Anton Pelinka: Amerikas Geheimnis

Anton Pelinka: Amerikas Geheimnis

Anton Pelinka

Die USA haben die letzten Krisen besser überstanden als Europa, mit geringerer Arbeitslosigkeit und wachsender Wirtschaft. Und das trotz Willkommenskultur - oder gerade deswegen.

In Europa und auch anderswo gibt es ein beständiges Geraune. Vom Abstieg ist da oft die Rede - vom Abstieg der USA. Und vom Aufstieg - etwa der Volksrepublik China. Nur zu oft kann man in den Kommentaren, die aus Europa kommen, so etwas wie eine klammheimliche Freude lesen oder hören - nicht über den Aufstieg Chinas; sehr wohl aber über den Abstieg Amerikas.

Den Aufstieg Chinas, den gibt es: Innerhalb von drei, vier Jahrzehnten hat sich das kommunistische China von seinen maoistischen Fesseln befreit. China ist durch das beständige Wachsen seiner Wirtschaft zu einer, ja zu der Lokomotive der Weltwirtschaft geworden. Freilich: Dieses China ist nur noch in Worthülsen kommunistisch; ökonomisch ist diese Nicht-Demokratie deshalb erfolgreich, weil sie sich in einer globalisierten kapitalistischen Ökonomie auch kapitalistisch verhält. Anders ausgedrückt: In seiner ökonomischen Natur ist das China von heute angepasst - an den "Westen", also auch und zuallererst an die USA.

Den Abstieg der USA, den gibt es nicht: Das amerikanische Wirtschaftssystem hat die letzten Krisen besser verkraftet als Europa. Die Arbeitslosigkeit ist geringer als die in Europa, die Wirtschaft wächst. Und die Demokratie, die funktioniert - zweimal wurde Barack Obama von einer Mehrheit fast aller Bevölkerungssegmente gewählt.

Die USA sind zwar nicht, wie einige nach dem Ende der Sowjetunion vermutet hatten, zum Weltpolizisten geworden, der im Alleingang für Recht und Ordnung sorgen könnte. Henry Kissinger, Joseph Nye und andere haben dieser Fantasie amerikanischer Weltherrschaft auch schon 1990,1991 eine klare Absage erteilt - mit dem Hinweis auf die Grenzen amerikanischer Macht. Die Welt, die wird ganz gewiss nicht von einer Zentrale in Washington gelenkt.

Aber eine Weltmacht, das sind die USA geblieben; und das sind sie mehr denn je. Und Europa, das für viele liberale Amerikanerinnen und Amerikaner vor allem zur Zeit der Präsidentschaft von George W. Bush so etwas wie ein Vorbild war? Wirtschaftlich hinkt Europa hinter den USA einher. Und gegenüber dem Ansturm von so vielen Menschen, die in Europa Schutz oder einfach nur ein halbwegs sicheres Leben suchen, schwankt Europa ähnlich zwischen Offenheit und Abschottung wie auch die USA.

Robert Kagan, einer der intellektuellen Stars unter den Neokonservativen, hat in seinem Buch "Of Paradise and Power" ("Macht und Ohnmacht", 2002) versucht, den Unterschied zwischen Europa und Amerika auf den Punkt zu bringen: Europa lebt in der Welt Immanuel Kants, Amerika in der von Thomas Hobbes. Für Europa ist der Frieden Normalzustand, für Amerika der Krieg. Europa lebt auf der Venus, Amerika auf dem Mars.

Was für ein Bild. Der Kontinent, der im 20. Jahrhundert Adolf Hitler und Josef Stalin hervorgebracht hat, nun ein Paradies des Friedens? Doch Kagan hatte für einen bestimmten Zeitpunkt recht: Für die Periode des George W. Bush war diese Zuspitzung partiell richtig. Die USA wollten durch einen Regimewechsel im Irak Frieden und Demokratie von oben erzwingen; und weite Teile Europas weigerten sich, mitzumachen.

Doch inzwischen setzt sich Barack Obama dem Vorwurf der Republikaner aus, er sei zu "europäisch", weil er der amerikanischen Militärmacht Zügel anlegt. Die USA haben aus dem Irak-Desaster gelernt, als sie zwar den Krieg gewonnen, den Frieden aber verloren haben. Mars ist ein Stück Venus geworden. Und als Großbritannien und Frankreich vor den USA militärisch 2011 in den libyschen Bürgerkrieg eingriffen - da hatte Venus Europa sich amerikanischer als der amerikanische Mars gebärdet.

So verschieden sind sie nicht - das Gebilde im Westen und das im Osten des Nordatlantik. Doch umso erstaunlicher, dass Amerika im wirtschaftlichen Wettbewerb einige Schritte voraus ist. Was haben die USA, was Europa nicht hat? Der Prozess, den Europa 1951 mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl begonnen hat; die Integration, die immer wieder stecken zu bleiben droht - den haben die USA hinter sich. Mit Mühen und Rückschlägen, wozu auch ein Bürgerkrieg gehörte; und verflochten mit einer dynamischen und ebenfalls keineswegs immer friedlichen Erweiterung in Richtung Westen sind die USA ein fertiger Bundesstaat. Die EU ist dies nicht - Eurooptimisten würden sagen: noch nicht.

Die Bundesstaatlichkeit der USA bedeutet, dass es nicht nur ökonomisch keine inneren Grenzen gibt; sie bedeutet auch eine mentale Aufhebung dieser Grenzen. Wenn junge Menschen aus Spanien der hohen Arbeitslosigkeit in ihrem Lande entkommen wollen und Arbeit in Deutschland oder Schweden suchen, so gilt das noch immer als "Auswanderung". Wenn Bürgerinnen und Bürger der USA aus Staaten mit geringer in die Staaten mit hoher ökonomischer Dynamik ziehen - etwa nach Kalifornien, etwa nach Colorado -, käme niemand auf die Idee, von Auswanderung zu sprechen.

In den USA gibt es heftige Debatten über die Rolle des Landes in der Weltpolitik. Der amerikanische Diskurs ist polarisiert - aber nicht zwischen Florida und Illinois, sondern zwischen Demokraten und Republikanern. In Europa gibt es hingegen eine britische und eine polnische, eine deutsche und eine niederländische Position, die miteinander ringen. Wenn es um die Frage geht, ob und inwieweit ein militärisches Eingreifen in Syrien dem mörderischen Bürgerkrieg ein Ende bereiten soll, dann antwortet darauf nicht Europa - sondern Frankreich oder Italien. Aus Amerika kommt eine amerikanische Antwort.


Die Freiheitsstatue ist Zeichen der Willkommenskultur - aus einem rational nachvollziehbaren Eigeninteresse.

Das ist nicht in allen Bereichen so. In der Frage, ob die Todesstrafe prinzipiell gegen Menschenrechte verstößt, ist es umgekehrt: Dann agiert Europa einheitlich - während Texas und Massachusetts widersprüchlich reagieren.

Widersprüche da, Widersprüche dort: Europa und Amerika, die EU und die USA -allzu verschieden sind sie nicht. Doch zivilgesellschaftlich ist Europa bei Weitem nicht so zusammengewachsen wie Amerika, wie die USA.

Das hat mit Geschichte und Kultur zu tun. Kein Staat der USA hat eine so lange und so prägende Geschichte nationaler Kontinuität wie Frankreich oder Portugal, Ungarn oder Polen. Und die Sprache der USA war immer die englische - trotz der sprachlich-kulturellen Vielfalt, bewirkt durch das Zusammenleben von Menschen, die ihre Wurzeln nach Amerika und Europa, Afrika und Asien zurückverfolgen können.

Dennoch: So groß ist die Differenz zwischen Amerika und Europa nicht. In den urbanen Ballungsräumen von Los Angeles oder Miami gibt es eine alltägliche Vielsprachigkeit -und in Europa wiederum wird Englisch zu der überall dominierenden Zweitsprache, vor allem in Wirtschaft und Wissenschaft. Die größere sprachlich-kulturelle Homogenität der USA ist sicherlich nicht der entscheidende, jedenfalls nicht der alleinige Grund, warum die gesellschaftlich-wirtschaftliche Dynamik Amerikas der Europas zumeist überlegen ist.

Es ist die allgemeine größere Beweglichkeit einer Gesellschaft, die ihr Land als eine Nation begreift; in der junge Menschen etwa aus Virginia mit der größten Selbstverständlichkeit ihre erste Studienphase zum Beispiel an einer Universität in Wisconsin absolvieren und dann, als "graduate students", ebenso mit der größten Selbstverständlichkeit, einen Studienplatz in Pennsylvania anstreben. Und es ist eine Selbstverständlichkeit, dass US-Amerikanerinnen und -Amerikaner ihren Wohnort im Laufe ihres Lebens nicht nur mehrfach wechseln, sondern dabei auch von einem Staat in den anderen ziehen.

In Europa ist dies alles auch möglich, geschieht auch, aber es ist jedenfalls kein generelles Verhaltensmuster. Europa hat, vor allem durch die Freiheiten des Binnenmarktes, den Rahmen für eine den USA entsprechende gesellschaftliche Mobilität geschaffen. Aber in der gesellschaftlichen Realität hat Europa diese Mobilität nicht oder noch nicht erreicht. In den Köpfen der Menschen in Europa sind die Grenzen zwischen Spanien und Portugal, zwischen der Slowakei und Ungarn noch immer viel, viel mehr Grenze als die zwischen Mississippi und Louisiana oder die zwischen Oregon und Idaho. Und das alles wirkt sich auf die ökonomische Entwicklungsdynamik aus.

Gebt mir eure müden, eure armen, eure gedrängten Massen, die danach streben, frei atmen zu können": Das verkündet die Statue of Liberty im Hafen von New York, mit Blickrichtung Europa. 1886 aufgestellt, ist sie ein Symbol eines Selbstverständnisses, einer Selbstinszenierung der USA. Diesem Anspruch, ein Hafen des Schutzes und der Freiheit zu sein, sind die USA nur zu oft nicht gerecht geworden. Aber der Anspruch, der ist grundsätzlich nie aufgegeben worden.

Europa hat diesen Anspruch nie erhoben. Die europäischen Staaten haben sich nie eine solche Identität gegeben. Das ist zwar aufgrund von Geschichte und Demografie verständlich. Aber insgesamt hat Europa dadurch, dass es nicht eine den USA ähnliche Offenheit signalisiert, nur sich selbst geschadet.

Die Freiheitsstatue ist Zeichen der Willkommenskultur, auf der Amerikas Dynamik aufbaut. Das war nicht immer ohne Rückschläge möglich: Einwanderungsquoten diskriminierten vor allem asiatische Einwanderer, und populistische Anti-Migrations-Strömungen (etwa die "Know Nothing"-Bewegung) hatten immer politischen Einfluss - nicht erst seit den Vorwahlkämpfen innerhalb der Republikanischen Partei 2015 und 2016. Aber im Zweifel hatte sich, jedenfalls bisher, das offene Amerika durchgesetzt: Nicht der "Gutmenschen" wegen, nicht aus "political correctness", sondern aus einem wohl verstandenen, rational nachvollziehbaren Eigeninteresse.

Und ebenso wie um die Mitte des 19. Jahrhunderts irische, skandinavische und italienische Einwanderer für wichtige Impulse sorgten, so sind es heute die ambitioniertesten unter den Forschern und Jungunternehmern aus China und Indien, die Amerikas Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern helfen. Das alles könnte Europa beherzigen. Wenn es nur will.

Im Jahr 1922, zwei Jahre bevor Adolf Hitler sein Buch "Mein Kampf" in der privilegierten Festungshaft von Landsberg diktierte, veröffentlichte Oswald Spengler seine düstere Prognose: "Der Untergang des Abendlandes". Der hätte, etwa zwei Jahrzehnte später, auch fast stattgefunden: Aber nicht wegen irgendwelcher nach Europa strömenden fremden Horden, sondern wegen der aus Europa kommenden Selbstzerstörungsenergien. Solche Lust an der Inszenierung des eigenen Endes fand und findet man in Amerika nicht.


ANTON PELINKA

Der Autor ist einer der bekanntesten Politologen Österreichs. Er lehrt Politikwissenschaft und Nationalismusstudien an der Central European University, Budapest, ist Sachbuchautor und viel gefragter Kommentator.


Die Analyse ist im trend.-PREMIUM Ausgabe 4/2016 am 29. Januar 2016 erschienen.

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