Andreas Lampl: Testen, testen, testen!

Leitartikel. Wenn das Ärgste überstanden ist, sollte Europa aus der Überlegenheit einiger Staaten Asiens im Kampf gegen Corona ein paar Schlüsse ziehen.

trend-Chefredakteur Andreas Lampl

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Singapur, Südkorea, Taiwan und Hongkong stehen immer auf der Liste, wenn Wirtschaftsverbände in Europa über Benchmarks in Sachen Wettbewerbsfähigkeit reden. Auch die Kanzlerpartei ÖVP und die ihr nahestehenden Wirtschaftsorganisationen schlagen zu Recht regelmäßig in diese Kerbe. Wir trösten uns dann gerne damit, dass wir Europäer wenigstens bei Innovationskraft und Problemlösungsvermögen die Nase vorne haben.

Eine der bitteren Erkenntnisse aus der Corona-Katastrophe ist, dass leider auch diese Einschätzung nur sehr eingeschränkt stimmt. Die Krisenbewältigung in Europa wirkte in den letzten Wochen im Vergleich zu etlichen asiatischen Staaten etwas amateurhaft. Wobei die türkis-grüne Regierung in Österreich ja zu den positiven Ausnahmen zählt. Mit wichtigen Maßnahmen war sie um ein paar Tage früher dran als andere Staaten. Die Kommunikation vom Bundeskanzler abwärts wirkt souverän und nachvollziehbar. In Ausnahmesituationen hat Message Control durchaus ihre Vorzüge. Im Übrigen steigt der Wert des Ibiza-Videos aus heutiger Sicht ins Unermessliche. Nicht auszudenken, wäre mit der FPÖ noch eine Partei in der Regierung, die Chemtrails für eine wissenschaftliche Disziplin hält.

Die Erfahrungen, die asiatische Länder bei Erkrankungen wie SARS und MERS machten, sind ohne Zweifel eine Erklärung für deren höhere Effizienz im Kampf gegen das Coronavirus. Aber: In einer nicht nur wirtschaftlich globalisierten Welt, in der sich Epidemien blitzschnell rund um den Erdball ausbreiten können, müssten auch Problemlösungsstrategien globalisiert sein - und zwar zeitgerecht. Da schaut Europa im Moment nicht so gut aus.

In Südkorea begann ein Biotech-Unternehmen namens Seegene, schon als die ersten Fälle in China auftauchten, mit Hilfe eines auf künstlicher Intelligenz basierenden Big-Data-Systems und eines Supercomputers einen Schnelltest mit vollautomatischer Auswertung für die Corona-Infektion zu entwickeln. Nach drei Wochen war man einsatzbereit. In einem beispiellosen Testprogramm wurden bis dato über 350.000 Menschen getestet - in Relation zur Bevölkerung vier Mal so viele wie in Österreich. Die Dunkelziffer bei Infizierten liegt dadurch in Südkorea mutmaßlich sehr viel niedriger als in anderen Staaten. Zudem werden Erkrankungen sehr früh erkannt. Beides ist essenziell für die Eindämmung der Epidemie; die auch gelang, obwohl Südkorea eines der am stärksten betroffenen Länder ist.

Seegene könnte Testkits für die Untersuchung von einer Million Menschen pro Woche produzieren. Im stolzen Europa -und in den USA - fehlte es hingegen an ausreichend Tests, und die müssen überwiegend händisch ausgewertet werden, was lange dauert. Erst jetzt verbessert sich die Ausstattung. Breit angelegte Programme - inklusive prophylaktischer Tests für Gruppen mit erhöhtem Infektionsrisiko - fanden darum nicht statt.

Auch wer in Österreich die Nummer 1450 anruft, wird erst getestet, wenn er/sie in einem Risikogebiet war und schon sehr deutliche Symptome aufweist. Der dringendsten Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO - "Testen, testen, testen!" - konnte und kann Europa nicht ausreichend nachkommen.

Auch beim Tracking, dem Nachverfolgen der Bewegungen von Menschen und ihrer Kontakte, werden die Maßstäbe in Asien gesetzt. Taiwan profitiert davon, die Daten der Krankenversicherungen mit Einreisedaten kombiniert zu haben. Potenziell Infizierte können rasch erkannt und proaktiv getestet werden. Südkorea nutzt die Daten von Handys und Kreditkarten, um gefährdete Personen ausfindig zu machen. Singapur setzt auf ein staatliches Contact-Tracing-Management. Und Lokalbesucher registrieren sich mittels einer App und können so im Fall des Falles von Behörden kontaktiert werden.

In dem Stadtstaat werden sogar Lifte in Appartementhäusern regelmäßig über Düsen automatisch desinfiziert. Das Tragen von Schutzmasken ist generell Standard. Trotz engster Verzahnung mit China haben die genannten Staaten oder sogar Hongkong die Lage unter Kontrolle, ohne das soziale und wirtschaftliche Leben völlig zum Stillstand bringen zu müssen. In Europa sind für die meisten Menschen nicht einmal Gesichtsmasken verfügbar.

Der Politik, zumal der österreichischen, ist keinerlei Vorwurf zu machen. Die Katastrophe kam völlig unvorbereitet, es fehlt an Erfahrung, man hat den Ernst der Lage erkannt. Aber Europa sollte sich seine Schwächen punkto Problemanalyse, Konsequenz und Schnelligkeit von Entscheidungen, aber auch in technologischen Belangen eingestehen, und daraus, sobald das Ärgste überstanden ist, ein paar Schlüsse ziehen.



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