Spione im Meinl-Reich: Geheime Recherchen über Meinl-kritische ­Personen aufgedeckt

Die spektakulären Meinl-Razzien förderten ans Tageslicht: ein brisantes Geheimdossier über den Meinl-Gerichtsgut­achter und neue Einblicke in das Luxusleben von Julius V.

Für den exklusiven Butlerservice ist das Luxushotel „The Lanesborough“ weltberühmt. Der elegante Afternoon Tea wird von Karl Kessab serviert, Englands Tee-Sommelier Nummer eins. Zwei Rolls-Royce Phantom sowie eine Selektion von S-Klasse-Mercedes und 7er-BMWs stehen allen Gästen zur freien Verfügung. Und im hauseigenen Restaurant „Apsleys“ wird vom Breakfast bis zum Dinner nur „sophisticated dining“ betrieben. Das alles hat freilich seinen Preis. So kostet eine Nacht in der „Buckingham Suite“ umgerechnet 2.700 Euro, die ­„Royal Suite“ ist sogar dreimal so teuer. Der Palast in London-Knightsbridge zählt international zur Spitze. Das ist bekannt. Das „Lanesborough“ hat auch einen promi­nenten Wiener Stammgast: Julius Meinl V., Präsident der Meinl Bank und Fahnen­träger britischer Tradition in Österreich.

Brisantes Material
Die Affinität zum „Lanesborough“ ist nur eine der vielen Vorlieben des milliardenschweren Ban­kiers, über die Österreichs Justiz nach der vorwöchigen Meinl-Razzia nun informiert ist. Doch das ist nicht alles. Die 60 Kriminalpolizisten, die unter der Leitung der Staatsanwälte Karl Schober und Markus Fussenegger Büros und Privatwohnungen von Meinl-Managern durchsuchten, fanden laut FORMAT exklusiv vorliegenden Informationen brisantes Material: nämlich Geheimdossiers über Meinl-kritische ­Personen. Prominentes Beispiel: Meinl-Gerichtsgutachter Thomas Havranek.
„Nachdem mehrere Medien geschrieben haben, dass der Sachverständige Thomas Havranek als ‚Meinl-kritisch‘ gilt, wurde in öffentlich zugänglichen Datenbanken und Medienarchiven recherchiert, ob sich Hinweise auf diese Haltung ­finden“, erklärt Meinl-Bank-Sprecher Herbert Langsner die Genese des Geheimdossiers. „Derartige Recherchen gehören zur professionellen Verfahrensvorbereitung. Selbstverständlich hat niemals eine Observierung oder Ähnliches stattge­funden.“

Recherche zu Auto und Vater
Trotzdem wird in der Justizbehörde nicht ausgeschlossen, dass der Rechercheauftrag zu Havranek weitreichender gewesen sein könnte. So ist das „Dossier TH“ in mehrere Kapitel untergliedert und mit prägnanten Überschriften versehen: von „TH als Terror- und Kriminalitätsexperte“ über „TH gegen Cyber Crime“ bis hin zu „Thomas Havranek verkauft sein Auto“. Auch die wechselhafte Karriere des Gerichtsgutachters und seine politischen Connections sind im Meinl-Papier dokumentiert: Besonders mysteriös empfanden die Meinl-Rechercheure Havraneks Zeit beim britischen Privatgeheimdienst MIG („Merchant International Group“) und seine Kooperation mit dem Risk-Advisor „LH-Blenheim“. Kritisch beäugt wird ­zudem seine Unternehmensberatung CIN („Corporate Information Network“), wo er Ex-VP-Innenminister Ernst Strasser als Partner sowie Ex-OMV-General Richard Schenz und Ex-Stapo-Chefinspektor Peter Sturm als Beirat hat. Dass sein Vater Gün­ther Havranek beste Kontakte ins „rote“ Wien pflegt, wird auch angemerkt. Der Kripo liegt der erste Teil des Havranek-Dossiers vor. Darüber hinaus sollen noch zwei Bände existieren, was die Meinl Bank dementiert. Thomas Havranek war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Die Staatsanwaltschaft Wien will Details laufen­der Ermittlungen nicht kommentieren.

Begründetes Interesse am Gutachter
Meinls reges Interesse an Thomas Hav­ranek ist nicht unbegründet. Immerhin soll der 39-jährige Sachverständige prüfen, ob die börsennotierte MEL und die Meinl Bank dem Corporate Governance Codex (CGC) unterliegen, ob verantwortliche MEL- und Bankorgane wesentliche CGC-Regeln verletzt und in weiterer Folge die Machtverhältnisse gegenüber MEL-­Investoren unrichtig dargestellt haben. Ein von Havranek verfasster Rohbericht soll schwere CGC-Verstöße erkennen und den Verdacht des Anlegerbetrugs und der ­Provisionsschinderei erhärten. Die Staatsanwaltschaft will sich dazu nicht äußern. Havraneks druckfertige Expertise wird frühestens Ende März erwartet. Die Auswertung der beschlagnahmten Meinl-­Bene-Ordner, -Laptops und USB-Sticks beginnt erst. Derzeit werden alle Daten „gespiegelt“ bzw. kopiert. Ein IT-Experte aus dem Havranek-Team wird die forensischen Untersuchungen voraussichtlich ­nächs­te Woche in Angriff nehmen. In ­erster Linie sind die EDV-Spürnasen auf der Suche nach E-Mails, aus denen Julius Meinl als Strippenzieher im MEL-Komplex hervorgeht. Parallel dazu soll mit den ersten Einvernahmen begonnen werden. Für Meinl gilt die Unschuldsvermutung.

Starke Meinl-Mitstreiter
Doch Meinl bleibt nicht untätig. Er hat sich die besten Be­rater an Bord geholt: Herbert Eichenseder, Doyen der Strafverteidiger, kämpft vor dem Straflandesgericht. An seiner Seite steht der bekannte Wirtschaftsadvokat Christian Hausmaninger. Die Angriffe an der Zivilrechtsfront, etwa von Ex-­Justizminister Dieter Böhmdorfer, kontert Rechtsanwalt Georg Schima. Meinl-kriti­sche Berichterstattung wird von Medien-Anwalt Michael Rami mit Klagen bekämpft. Die PR-Gurus Dietmar Ecker und Wolfgang Rosam lobbyieren für die Meinl-Gruppe und sollen sich nun ver­stärkt um die Medienarbeit kümmern.

700 Mio Euro in fünf Jahren
Geldsorgen kennt Meinl keine. Das wur­de den Ermittlern am Rande der Hausdurchsuchung sehr rasch klar. Mehr als 700 Millionen Euro dürfte die Bank in den vergangenen fünf Jahren verdient haben. Von 2003 bis 2007 erwirtschaftete die Meinl Bank mit MEL-Deals laut einem Nationalbank-Prüfbericht „322 Millionen Euro (netto)“. Im Krisenjahr 2007, als die fragwürdigen Zertifikatsrückkäufe ­erstmals publik wurden, fuhr die Bank einen Rekord­gewinn ein: An die Familie Meinl wurden 70 Millionen Euro Dividende ­ausgeschüttet. Daran hat sich nichts geändert: Trotz anhal­tender Finanzkrise, sinkenden Provisionen und Filialschließungen in Graz und Linz dürfte die Meinl auch 2008 neue Rekorde feiern: Immerhin verdiente die Bank allein durch den Verkauf der MEL-Managementverträge an das Konsortium Gazit Globe/CPI saftige 280 Millionen Euro. Zudem gilt Julius Meinl V. als der bestverdienende Aufsichtsrats­vorsitzende des Landes: Mit kolportierten 2,5 Millionen Euro Jahresgage liegt er weit vor Bankpräsidenten wie Alessandro Profumo (Bank Austria) oder Heinz ­Kessler (Erste Group).

U-Haft-Gerüchte zurückgewiesen
Seinen Reichtum lebt Meinl aus. Zwischen London, Wien und den Meinl-Tochtergesellschaften in der Karibik düst er stilgerecht im Privatjet. Seine Falcon 2000 wartet auf ihn vollgetankt im General ­Aviation Center. In den von der Polizei sichergestellten Unterlagen finden sich auch Flugpläne für Businesstrips etwa nach London, Moskau und Zürich, die mit dem Meinl-Vogel (Kennzeichen: OE-HOT) zurückgelegt wurden. Dass die Flugstunde mit etwa 5.500 Euro kalkuliert wird, spielte nie eine Rolle.
Gerüchte, wonach Meinls Lebensstil die Wahrscheinlichkeit einer U-Haft fördert, weist Gerhard Jarosch als Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien als Unfug ­zurück. Zum einen sei er noch nicht ­einvernommen worden, zum anderen bestünde momentan kein Haftgrund, also Flucht-, Verdunkelungs- oder Tatbegehungsgefahr. „Flüchten bringt sowieso nichts“, sagt Jarosch. „Herr Meinl müsste sich einer Gesichtsoperation unterziehen, damit wir ihn nicht finden. Das wird er wohl nicht tun.“

Ashwien Sankholkar

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