Andreas Lampl: Klein, aber nicht so fein

trend Chefredakteur Andreas Lampl

Andreas Lampl, Chefredakteur

Kleine europäische Staaten sind besonders gut aufgestellt und attraktiv für junge Talente. Nur Österreich leider nicht. Wenigstens der Wirtschaftsminister erkennt langsam, warum das so ist.

Das Weltwirtschaftsforum in Davos 2016 war geprägt von einer geradezu panischen Sorge um Europa (konkret: um die Folgen der Flüchtlingskrise) - und von der Erkenntnis, dass auch die mächtigsten Konzernbosse und Ökonomen der Welt den zahlreichen bedrohlichen Unsicherheitsfaktoren ziemlich ratlos gegenüberstehen.

Ein deutlich positiveres Bild für Europa zeichnen Fakten, die in Davos in Form diverser Studien auch auf den Tisch kamen. Zum Beispiel die Studie, welche Länder die weltweit besten Talente anlocken werden, eine der wichtigsten Voraussetzungen für wirtschaftliche Prosperität. Platz eins nimmt da die Schweiz ein. Unter den Top Ten finden sich weiters Schweden, Norwegen, Finnland, Dänemark, Luxemburg, Großbritannien, die USA, Kanada und Singapur (in veränderter Reihenfolge). Nahezu identisch sieht die Liste der weltweit wettbewerbsfähigsten Regionen aus: Nur Deutschland und Hongkong verdrängen Finnland und Großbritannien.

Was auffällt: Vor allem für kleinere europäische Länder werden die Erfolgsaussichten durchaus positiv eingeschätzt, weil sie üblicherweise flexibler agieren, schneller reagieren und die fehlende Masse durch Spezialisierung und Qualifikation ausgleichen können. "Small is beautiful" sozusagen.

Was leider auch auffällt: Österreich schafft es nicht unter die Klassenbesten. Was umso bedauerlicher ist, als die Schweiz und die skandinavischen Staaten exakt unsere Peergroup repräsentieren, mit der wir uns messen müssten. Österreich hätte die gleichen guten Voraussetzungen wie diese ebenfalls eher kleinen Länder. Gemeinhin wird uns sogar noch die höhere Lebensqualität bescheinigt, was die Attraktivität für die besten Talente eigentlich zusätzlich steigern müsste. Trotzdem: nur zweite Liga.

Kanada zum Beispiel hat sich im Windschatten eines mächtigen, gleichsprachigen Nachbarn in eine exzellente Position gebracht. Österreich wird in einer vergleichbar günstigen Situation von Deutschland immer weiter abgehängt.


Das Lamento, dass Standort-Rankings nicht viel aussagen ist zu billig.

Was kann die Schweiz, was wir nicht können? Mit ihrem Lamento, dass solche Rankings total überbewertet sind, machen es sich unsere Regierungsparteien etwas leicht. Zumal unterschiedlichste Studien zu recht ähnlichen Ergebnissen kommen. Vielleicht liegt es doch daran, dass die öffentliche Hand in der Schweiz mit niedriger Steuer-und Staatsquote hervorragend über die Runden kommt. Dass schwedische Reformen des Sozial- und Pensionssystems als vorbildhaft gelten. Dass Finnland in Bildungsvergleichen besonders gut abschneidet. Oder dass Dänemark seine Verwaltung radikal vereinfacht hat.

Das Agieren der heimischen Politik im - nach dem 2008er-Crash -nun schon seit sieben Jahren andauernden Krisenmodus liefert eine Erklärung, warum Österreich hinterherhinkt. Die Bewältigung der Krise ist und bleibt zwar für Kanzler Faymann und seine SPÖ eine Großtat, die das Schlimmste verhindert hat. Die ÖVP argumentierte nicht viel anders. Zumindest dämmert es dort aber manchen, dass nach den unmittelbar notwendigen Feuerwehrmaßnahmen (Bankenhilfe, Teilzeitmodelle etc.) die Entwicklung falsch eingeschätzt wurde.

Vizekanzler und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner räumt im trend-Interview nämlich ein, man habe - in Erwartung eines baldigen Comebacks des Aufschwungs - zu langsam auf die veränderte Wachstumsrealität reagiert. Und als Lehre daraus gesteht er ein, dass eine große Chance zur Reformierung des Landes vertan wurde, weil sich die Regierung in der heißen Phase der Krise leichter getan hätte, die staatlichen Systeme (vor allem die sozialen) gründlich zu erneuern. Leichter als jetzt, da der Leidensdruck nicht mehr groß genug ist. Das klingt nach Versäumnis, nicht nach Heldentat.

Die unausweichliche Folge: Die Staatsfinanzen bieten kaum noch Spielraum. Das Geld geht für die Kosten der Vergangenheitsbewältigung, nicht für die Gestaltung der Zukunft drauf. So ein Umfeld ist weder für junge Talente attraktiv noch der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft förderlich.

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