Julius Meinl V. soll über die umstrittenen MEL-Zertifikatsrückkäufe besser informiert gewesen sein

Julius Meinl V. soll über die umstrittenen MEL-Zertifikatsrückkäufe besser informiert gewesen sein, als bisher bekannt war. Vertrauliche Mails legen das nahe.

Drei kurze E-Mails könnten Julius Meinl V. nun neue Kalamitäten bescheren. Bisher hatte der anglophile Multimillionär jede Einflussnahme auf die Geschäfte der börsennotierten Immobiliengesellschaft Meinl European Land Ltd. (MEL; heute: Atrium Real Estate Ltd.) vehement abgestritten. Das galt im Besonderen für die umstrittenen MEL-Zertifikatsrückkäufe. Zwischen April und August 2007 wurden rund 88,8 Millionen MEL-Papiere im Wert von 1,8 Milliarden Euro von der Meinl Bank für die MEL aufgesaugt. Die Investoren erfuhren erst spät davon und verloren nebenbei sehr viel Geld. Seither ermittelt die Anklagebehörde wegen Betrugs- und Untreueverdacht sowie wegen Spesenschinderei. Meinl – für ihn gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung – weist alle Vorwürfe zurück und betont gegenüber dem Staatsanwalt, nur Orders des MEL-Boards ausgeführt zu haben: „Am 20. Februar 2007 trat die MEL schriftlich an die Meinl Bank heran. In der Folge wurden eng determinierte Aufträge der MEL an die Meinl Bank erteilt, zum Erwerb von MEL-Zertifikaten.“ Brisante E-Mails aus dem Meinl-Postfach, die FORMAT exklusiv vorliegen, ­erwecken jedoch den Eindruck einer sehr engen Einbindung Meinls in den MEL-Entscheidungsprozess. So dürfte er bei den inkriminierten MEL-Rückkäufen ­besser als so manches Mitglied des MEL-Vorstands informiert gewesen sein.

Variantenreicher Deal
„Dear Stephan, dear Julius“, schrieb Anwalt John Ventress von der britischen Kanzlei Bedell in einer E-Mail Ende Juni 2007 an Meinl und dessen Vertrauten Stephan Visy. Dabei ging es um die ordentliche Durchführung eines Rückkaufprogramms. Ventress schlug mehrere Varianten vor, kam jedoch stets zum gleichen Ergebnis: Ein Rückkauf von bis zu 30 Prozent aller Zertifikate und im Gesamtwert von maximal zwei Milliarden Euro benötigt einen frühen Hauptversammlungsbeschluss. Ventress bezog sich dabei auf das Jersey Law, das Rückkäufe ohne HV-Beschluss als unzulässig erkennt. Zitat aus der E-Mail: „The giving of financial assistance by MEL to another to enable that other to purchase shares in MEL is prohibited ­unless such assistance is approved in ­advance by a special resolution of shareholders of MEL.“

Reinwaschen
Für Julius Meinl und Co war die E-Mail des Bedell-Anwalts zunächst katastrophal. Denn das Rückkaufprogramm war zu dem Zeitpunkt längst im Gange. Für die Meinl-Banker galt es, eine Lösung zu finden, um die Rückkäufe weißzuwaschen. Nach wochenlanger Suche kam die Rettung in Form von Queen’s Counsel ­Simon Mortimore. Meinl-Bank-Sprecher Thomas Huemer: „Der königliche Anwalt als höchste englische Rechtsinstanz bestätigte unmissverständlich, dass für den Rückkauf von Zertifikaten nach Jersey-Recht keine Genehmigung der Hauptversammlung nötig ist.“ Zwar meint der Queen’s Counsel, dass ein Rückkauf ohne Zustimmung der Aktionäre möglich ist. Dennoch wird empfohlen, deren Zustimmung einzuholen, um dem Verhalten eines ordentlichen Kaufmanns zu entsprechen. Das schreibt Freshfields-Anwalt Jonathan Baird in einer E-Mail an Julius Meinl vom August 2007: „In summary, counsel’s advice is that the company could acquire certificates without shareholder ­approval, but it would be appropriate and desirable to obtain prior shareholder ­approval in any event.“ Ein Freibrief liest sich anders.

Ärger durch unnötige HV  
Den Meinl Bankern reichte die Expertise des Queen’s Counsels, um rechtlich abgesichert zu sein. Interessanterweise wurde dennoch Ende August 2007 eine MEL-Hauptversammlung durchgeführt, um die Rückkäufe absegnen zu lassen. Als danach der MEL-Kurs in den Keller purzelte, fing der Ärger für Meinl aber erst so richtig an: Die Finanzmarktaufsicht startete Ermittlungen wegen Verstößen gegen das Börsegesetz, Geschädigten-Anwälte formierten sich, und der Staatsanwalt erkannte mögliche Verletzungen des Strafgesetzes. Für die MEL-Opfer sind die neuen E-Mails ein starkes Indiz, dass der MEL-Strippenzieher Julius Meinl heißt. Immerhin kassierte seine Bank über die Jahre MEL-Provisionen von mehr als 600 Millionen Euro. Auch für den Staatsanwalt könnten die E-Mails ein Beleg sein, dass Julius Meinl über die Meinl-Bank-Tochter Meinl European Real Estate (MERE) das operative Geschäft der MEL führte. Die Anklagebehörde sieht Meinl als MEL-Machthaber und will ihn als solchen zur Rechenschaft ziehen. Die Funktion des MEL-Boards war eher die eines österreichischen Aufsichtsrates: So brachte das MERE-Management Anträge ein, die das MEL-Board of Directors abnickte.

Ein brisanter Brief aus England  
Wie die Aufgaben in der MEL tatsächlich organisiert waren, wird am Beispiel Stephan Visy deutlich: Der sitzt im Management der MERE und steht auf der Payroll der Meinl Bank. Trotzdem trat er nach außen als „Chief Financial Officer, Meinl Eu­ropean Land Ltd.“ auf, wie aus E-Mail-Korrespondenzen hervorgeht. Sein damaliger MERE-Kollege heißt Peter Weinzierl und ist sogar Vorstand der Meinl Bank. Daraus schließt der Staatsanwalt für die MEL-Organisation: Wenn Visy der CFO war, dann müsste Weinzierl der CEO (Chief Executive Officer) sein – und als deren Brötchengeber stünde Julius Meinl über den beiden. Der MEL-Board als Klub von Frühstücksdirektoren, die nicht über alles informiert gewesen sind, passt da gut ins Bild.


Ein Brief vom 7. Oktober 2007 nährt diesen Verdacht. Der Verfasser des brisanten Papiers heißt Michael Richardson und arbeitet für die Rechtsanwaltskanzlei Bedell. Was Richardson laut Papier so empört: Obwohl er im MEL-Board-of -Directors saß, wurde er über die seit April 2007 laufenden MEL-Rückkäufe nicht informiert. Per Ende Juni 2007 hatte die Meinl Bank bereits 52 Millionen Papiere zurückgekauft, weitere 36 Millionen kamen später dazu. MEL-Board-Member Richardson wusste nichts davon. Nur wenige MEL-Vorstände, die – zufälligerweise – zum innersten Kreis um Julius Meinl gehören, waren ­eingeweiht. Richardson und sein Kollege Peter Byrne legten daher aus Protest alle MEL-Funktionen Ende 2007 zurück. „Bei Immobilienprojekten und Investments agiert MERE ohne jede Einbindung des MEL-Boards“, kritisierte Richardson gegenüber der Jersey-Aufsicht JSFC.

Meinl Bank deeskaliert
Thomas Huemer versteht die Aufregung nicht: „Das MEL-Board hatte MERE sowie die Meinl Bank als Investment-Bank auf Basis von Ver­trägen im Vorfeld der MEL Hauptversammlung mit der Koordinierung von ­externen Dienstleistungen betraut.“ Der Vorwurf treffe nicht die Bank: Hätte Richardson Fragen gestellt, hätte er alles erfahren.
Dabei wäre es so einfach gewesen, Richardson am letzten Stand zu halten: Visy & Co hätten ihn nur auf ihren E-Mail-Verteiler setzen müssen. Immerhin klappte das bei Julius Meinl perfekt. Der war weder bei MEL und MERE im Vorstand, aber trotzdem bestens informiert.

Ashwien Sankholkar

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