Der (Alb)traum vom starken Mann

Der (Alb)traum vom starken Mann

Antonella Mei-Pochtler - Senior-Partnerin The Boston Consulting Group

Der Sehnsucht nach einfachen Antworten in einer komplizierten Welt lässt sich nur mit kluger "weiblicher" Politik begegnen.

I ALONE CAN DO IT! Mit diesem Versprechen hat Donald Trump die Wahl gewonnen. Für die eine Hälfte der Wähler ist der starke Mann an der Spitze der stärksten Macht der Welt die beste Antwort auf ihre Ängste; für die andere Hälfte ist der Mann der starken Sprüche im Twitterformat der wahr gewordene Albtraum. Dabei ist Donald Trump keineswegs allein. Auch in vielen anderen Ländern inszenieren sich die starken Männer als einzig-einfache Lösung für die verfahrenen, komplizierten Probleme im eigenen Land und die zunehmend unüberschaubaren Vorgänge und Zusammenhänge in einer global vernetzten Welt.

Statt des deutenden und vorausschauenden Messias wird der abrechnende und schnell handelnde Problemlöser gesucht. Differenzierte Argumente? Kompromisse, offene Diskurse, demokratische Prozesse? Fehlanzeige. Starke Männer brauchen das nicht. Sie machen kurzen Prozess, bauen Mauern, schließen Grenzen, setzen auf militärische Operationen und schalten die politische Opposition aus: alles Gauner, Verbrecher oder gar "Terroristen".

Jenna Johnson, Journalistin bei der "Washington Post", begleitete Trump zu 170 Veranstaltungen und stellte seinen Anhängern die immer gleiche Frage: Warum er? Sie erhielt darauf fast immer die gleiche Antwort: "Weil er sagt, was ich denke oder fühle; weil er kein Politiker ist, weil er tough ist." Eine solche Einstellung ist kein amerikanisches Phänomen. Selbst in Österreich hat sich die Zahl derer, die sich einen "starken Mann" an der Spitze wünschen, in nur zehn Jahren auf 40 Prozent vervierfacht.


Starke Männer lösen ihre großen Versprechen selten ein

Wie kann es sein, dass die Sehnsucht nach dem starken Mann so weit in die Gesellschaften hineinreicht? Tiefe emotionale Mangelerscheinungen werden durch den "Papa-Populismus" angesprochen: das Gefühl, in den eigenen Ängsten und Sorgen verstanden zu werden, patriarchalischen Schutz zu erhalten und fremde Mächte auszuschalten.

Das schafft eine tiefe Bindung zum (neuen) Retter vor allem dort, wo das Vertrauen in die Eliten von Wirtschaft und Politik, das "Establishment", zu dem auch die Medien gehören, geschwunden ist.

Der Aufstieg der nationalistischen Populisten wäre per se nicht schlimm, wenn man wüsste, dass sie tatsächlich die Lösungen liefern könnten, die wir suchen und brauchen. Aber die Geschichte lehrt, dass sie nicht viel mehr tun, als den Menschen zunächst ein besseres Gefühl zu geben, um sie dann auf das Bitterste zu enttäuschen; und oft genug so die Grundlage für größere Katastrophen schaffen.

Was kann die Antwort auf die Anziehungskraft der starken Männer sein? Gewiss nicht die Diffamierung der Wähler als von Abstiegsängsten geplagte Ausländerfeinde ohne Schulabschluss. Der Mama- Populismus "Marke Merkel" wäre schon deshalb die bessere Lösung, weil er auf Dialog und Kooperation setzt und zu vermitteln sucht, dass in einer Welt gegenseitiger Abhängigkeiten nur dadurch Lösungen gefunden werden können.

Es wäre gerade jetzt wichtig, eine kluge "weibliche" Politik als Alternative zu entwickeln, verständnisvoll, aber nicht nachgiebig, kompromissbereit, aber prinzipienstark, sachorientiert statt nur machtorientiert. Inhaltlich darauf fokussiert, die Mittelschicht zu stärken sowie ökonomisch und gesellschaftlich die Gräben zu schließen, die sich gebildet und verfestigt haben: zwischen Integrierten und Ausgegrenzten, Eliten und Bürgern.

Was die einen als Innovation und Fortschritt feiern -beispielsweise durch Automatisierung und künstliche Intelligenz -, übersetzt sich für (zu) viele andere in Destabilisierung, Angst vor Jobverlust und einen krank machenden Leistungsund Anpassungsdruck.

Dazu müssen auch neue Wege gefunden werden, um eine komplizierte Welt besser begreifbar und gestaltbar zu machen. Wenn in Washington oder Wien Journalisten die Welt der Wirtschaft und Politik erklären, dann erklären sie -viel zu oft -ihre eigene, gemeinsame Welt. Damit erweitern sie den Raum für die selbstreferenziellen sozialen Medien, die den Menschen automatisiert die Verstärkung der eigenen Meinung liefern.

Kurz: Die Antwort auf den (Albtraum vom starken Mann ist nicht Abschottung, Abwertung der Ängste und Aneinander-Vorbeireden (und -regieren); sondern das genaue Gegenteil: aufeinander zugehen, argumentieren, gemeinsam Lösungen suchen. "I alone can do it!" ist ein Hirngespinst. "We alone can do it" ist die Antwort.


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