionen in unserer Leistungsgesellschaft eine Grundvoraussetzung, allerdings mit abnehmendem Grenznutzen. Zu viel Analyse kann in Führungspositionen sogar zu Paralyse führen. Ein IQ von 120 reicht völlig aus, um in Organisationen Karriere zu machen oder ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen.

Ein IQ von 160 macht keinen entscheidenden Unterschied - außer man will unbedingt einen Nobelpreis. Mit einem unterdurchschnittlichen IQ, also deutlich unter 100, wird man dagegen höchstwahrscheinlich zumindest beruflich keinen nachhaltigen Erfolg haben. Offenbar ist Intelligenz sehr wohl ein entscheidender Faktor.

Damit ist aber nicht nur die logischmathematische, sondern im Sinne des Konzepts der multiplen Intelligenzen des Harvard-Psychologen Howard Gardner auch die sprachliche, die räumliche, die musikalische, die körperliche, die empathische und die selbsterkennende Intelligenz gemeint.

Viertens:

Noch eine sozial unerwünschte Wahrheit - je gezielter die individuellen Talente von Menschen gefördert werden, desto stärker treten deren Unterschiede hervor. Wer gleiche Ergebnisse bei unterschiedlichen genetischen und sozialen Startvoraussetzungen erzielen will, müsste zwangsläufig die Anforderungen senken und objektive Leistungsvergleiche verhindern.

Im Sport ist diese Tatsache noch weitgehend unbestritten. Tennis ohne Netz oder 100-Lauf ohne Zeitnahme würden keine Stadien füllen. Täglich trainieren weltweit Millionen ehrgeiziger junger Menschen mit Disziplin und Willenskraft bis zur Erschöpfung, um der nächste Lionel Messi oder die nächste Serena Williams zu werden. Irgendwann müssen fast alle erkennen, dass sie sich noch so anstrengen können, es gibt immer jemanden, der einfach besser ist.

An Schulen und Universitäten versucht man dagegen immer vehementer, gleiche Ergebnisse trotz unterschiedlicher Voraussetzungen zu erzielen. Je weiter man sich von der Erreichung dieses Ziels entfernt, desto mehr erhöht man die Anstrengungen.


Jagen wir uns selbst und unsere Kinder mit viel Aufwand auf den Weg der Überforderung, endet dies meist mit Enttäuschungen oder Schuldzuweisungen an andere.

So wird derzeit ernsthaft diskutiert das Niveau der Zentralmatura in Mathematik abzusenken, statt die oft bescheidene pädagogische Qualität des Unterrichts durch Lehrerweiterbildung zu verbessern. So darf es nicht verwundern, dass es selbst eine bürgerliche Regierung nicht mehr wagt, beim wiederholten Rettungsversuch der gescheiterten Neuen Mittelschule von der Wiedereinführung von Leistungsgruppen zu reden. Es werde stattdessen, politisch korrekt, "Entwicklungsgruppen" geben.

Fakt ist: In Wien spricht jedes zweite Volksschulkind nicht mehr Deutsch als Umgangssprache, jeder fünfte Schüler geht in eine Privatschule, und mehr als die Hälfte aller Schüler besuchen nach der Volksschule eine AHS-Unterstufe.


Die AHS-Unterstufe ist schon lange eine Gesamtschule für die Bildungsschichten.

Das bedeutet bei ideologiebefreiter Betrachtung, dass die AHS-Unterstufe schon lange eine Gesamtschule für die Bildungsschichten ist, während die "Neue" Mittelschule immer mehr zum B-Zug der alten Hauptschule wird. Man muss kein Prophet sein, um einschätzen zu können, was das für den Arbeitsmarkt und das Sozialsystem in zehn Jahren bedeuten wird.

Ich persönlich bevorzuge Systeme, die sich das erreichbare Ziel der Chancengerechtigkeit setzen: Jeder hat ein Recht darauf, dass seine Talente im Bildungssystem maximal gefördert werden, wissend, dass dadurch Unterschiede stärker hervortreten.

Der getäuschte Mensch ist fast immer ein unglücklicher Mensch. Jagen wir uns selbst und unsere Kinder mit viel Aufwand auf den Weg der Überforderung, endet das meist mit Enttäuschung oder Schuldzuweisung an andere.

So wie Kindern von überehrgeizigen Eltern die Freude an ihrem Talent ausgetrieben wird, stehen sich viele Menschen später im Berufsleben bei der Entfaltung ihrer Talente selbst im Weg. Jedes Jahr verschwenden Unternehmen Milliarden für Schulungsmaßnahmen, um Mitarbeiter für Positionen auszubilden, für die ihnen die Voraussetzungen fehlen, statt die dafür geeigneten zu rekrutieren.

Die eigene Genievermutung ist ein weitverbreitetes Leiden, quer durch alle Hierarchieebenen von Unternehmen und Organisationen. 97 Prozent der Führungskräfte glauben von sich selbst, gute Führungskräfte zu sein. Befragt man allerdings Mitarbeiter, so sagen 37 Prozent, dass sie in ihrer Laufbahn mindestens einmal eine schlechte Führungskraft hatten. Das deutet einerseits auf verzerrte Selbstwahrnehmungen hin. Andererseits ist das wahrscheinlich ein notwendiger Schutzmechanismus, um in Organisationen durchkommen zu können.

Fazit:

Am Beginn unseres Lebens sind wir fast völlig außenbestimmt: von den Gaben, die uns der Zufallsgenerator der Genetik zuteilt hat, und von den Fähigkeiten unserer Eltern, uns durch Zuwendung und kluge Förderung bestmöglich zu fördern. Spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben werden wir dagegen selbst für alles verantwortlich gemacht - ob uns das gefällt oder nicht. Jeder kann nicht alles erreichen, egal, wie sehr er sich anstrengt. Jeder kann aber alles versuchen. Jeder kann so mutig sein, sich nicht vor dem Scheitern zu fürchten. Scheitern kann man nur an den eigenen Erwartungen. Kein Leben verläuft ohne Phasen der Stagnation.

Wer frühzeitig gelernt hat, mit Rückschlägen umzugehen und sich von Illusionen zu trennen, der kann darauf vertrauen, dass seine Stunde kommen wird, wo plötzlich der Wind die Segel erfasst und er zu unentdeckten Kontinenten seiner Fähigkeiten aufbricht. Oder, wie es die US-amerikanische Dichterin Emily Dickinson formuliert: "Wir wissen nicht, wie groß wir sind, bis sie uns zum Aufstehen zwingen. Und wenn wir es dann wirklich tun, wird unser Kopf durch die Wolken dringen."


Der Autor

Andreas Salcher ist Bestsellerautor, Bildungskritiker und regelmäßiger trend-Autor. Gemeinsam mit Primas Consulting berät er Unternehmen dabei, die Herausforderungen der digitalen Transformation zu bewältigen.


Das Essay ist der trend-Ausgabe 22/2018 vom 1. Juni 2018 entnommen.

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