"Es werden sicher noch viele Fälle im Ausmaß eines Telekom-Skandals aufgedeckt"

"Es werden sicher noch viele Fälle im Ausmaß eines Telekom-Skandals aufgedeckt"

FORMAT: Sie haben rund 50 Unternehmen in Compliance-Fragen beraten. Woran hapert’s denn am meisten?

Petsche: Unternehmen sind sehr gut im Schreiben von Papieren. Was die Unternehmensspitze aber oft nicht versteht, ist, dass man diese Guidelines, die man so mühsam niedergeschrieben hat, auch vorleben muss. Das ist mit einem Finanzminister vergleichbar, der keine Steuern zahlt. Und wichtig ist auch, dass bei Nichtbefolgung der Regeln Konsequenzen und Sanktionen vorgesehen werden.

Krakow: Vielen Unternehmen fehlt die Awareness. Risiken allein tun nicht weh, solange sie sich nicht manifestiert haben. Oft steigt die Awareness erst, wenn der Schaden schon eingetreten ist.

Viele Unternehmen beklagen aber, dass Compliance sehr viel kostet. Wie teuer ist es, compliant zu sein?

Petsche: Es wäre unseriös, hier konkrete Zahlen zu nennen. Aber verglichen mit dem Schaden, der entstehen kann, sind die Kosten Peanuts. Fragen Sie einmal Siemens! Und oft verschafft Compliance den Unternehmen sogar Wettbewerbsvorteile, wie bei öffentlichen Ausschreibungen.

Aber ist es nicht so, dass man mit einigen Regeln in den letzten Jahren über das Ziel hinausgeschossen hat?

Petsche: Um eine Verhaltensänderung zu bewirken, muss ich eben manchmal übers Ziel hinausschießen. Kann auch sein, dass das Pendel sich in ein paar Jahren wieder zurückbewegt. Ich halte die meisten Regeln aber nicht für übertrieben. Viele Kritiker verunglimpfen einfach die Regeln mit blöden Beispielen. Es kann mir doch niemand sagen, dass ich Geschäfte nur beim Essen machen kann …

Krakow: Überhaupt wird sehr viel Energie auf den Aspekt "Essenseinladung“ gelegt. Viele beschäftigen sich mit der Frage: Geht sich der Wein mit 100 Euro noch aus oder nicht? Das ist für viele wesentlich. Mit Hardcore-Korruption hat das aber gar nichts zu tun.

Herr Krakow, als Sie noch Kabinettschef im Justizministerium waren, wurde das Anti-Korruptionsgesetz entschärft. Wie können Sie mit der verschärften Variante leben?

Krakow: Sehr gut. Das Gesetz wurde zwar ein wenig angezogen, ist aber jetzt konkreter. Neu ist vor allem die Ausweitung des Amtsträger-Begriffs. Im heimischen Wirtschaftsleben sind nach dieser Definition ein Viertel bis ein Drittel aller Akteure Amtsträger. Man darf nicht vergessen, dass ja auch einige Banken verstaatlicht wurden, deren Mitarbeiter auch unter das Gesetz fallen.

Kürzlich hat ein Ex-Justizminister, jetzt Anwalt, eine Geburtstagsfeier ausgerichtet. Auch einige Leute aus dem Ministerium waren eingeladen. Bedenklich?

Krakow: Ich denke nicht, dass dort jemand im Ausmaß von mehr als 100 Euro konsumiert hat. Und: Auch Amtsträger dürfen Freunde haben. Viele Fragen sind ganz einfach zu lösen, wenn man den Hausverstand einschaltet.

Petsche: Es ist eigentlich ganz einfach: Man muss sich nur die Frage stellen: Wäre es mir unangenehm, wenn das FORMAT über meine Anwesenheit bei einer Veranstaltung berichten würde? Wenn man die Frage mit "Ja“ beantwortet, sollte man besser nicht hingehen.

Nehmen wir das aktuelle Beispiel der Banknotendruckerei, wo Bestechung vermutet wird. Ist Schmiergeld in manchen Ländern nicht nach wie vor unumgänglich?

Petsche: Das halte ich für eine billige Ausrede. Ich würde sagen, da waren unfähige Vertriebsmitarbeiter am Werk. Ich vergleiche das immer mit Dopen im Sport - das ist auch nicht unbedingt nötig.

Ist der Höhepunkt bei Korruptionsfällen in Österreich schon überschritten?

Petsche: Lassen Sie es mich so sagen: Wir werden sicher noch viel Spaß miteinander haben. Denn die zuständigen Behörden schauen heute viel genauer hin als noch früher. Ich bin überzeugt, es werden noch viele Fälle im Ausmaß eines Telekom-Skandals aufgedeckt werden.

Wie würden Sie die Steuerkonstruktion von RBI-Chef Herbert Stepic aus Compliance-Sicht beurteilen?

Krakow: Ich kenne den Fall nur aus den Medien. Aber der Ankauf von Wohnungen in Singapur ist per se für mich nicht verwerflich.

Österreich schneidet in Korruptions-Rankings in den letzten Jahren nicht unbedingt gut ab. Woran liegt das?

Petsche: Dabei handelt es sich um Wahrnehmungsindizes. Also: Je mehr Fälle in Österreich aufgedeckt werden, desto schlechter schneiden wir ab.

Sie haben gesagt, im Unternehmen sei die Vorbildwirkung wichtig. Ist das nicht im Land auch so? Gegen viele Politiker - Stichwort Inseratenaffäre - wird ermittelt. Schneidet Österreich deshalb so schlecht ab?

Petsche: Wenn Politiker nicht vorleben, was in den Gesetzen steht, ist das sicher nicht sehr dienlich.

Krakow: Ich würde weiter gehen: Es geht nicht nur um Politiker, sondern allgemein um Personen, die im Rampenlicht stehen. Sie alle sollten ihre Vorbildfunktion auch wirklich leben.

Zur Person
Georg Krakow wurde als Bawag-Ankläger bekannt, wechselte dann als Kabinettschef zu Justizministerin Bandion-Ortner. Seit 2011 ist Krakow bei der Anwaltskanzlei Baker & McKenzie für Compliance-Fragen zuständig. 2012 wurde er zudem in die Task Force der Hypo Alpe Adria berufen. Sein Kollege bei Baker & McKenzie, Alexander Petsche, gilt als der Experte in Compliance-Angelegenheiten in Österreich. Er ist auch Autor zahlreicher Publikationen zu dem Thema.

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