Andreas Lampl: Einmal draußen, immer draußen

trend Chefredakteur Andreas Lampl

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Leitartikel. Das Übel hoher Arbeitslosigkeit in der Gruppe 50+ lässt sich nur wirksam bekämpfen, wenn auch Tabus gebrochen werden.

Nur wenige Arbeitslose aus der Gruppe 50+ können dem traurigen Prinzip "einmal draußen, immer draußen" entrinnen. Und überdies steigt die Zahl der Betroffenen trotz allgemeiner Entspannung auf dem Arbeitsmarkt rasant weiter. Das Problem hat so bedrohliche Ausmaße angenommen, dass die Regierung mit einer Feuerwehrmaßnahme, der "Aktion 20.000", reagiert.

20.000 über 50-Jährige sollen einen Job in der Schuladministration, in der kommunalen Verwaltung oder in gemeinnützigen Betrieben bekommen. Wobei Bundeskanzler Kern jeden Zweifel, ob das funktionieren kann, gereizt dem österreichischen Raunzertum zuschreibt. Das gilt auch für den Koalitionspartner.

Kern hat insofern recht, als es keine Vorbehalte dagegen geben darf, älteren Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, durch sinnvolle Beschäftigung Selbstwertgefühl und Selbstachtung zurückzugeben. Die Frage muss aber schon erlaubt sein, ob die ausschließliche Ausrichtung der Aktion auf öffentliche Dienste der Weisheit letzter Schluss ist. Man kann ja nicht sagen, dass der Verwaltungsapparat unterbesetzt wäre. Die Skepsis des Finanzministers ist berechtigt. Mit dem Geld, das ein Arbeitsloser kostet, ließen sich wohl auch produktivere Fördermodelle in privaten Betrieben finanzieren.

Viel ärgerlicher als die koalitionsinternen Rempeleien ist die zur Schau gestellte Betroffenheit über die hohe Zahl älterer Langzeitarbeitsloser. Das gesamte politische System des Landes inklusive der Sozialpartner muss lange wissen: Diese Entwicklung war nicht nur absehbar, sondern zwingend. Über Jahrzehnte hat besonders die SPÖ ein exzessives Frühpensionierungs-System etabliert, um Arbeitslosenstatistiken zu frisieren und sich als Beschäftigungs-Europameister feiern zu lassen - was nie der Realität entsprach. Unter Beifall der Gewerkschaften und Beihilfe der Wirtschaftskammer wurden die Kosten dafür auf die Allgemeinheit abgewälzt. Die Staatsunternehmen lebten vor, wie das Spiel läuft.

Erst als dem Pensionssystem der Kollaps drohte, wurde dieser Praxis schweren Herzens ein Riegel vorgeschoben und der Zugang in die Früh- bzw. Invaliditätspension erschwert - mit logischen Folgen, weil dafür von niemandem arbeitsmarktpolitische Vorkehrungen getroffen worden waren. In Österreich stehen 46,3 Prozent der 55-bis 64-Jährigen im Erwerbsleben, in Deutschland sind es rund zwei Drittel, in Skandinavien bis zu drei Viertel. Ein klarer Beweis: Dieses Problem ist hausgemacht.

Die "Aktion 20.000" ist zwar gesellschaftspolitisch notwendig, löst es aber auch nicht.

Dafür müssten ein paar Tabus gebrochen werden. Zuerst müssten die Sozialpartner endlich ernsthaft die Abflachung der Gehaltskurven angehen. Das Senioritätsprinzip, das Mitarbeiter umso teurer macht, je älter sie sind, ist nicht nur unsinnig und ungerecht, weil irgendwann der Zenit des Leistungsvermögens überschritten wird, es ist auch absolut kontraproduktiv für das Ziel, die Leute länger in Beschäftigung zu halten.

Altersteilzeit erfreut sich regen Zuspruchs, was zeigt, dass die Lebensrealitäten vieler Menschen in den Gesetzen nur mangelhaft abgebildet werden. Kinder ausgezogen, Haus abbezahlt - da rückt oft Lebensqualität stärker in den Mittelpunkt. Eine größere Zahl von Modellen, die dem Prinzip "weniger arbeiten für weniger Geld" Rechnung tragen, würde mit Sicherheit positive Effekte bringen. Vor allem, wenn sie auch Raum für Individualisierung bieten.

Sehr wahrscheinlich wären auch mehr Leute jenseits der 50 bereit, freiere Formen der Mitarbeit in Unternehmen zu akzeptieren, als es der klassische Angestelltenvertrag ist. Die Sozialversicherungsgesetze, die darauf in keinster Weise ausgerichtet sind, und die gelebte Praxis von Steuerbehörden und SVA (Sozialversicherung der Selbständigen) machen solche Alternativen aber einigermaßen unattraktiv.

Außerdem muss sich die Politik auch offen eingestehen, dass sowohl in Personalabteilungen von Unternehmen als auch bei Arbeitnehmern über einen langen Zeitraum das Bewusstsein ausgebildet wurde, der Weg zuerst in die Arbeitslosigkeit und von dort in die Früh- oder Invaliditätspension sei ein durchaus akzeptierter. Für einen "Mind Change" werden die - sinnvolle - Wiedereingliederungsprämie oder zusätzliche Plätze in der Verwaltung nicht reichen. Da braucht es mehr Energie.

Der Artikel ist ursprünglich erschienen in der trend-Ausgabe 16/2017.
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