Am Gängelband der Tycoons

Am Gängelband der Tycoons

Yvonne Hofstetter - IT-Unternehmerin und Buchautorin.

Die Technologiegiganten sind tief in unser Leben eingedrungen, sie verändern radikal, wie wir arbeiten und leben. Egal, wie demokratische Wahlen ausgehen: Wir werden längst von ihnen beherrscht.

Die Demokratien des Westens sind gestresst, und auch die österreichischen Bürger sind weniger zufrieden mit ihrer Demokratie. Nicht nur ihr Vertrauensverlust in demokratische Institutionen ist äußeres Anzeichen dafür. Der aktuelle World Value Survey, der seit Jahrzehnten Daten über die Zustimmung jeder Generation, die von einer gemeinsamen Lebenserfahrung geprägt ist, zur demokratischen Herrschaftsform erhebt, kommt im Sommer 2016 zu einem dramatischen Befund.

In den entwickelten Ländern stimmen nur noch ein knappes Drittel der zwischen 1980 und 1999 geborenen Bevölkerungskohorte - die Millennials - der These zu, dass die Demokratie die beste Herrschaftsform sei. Die amerikanischen Daten sind zwar drastischer, doch der Trend auf beiden Seiten des Atlantiks ist gleich: Die Begeisterung für die Demokratie, für die sich noch rund 57 Prozent der in den 50er-Jahren Geborenen aussprachen, gehört der Vergangenheit an.

Die Gründe dafür sind vielfältig und Gegenstand der Forschung. Die Millennials haben nicht nur 9/11, die Finanz- und Eurokrise und die schleichende Vernichtung von Vermögen ihrer Eltern durch die europäische Nullzinspolitik erfahren, sie sind auch die erste Generation, die mit der Selbstverständlichkeit digitaler Technologien und Geschäftsmodelle aufgewachsen ist.

Sie gelten als Digital Natives, "digitale Ureinwohner". Dabei waren es ihre Eltern und Großeltern, die vom Funk über den Mikroprozessor bis hin zu Internet und künstlicher Intelligenz alles entwickelt und aufgebaut haben, was heute nur den Digital Natives als "Medienkompetenz" konzediert wird. Leise regt sich ein Verdacht: Besteht etwa ein Zusammenhang zwischen digitaler Transformation und Demokratieverdrossenheit?

Wir machen und brauchen Politik, um die Gesellschaft zu gestalten. Dazu bedient sich die Politik der Mittel der Macht, jener Macht, die das Staatsvolk einer parlamentarischen Demokratie in wiederkehrenden Wahlen an Berufspolitiker überträgt. Doch die Digital Natives haben eine ganz andere Erfahrung gemacht: Man kann die Gesellschaft auch an der Politik vorbei gründlich umbauen. Sie haben erlebt, dass andere Kräfte herrschen: die der rational agierenden Wirtschaftsakteure und ihrer Finanzinvestoren aus dem Silicon Valley.


Der Umbau der Gesellschaft in einen Riesencomputer ist radikal und unumkehrbar - und findet ganz neben und außerhalb der Demokratie statt

Jene sind Anbieter all unserer digitalen Lieblingsmarken von Apple bis Whatsapp. Smartphones, die Vernetzung, die Entgrenzung von virtueller und physischer Realität, die Massendatenerfassung und künstliche Intelligenz haben das Leben des 20. Jahrhunderts fast schlagartig beendet und den komplexen Alltag des 21. Jahrhunderts eingeläutet. Globale Technologiegiganten sind tief in unser Leben eingedrungen. Digitale Tycoons haben für immer verändert, wie wir kommunizieren, wie wir soziale Netze nutzen, von exzessiver Selbstdarstellung und -vermarktung bis hin zu Netzhetze und Cybermobbing. Und wie wir arbeiten und leben - immer online, immer erreichbar, ständig überwacht.

Der Umbau der Gesellschaft in einen Riesencomputer ist radikal und unumkehrbar -und findet ganz neben und außerhalb der in demokratischen Wahlen eingesetzten Politik statt. Nie haben wir darüber abgestimmt, den Wandel nie normiert, ihn nicht auf klassisch-demokratischem Wege eingebunden in die Regelungsstrukturen des parlamentarischen Gesetzgebers.

Die schärfste Waffe der Demokratie, die Gesetzgebung, ist gar nicht nötig, um ein scheinbar gutes Leben zu führen, haben wir daraus gelernt. Denn die milliardenschwere Investitionsbereitschaft einzelner oder weniger, der Monopole oder Oligopole aus dem Silicon Valley, reicht schon aus, damit es uns gut geht. Wer braucht da noch ermüdende parlamentarische Debatten?

"Was wir tun, ist gut für die Menschheit, Punkt" , sagte Googles Vorstand Eric Schmidt mit der Logik des Kapitals. Es wird Top-down umgebaut, ohne die Einbindung der Bevölkerung. Die Eingriffe erfolgen von oben herab aus der Machtfülle fast grenzenloser wirtschaftlicher, nicht politischer Macht. Auch das Ziel des gesellschaftlichen Umbaus wird offen ausgesprochen: Es geht um die "globale Konsumentensteuerung".

Nur: Konsumenten sind auch Bürger. Sie genießen vielfältige Freiheiten und die Selbstbestimmung, eingeräumt durch unsere europäischen Verfassungen. Genau hier treten die Ambitionen digitaler Technologiegiganten in Konflikt mit unserem Recht. Die Krise der Demokratie ist auch Folge libertärer Marktexzesse der Datenfresser und der jüngsten Metamorphose des Kapitalismus: des Informationskapitalismus. Die digitale Massenüberwachung und die manipulative, subtile Regelung von Bürgern, die nicht mehr als Datenhaufen sind und mit Hilfe künstlicher Intelligenz bitte schön auf Autopilot laufen sollen, haben die digitalen Technologieriesen zu den reichsten Organisationen der Welt gemacht.

Sollen sie doch alle meine Daten haben, wenn es mir nützt", oder: "Ich habe nichts zu verbergen", zeigt nur, dass wir auf eine beispiellose Irreführung der globalen Technologiekonzerne hereingefallen sind. Denn kein Technologiegigant interessiert sich für unsere Vergangenheit. Der Wert unserer Daten liegt darin, dass sie künstlicher Intelligenz helfen, unser Verhalten zu erlernen, zu analysieren und zu prognostizieren. Sie erlaubt Technologiegiganten die gezielte Lenkung unserer Zukunft und beliebige Eingriffe in unsere finanzielle, soziale oder sexuelle Souveränität. Es geht nicht um das Lüften vergangener Sünden, es geht um die Ausbeutung unseres Rechts, unser zukünftiges Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Dramatisch ist, dass wir dem Tausch unserer Freiheiten als unabdingbare Basis unserer Demokratien gegen die verführerischen Hochglanzangebote der Technologieführer scheinbar gleichgültig gegenüberstehen.

Es ist nämlich nicht so, dass wir die zukunftsgestalterischen Eingriffe globaler Technologiegiganten gar nicht legitimieren würden. Wir legitimieren sie soziologisch. Wir machen den Umbau der Gesellschaft mit, weil wir digitale Angebote begeistert nutzen, und erteilen eben auf diese Weise - und nicht durch normatives Gesetzgebungsverfahren - unsere demokratische Zustimmung.

Aber mit der freiwilligen Übertragung unserer Selbstbestimmung und Freiheitsrechte an die digitale Großindustrie sind wir es selbst, die unseren Demokratien weitere Defekte zufügen. Di-Dere World Value Survey stellt passend hierzu eine Indifferenz in Bezug auf die Freiheitsrechte fest: Nur noch 32 Prozent der Millennials in den USA stimmen zu, es sei absolut essenziell, dass Grundrechte die Freiheit der Bürger schützten. Aber gerade die Demokratie setzt auf den selbstbestimmten Menschen, der sich frei entscheiden kann. Deshalb sind freie und faire Wahlen auch die Mindestanforderung an eine Demokratie.

Doch wer seine Selbstbestimmung aufgibt, braucht keine Wahl und auch keine Demokratie mehr. Viele Digital Natives sehen das offenbar ganz konsequent und befürworten eine nichtdemokratische Alternative, einen "starken Führer": In den USA ist ihre Zahl auf 49 Prozent angewachsen. Dabei sind die Vereinigten Staaten kein Ausreißer.

Die Autokraten herrschen bereits jenseits aller demokratischen Wahlen, die uns in den kommenden zwölf Monaten in den USA, in Österreich, Frankreich und Deutschland noch bevorstehen. Die autoritäre Herrschaft digitaler Technologiegiganten kann übrigens gut neben demokratischen Institutionen bestehen. Sie braucht keine staatliche Struktur, weil sie sich als Funktion gibt, als eine kontinuierliche Tätigkeit oder Mission, etwa die, "alle Krankheiten dieser Welt zu besiegen" (Mark Zuckerberg/Facebook), oder, "mit künstlicher Intelligenz alle Probleme der Menschheit zu lösen" (Demis Hassabis/Google Deep Mind).

Das klingt ganz nach einer typischen Eigenschaft totaler Herrschaft: nach Propaganda. Insofern werden die Demokratien des Westens weiter durch globale Technologiegiganten gestresst. Egal, wie unsere demokratischen Wahlen ausgehen: Beherrscht werden wir längst von jenen, die wir nicht gewählt haben. Die globalen Technologieriesen, sie haben die Autokratieprobe bestanden.


Zur Person

YVONNE HOFSTETTER ist Juristin, Essayistin und IT-Unternehmerin. Im Jahr 2014 schrieb sie den Bestseller "Sie wissen alles".
In ihrem Unternehmen Teramark Technologies entwickelt sie künstliche Intelligenz. Hofstetter, 50, lebt in München und Wien.

Buchtipp: Yvonne Hofstetter, Das Ende der Demokratie. Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt.
512 Seiten, C. Bertelsmann Verlag, 23,70 €


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