Vertrag mit dem Teufel ... zum Teufel mit dem Vertrag

Alois Czipin, Gründer "Czipin Produktivitätssteigerungs-GmbH"

Alois Czipin, Gründer "Czipin Produktivitätssteigerungs-GmbH"

Alois Czipin, Consulter mit dem Schwerpunkt Produktivität, teilt in der trend-Serie "BusinessCLASS" seine Erfahrungen. Sie können daraus schlauer werden.

"Herr Czipin, diesen Vertrag dürfen Sie nicht unterschreiben!" Originalton meines Steuerberaters im Oktober 1989. Wir sitzen in der Lobby eines Hotels in London und trinken jeweils einen Gin Tonic. Für den nächsten Tag um sechs Uhr morgens habe ich vereinbart, den Vertrag über ein Joint Venture mit einem ehemaligen Kollegen zu unterschreiben. Mein Steuerberater erklärt mir alle Nachteile, die mir aus diesem Joint Venture drohen können. Ich bin nach wie vor unentschlossen, trinke noch einen Gin Tonic und gehe dann auf mein Zimmer. Eine kurze Nacht beginnt ...

Knapp ein Jahr zuvor habe ich die Zusammenarbeit mit dem Ex-Kollegen begonnen. Wir hatten noch als Angestellte einige Beratungsprojekte erfolgreich abgewickelt und uns auch privat gut verstanden. Parallel zu mir hatte auch er gekündigt und sich in England selbstständig gemacht. Seine Stärke war die Projektabwicklung, meine lag eindeutig auf der Akquisitionsseite -also eigentlich ein "perfect match".

Es war mir gelungen, einige Projekte zu verkaufen. Allerdings mangelt es mir zu dieser Zeit an erfahrenen Beratern, was mir natürlich einiges Kopfzerbrechen bereitet. In meiner Not kontaktiere ich meinen Ex-Kollegen, wir treffen uns und vereinbaren eine Zusammenarbeit. Er hilft mir bei der Abwicklung von Projekten, und ich akquiriere für ihn große Mandate -wie gesagt eine perfekte Kooperation. Ich arbeite mit einigen meiner Leute in England, einige seiner Leute helfen bei meinen Aufträgen tatkräftig mit.

Nach einigen Monaten schlägt der Ex-Kollege vor, eine gemeinsame Firma zu gründen, die zu jeweils einem Drittel ihm, mir und einem Investmentbanker gehören soll, der bereits 50 Prozent an der englischen Firma meines Freundes besitzt. Nachdem die Zusammenarbeit gut funktioniert, erkläre ich mich einverstanden. Während eines Wochenendes werden die Eckpunkte der Strategie, des Gesellschaftsvertrages und der Anteilsverteilung vereinbart. Die Strategie ist auf starkes Wachstum ausgelegt, die Verteilung wird wie ursprünglich angedacht mit jeweils einem Drittel fixiert. Letzteres ist der einzige Punkt, der mir Unbehagen bereitet, da mir meine Unabhängigkeit sehr wichtig ist und ich mich einer Zweidrittelmehrheit aus Großbritannien gegenübersehe. Es überwiegen aber für mich die Vorteile, sodass ich dieser Vereinbarung zusage.

Es vergehen acht Wochen, in denen die detaillierten Verträge erarbeitet werden. Inzwischen läuft die Zusammenarbeit weiterhin sehr gut. Ich verkaufe für die Engländer ein großes Projekt bei einer Keksfabrik. Auch meine zukünftigen Partner unterstützen mich bei einer schwierigen Aufgabe perfekt.


Ich erkläre mich einverstanden. Aber tief in mir brodelt es.

In einem Telefongespräch lässt mein Ex-Kollege in einem Nebensatz die Bemerkung fallen, dass er die zukünftigen Anteilsverhältnisse als nicht mehr richtig erachtet, da seine Firma mit dem neuen Riesenprojekt jetzt wesentlich mehr wert geworden ist. Ich bin nun auf der Hut und gespannt, ob da noch etwas kommt. Und tatsächlich bekomme ich einige Tage später ein Telefax, auf dem schwarz auf weiß steht, dass der Zusammenschluss nur unter geänderten Anteilsverhältnissen zustande kommen kann: 20 Prozent für mich und jeweils 40 Prozent für die beiden anderen.

Mir gefällt das überhaupt nicht. Ich versuche in einigen Telefonkonferenzen, bei der alten Vereinbarung zu bleiben. Aber meine potenziellen Partner bleiben hart: "Take it or leave it", heißt es. Zähneknirschend erkläre ich mich einverstanden, doch tief drinnen in mir brodelt es: Meine Unabhängigkeit ist damit dahin. Um Zeit zu gewinnen, mache ich weiter wie bisher, denn ich brauche die Mitwirkung der Partner für einige Monate noch ganz dringend.

Die Sekundenentscheidung

Drei Monate später ist es dann so weit, die Verträge sollen unterschrieben werden. Um 5.30 Uhr in der Früh verlassen mein Steuerberater und ich das Hotel, um sechs Uhr ist der Termin. Ich weiß eine halbe Stunde vorher noch immer nicht, was ich machen werde. Wir begrüßen uns alle sehr freundlich und nehmen um einen großen Tisch Platz. Der Vertrag wird verlesen und geht zur Unterschrift in die Runde. Ich bin als Letzter an der Reihe. Als der Vertrag vor mir liegt, treffe ich in dieser Sekunde die Entscheidung aus dem Bauch heraus: Ich unterschreibe nicht! Ich blicke meinem Ex-Kollegen tief in die Augen und sage: "Es tut mir sehr leid, aber ich werde diesen Vertrag nicht unterschreiben." Wutentbrannt und ohne sich zu verabschieden verlassen meine "Ex-Partner" das Büro.

Mein Steuerberater und ich stehen auf der Straße. Er sagt zu mir: "Gratulation zu diesem mutigen Schritt, Sie können das auch ohne Engländer!"

Und so war es auch - mein Drang nach Unabhängigkeit hatte gesiegt!


Der Gastbeitrag ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 50-52/2018 vom 25. Oktober 2018 entnommen.

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