Andreas Lampl: Raus aus dem Panikmodus

LEITARTIKEL. In der ersten Phase der Krise war Message Control ein probates Mittel. Jetzt muss die Politik ihre Entscheidungen transparenter begründen.

trend-Chefredakteur Andreas Lampl

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So gut wie niemand bestreitet, dass der vierwöchige Shutdown in Österreich bis Ostern notwendig war, um die Geschwindigkeit der Corona-Epidemie massiv zu bremsen und kontrollieren zu können. Aber jetzt wäre es für die Regierung langsam Zeit, das Selbstlob für diesen Erfolg zu beenden und ernsthaft die nächste Phase einzuläuten. Sprich: aus dem Katastrophenmodus rauszukommen. Dabei tut sie sich merklich schwerer. Wenn der Bundeskanzler im Fernsehen sagt, es werde bald jeder jemanden kennen, der an Covid-19 gestorben ist, dann ist das nicht nur unnötige Panikmache, sondern angesichts der Anzahl der Todesfälle auch bar jeder Realität.

In der Akutphase einer Krise lassen sich eindimensionale Lösungen nicht vermeiden, weil schnell auf ein definiertes Ziel hin entschieden werden muss, in diesem Fall die Handlungsfähigkeit der Spitäler. Nach mehr als einem Monat ist die Gefahr einer Überlastung der Intensivmedizin aber erst einmal gebannt -der Spielraum ist sogar ziemlich groß. Nun müsste der Blick auf das große Ganze gelenkt werden, auch auf die zu erwartenden psychischen, sozialen und wirtschaftlichen Langzeitfolgen. Darüber zerbricht sich zwar ein Expertennetzwerk unter dem Namen "Covid-19 Future Operations" im Hintergrund den Kopf - ohne bislang konkret umsetzbare Vorschläge formuliert zu haben. Aber von der Regierung ist dazu so gut wie nichts zu hören. Die öffentlich nachvollziehbare Diskussion über die richtige Balance von Maßnahmen wird dem türkisen Erfolgsmodell Message Control geopfert.

Martin Sprenger, ein Public-Health-Fachmann, der die Taskforce im Gesundheitsministerium inzwischen verlassen hat, warf sehr fundiert die Frage auf, ob durch einen längeren Shutdown der Bevölkerung nicht insgesamt mehr gesunde Lebensjahre verloren gehen als gerettet werden -was sich auf die medizinische Versorgung ebenso bezog wie etwa auf ökonomische Existenzängste. Das ist eine legitime, mehr noch eine notwendige Frage. Dennoch kommentierte Sebastian Kurz nur abschätzig, dass er nicht auf die falschen Experten höre, weil Sprenger die Meinung vertritt: "Es geht viel mehr, als uns die Politik weismachen will."

Ziemlich sicher ist aber auch die Arroganz, das Monopol auf den richtigen Weg zu haben, kein guter Ratgeber. Denn mittlerweile haben sich zahlreiche renommierte Mediziner aus Deutschland und Österreich zu Wort gemeldet, die Kritik an der Eindimensionalität des Kampfes gegen Corona üben. Sogar aus der Expertentruppe der Regierung ist von großer Skepsis vieler Ärzte zu hören. Und die Nationale Akademie der Wissenschaften in Deutschland empfiehlt zum Beispiel die schnellstmögliche Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen. Was hierzulande als gefährlich eingestuft wird.

Die Politik will die Risiken einer Öffnung minimieren, das ist ihr Job. Es hatte seine Berechtigung, im Shutdown Skeptiker ruhigzustellen. Aber jetzt wird es uns nicht mehr weiterbringen, jede von der Regierungslinie abweichende Meinung mit dem Satz "Wir retten Leben!" zu diffamieren. Niemand weiß bislang genug über die Wirkungsweise des Coronavirus. Wer meint, Covid-19 sei wie eine Grippe, liegt genauso falsch wie die absurden Modellrechnungen mit bis zu 100.000 Toten, die in der Politik kursierten. Es gibt viele gute Gründe, unterschiedliche Standpunkte in Betracht zu ziehen. Ohne Transparenz und Offenlegung der Grundlagen für Entscheidungen wird der "Wiederaufbau" kaum gelingen.

Die "Neue Zürcher Zeitung" hat den Österreichern in der Corona-Krise "lammfromme Spießigkeit" und "Staatshörigkeit" attestiert. Ungerecht. Denn es ist die Regierung, die den Bürgern weiterhin Selbstverantwortung abspricht und sie als Unmündige behandelt. Wahlfreiheit wird uns groteskerweise ausgerechnet beim so wichtigen Contact-Tracing gelassen, wodurch über Handy-Daten die Kontaktpersonen von Infizierten aufgespürt werden könnten. So ist die Corona-App aber völlig sinnlos.

Dem Internationalen Währungsfonds ist zu danken, dass nun zumindest der wirtschaftliche Schaden in realistische Zahlen gegossen wurde. Um sieben Prozent wird die heimische Wirtschaftsleistung demnach schrumpfen -falls sich die Lage im zweiten Quartal normalisiert, sonst können es auch zehn Prozent und mehr sein. Das liest sich schon anders als die auf Druck der Politik rosa gefärbten Zahlen der hiesigen Wirtschaftsforscher.

Langsam wird immer mehr Leuten klar, dass ab Ende Juni eine massive Pleitewelle auf das Land zurollt und die Arbeitslosenzahlen weiter explodieren werden. Dadurch wird sich der Druck auf differenziertere Problemlösungsstrategien erhöhen. Der Shutdown war die leichtere Übung.



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