Andreas Salcher: "Dem neuen Jahr Sinn geben"

Viktor Frankl hat seine Lehre vom Sinn des Lebens am dunkelsten Ort der Welt entwickelt, den Konzentrationslagern der Nazis. Die Fähigkeit, jeder Lage - auch der schlimmsten - Sinn abringen zu können, erwies sich dort als die wirksamste Überlebensstrategie. Diese Erkenntnis bietet das nötige Rüstzeug, um die Ängste, Krisen und Verluste in der Pandemie besser zu bewältigen.

Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater

Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater

Man kann den Menschen im Konzentrationslager alles nehmen , nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen", lautet die Kernaussage von Viktor Frankls Weltbestseller "trotzdem Ja zum Leben sagen". Wahrhaftiger Optimismus erfordert aber mehr als positives Denken. Gute Absichten sind in schwierigen Situationen zu wenig. Es geht darum, sich die Möglichkeiten konkret vorstellen zu können, die aus der Wahl unserer Einstellung entstehen. Studenten können darunter leiden, dass sie geplante Auslandsstudien absagen müssen, oder sie nutzen die Zeit der virtuellen Universität, um Prüfungen effizienter zu absolvieren, um dann entspannter reisen und feiern zu dürfen, sobald das wieder möglich ist. Spitzenmanager können den Verlust des persönlichen Kontakts zu ihrem engsten Führungsteam beklagen oder das Potenzial der virtuellen Kommunikation zu allen Mitarbeitern und Kunden nutzen. Wir haben die Freiheit, unsere Wahl zu treffen, sei dieser Gestaltungsraum auch klein. Es ist erstaunlich, wie wenig wir diese Wahl nutzen.

Dabei können wir lernen, unsere Aufmerksamkeit so zu lenken, dass wir auch sehr schwierige Situationen bewältigen. Wir können in jedem Augenblick unseres Lebens Sinn entdecken. Diesen Sinn finden wir nicht, indem wir diesen wie einen verlorenen Schlüssel in uns suchen, sondern er entsteht, indem wir durch unser Tun etwas in der Welt schaffen - und in der Liebe. Die Angebote, es im Leben richtig zu machen, sind reichlich. Der erste Schritt ist immer das Erkennen, dass ein Angebot für uns bestimmt ist, und die Bereitschaft, diese Aufgabe anzunehmen.

Die erste Aufgabe: Hören wir auf zu jammern

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben: Jammern wirkt befreiend. Die streitenden Politiker, die widersprüchlichen Gesundheitsexperten, die aggressiven und vernunftbefreiten Corona-Leugner, die absurden Versuche, eine globale Pandemie mit wirren Bundesländerverordnungen zu bekämpfen, und vieles mehr bieten verlockende Gelegenheiten zum Jammern. Auch über Jammern lässt sich Sinn erzeugen. Das kann vorübergehend befriedigen, untergräbt in letzter Konsequenz jedoch unsere Fähigkeit zur Selbstbestimmung. Jammern raubt die Möglichkeit, uns von uns selbst zu distanzieren, um neue Perspektiven zu entwickeln, und über uns zu lachen. Man muss eben nicht jede Gelegenheit zum Jammern nützen.

Die zweite Aufgabe: Das Alleinsein beherrschen

Ein Mensch ist allein, wenn kein anderer um ihn herum ist. Ein Mensch ist einsam, wenn er die Anwesenheit anderer Menschen schmerzlich vermisst. Viele, die ständig beruflich und in der Familie unter Menschen sind, sehnen sich sogar nach mehr Zeit für sich selbst. Nach Einsamkeit sehnt sich niemand. Alleinsein ist dann erträglich, wenn wir uns trotzdem mit anderen verbunden fühlen; in der Einsamkeit hingegen sind wir von anderen abgetrennt. Genau dieses Verbundensein macht den Unterschied zwischen Menschen, die das Alleinleben in der Pandemie bewältigen, und den tatsächlich einsamen Menschen. Selbst wenn das ein Tier, eine Blume, die Natur, die Musik oder der Gedanke an einen geliebten Menschen ist, es muss irgendetwas geben, dem man sich verbunden fühlt. Das kann seltsame Syndrome erzeugen. Ein bekannter Psychiater wurde in einem Interview gefragt, ob es nicht besorgniserregend sei, dass in der Pandemie allein lebende Menschen beginnen, mit sich selbst laut zu sprechen. Das sei durchaus normal, antwortete der Psychiater. Aber es gebe Menschen, die sogar mit Möbelstücken wie ihrem Sessel redeten, fragte die Journalistin nach. Auch das sei noch kein beängstigendes Symptom, gefährlich werde es erst, wenn der Sessel antwortet.

Der alles begrenzende Faktor in unsicheren Zeiten ist immer die Beziehung zu uns selbst. Dort, wo wir es nicht schaffen, sie herzustellen, sondern die Hoffnung auf andere projizieren, dass sie für uns den Garten Eden wiederherstellen, lauert die Opferfalle, in der wir uns selbst bedauern, sollten wir längere Zeit allein leben müssen. Wer seine Freunde dazu missbraucht, ständig sein Leid zu beklagen, der wird irgendwann den letzten Freund verlieren, weil dieser sich als Notnagel und seelischer Abfalleimer empfindet. Oder wie Oscar Wilde meinte: "Wenn du Einsamkeit nicht ertragen kannst, dann langweilst du vielleicht auch andere."

Allein zu leben kann einen großen Reichtum bringen, nicht als egozentrischer Egotrip, sondern im Sinne der Selbstentdeckung, mit all seinen Schattenseiten, Traurigkeiten, Leidenschaften, Ängsten, Freuden und hoffnungsvollen Tagträumen. Eine Wegstrecke in unserem Leben, auf der wir eine Zeit lang nur auf uns schauen, kann bereichernd sein. In einem besonderen Augenblick erkennen wir vielleicht: Mit mir selbst bin ich weniger allein.

Die dritte Aufgabe: Sich auf die Seite der Anständigen stellen

In seiner Rede am Wiener Rathausplatz im Jahr 1988 demaskierte Viktor Frankl den Rassenwahn: "Es gibt nur zwei ' Rassen': die Rasse der anständigen Menschen und die Rasse der unanständigen Menschen." Diese Aussage lässt sich auf alle Parteien, Religionen und Weltanschauungen übertragen. Überall gibt es die Anständigen und die Unanständigen. Die Frage ist nur, auf welche Seite man sich stellt. Wir leben in keiner Diktatur, sondern in einer der reichsten und offensten Gesellschaften der Welt. Das hat den Vorteil, dass wir weder unser Leben noch unsere Existenz riskieren müssen, wenn wir auf der richtigen Seite stehen wollen. Geschichte passiert immer in der Gegenwart, wir sind nur meist nicht fähig, das zu erkennen. Denn je aufgeheizter die Stimmung ist, desto mehr verschwimmen die Grenzen. Gibt es anständige Impfgegner und unanständige Wissenschaftler?

Dabei steckt die Sehnsucht, dass die Dinge wieder in Ordnung kommen, in vielen von uns. Am Ende des Tages bleibt von uns nur der Tropfen im Ozean. Dieser Tropfen muss keine Träne sein. Unser Leben kann gelingen. Wer will nicht ein Teil von etwas Bedeutendem sein? Wer will nicht auf der richtigen Seite gestanden sein und auf die Frage nach seiner Verantwortung antworten können: "Ich habe es gesehen, ich habe getan, was ich konnte, und das Schöne war, ich bin nicht allein geblieben"?

Mich persönlich hat das Werk von Viktor Frankl zu drei Vorsätzen für 2022 inspiriert:

Erstens: Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden. Das Leben lässt sich an der Größe eines Augenblicks messen. Die Höhe einer Bergkette wird nicht nach der tiefsten Stelle im Tal, sondern ausschließlich nach dem höchsten Gipfel bemessen. So entscheiden auch im Leben die Gipfelpunkte, und ein einziger Augenblick kann rückwirkend dem ganzen Leben Sinn geben.

Zweitens: Habe keine Angst davor, "Ich liebe dich" zu sagen, wenn du jemanden liebst. Irgendwann könntest du es sonst bereuen, dies nicht oft genug gesagt zu haben. "Ich liebe dich" sind die drei mächtigsten Worte. Sprich sie nur aus, wenn sie ehrlich gemeint sind, sonst richtet sich ihre Macht gegen dich. Die Liebe ist das Wichtigste im Leben. Richte dein Leben danach aus. Das ist die wahre Lebensaufgabe.

Drittens: Viktor Frankl scheute sich nicht, als 67-Jähriger den Pilotenschein zu machen. Diesem Vorbild zu folgen bedeutet: Hör nie auf, Neues zu lernen. Wer aufhört zu lernen, hört auf zu leben.

Apropos gute Vorsätze: Machen Sie auch in unsicheren Zeiten große Pläne für Ihr Leben, selbst wenn Sie glauben, dass Gott Sie dafür auslacht. Gott freut sich über Menschen, die Verantwortung für ihr Leben übernehmen, und lacht über diejenigen, die ihm Wünsche in den Kosmos schicken. Sorry. Ist so.


Der Autor

Andreas Salcher ist Bildungsexperte, Bestsellerautor und Unternehmensberater ist regelmäßiger trend-Autor.

Der Essay ist ursprünglich in der trend. EDITION, Dezember 2021 erschienen.

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