Operation Sachertorte

Operation Sachertorte

Die Justiz setzt Sonja Kohn unter Druck. Ihre Credit-Suisse-Konten wurden geöffnet und ihre Zürcher Villa polizeilich durchsucht. Außerdem belasten brisante Gerichtsakten die Expartnerin von Bernard Madoff.

Dieser Artikel wurde im FORMAT (Printmagazin) 2009 publiziert

Auf das Paket aus Zürich wartet Michael Radasztics seit Weihnachten. Ausgelöst durch eine Strafanzeige der Rechtsanwaltskanzlei Lansky Ganzger und Partner im Februar 2009, untersucht der Wiener Staatsanwalt seit über einem Jahr die Affäre Medici rund um die Finanzberaterin Sonja Kohn. Die hatte als Geldvermittlerin des im Juni 2009 zu 150 Jahren Haft verurteilten US-Milliardenbetrügers Bernard Madoff ein Millionenvermögen verdient. Der Großteil des auf Anlegerkosten angehäuften Kohn-Reichtums dürfte in der Schweiz bunkern, vermutet Radasztics. Aus diesem Grund beantragte er im Herbst eine Reihe von grenzüberschreitenden Rechtshilfeersuchen, wie etwa zur Öffnung von Bankkonten, zur Überprüfung des Geldwäscheverdachts und sogar zur Durchführung einer Hausdurchsuchung in der Kohn-Villa am Zürcher Katharinenweg.

Die Arbeit der eidgenössischen Behörden ist zwar mittlerweile abgeschlossen, doch die Staatsanwaltschaft Wien muss sich noch bis Ende Mai gedulden. Die brisanten Ergebnisse der Kantonspolizei Zürich erwartet Radasztics jedenfalls mit Spannung. Denn sie sind für seine Ermittlungen wegen des Verdachts des Betrugs, der Untreue und der Verletzung des Investmentfondsgesetzes sehr wichtig. Die streng vertraulichen Gerichtsakten aus Österreich und der Schweiz, die FORMAT nun exklusiv vorliegen, liefern neue Verdachtsmomente. Für Sonja Kohn, die für FORMAT nicht erreichbar war, und ihre Familie gilt die Unschuldsvermutung.

Aus dem Razzia-Beschluss. „Die Beschuldigte Sonja Kohn hat vom Vorgehen Madoffs auf mehrfache Weise finanziell profitiert“, heißt es im Hausdurchsuchungsbefehl vom 18. September 2009. Seit Gründung der Bank Medici im Jahr 2003 seien „pro Quartal 900.000 Dollar und insgesamt 7 Millionen Pfund“ von Madoff an Kohn-Firmen geflossen. „Wobei es sich bei den von Kohn verfassten Berichten um ‚Open Source‘-Berichte gehandelt hat, die über Anweisung von Madoff sofort nach Einlangen vernichtet wurden.“ Daher die Vermutung: „Die von Kohn lukrierten Zahlungen stellen Kick-back-Zahlungen dar, die ihr von Madoff dafür gewährt worden sind, dass sie über die dargestellten Fondskonstruktionen Kapital an Madoff bzw. dessen Unternehmen zuführte.“ Die Razzia sei notwendig, denn in der Kohn-Villa würden sich „Computer, Laptops, Netbooks und ähnliche EDV-Geräte“ befinden, die „aus Beweisgrün-den sicherzustellen und auszuwerten“ sind.

Aus dem Kontoöffnungsbefehl. „Die von der Bank Medici vertriebenen Fonds fungierten als ‚Feeder-Fonds‘ und wurden von Madoff ausschließlich für dessen betrügerisches System verwendet“, heißt es im Kontoöffnungsbefehl vom 18. September 2009. Drei Viertel der Medici gehörten Kohn, der Rest der Bank Austria. Verkauft wurden Fonds mit klingenden Namen wie Alpha Prime, Herald und Primeo. „Die Bank Medici diente Kohn als Durchläufer, da aufgrund vertraglicher Konstruktionen jene Beträge, die als Gebühren an Medici flossen, an Gesellschaften im wirtschaftlichen Einflussbereich von Kohn weiterüberwiesen wurden.“

Nach Ermittlungen von Interpol kamen so stolze Summen zusammen. Zitat aus einem Polizeibericht an die Staatsanwaltschaft Wien vom 12. Oktober 2009: „Das Landeskriminalamt übermittelt eine Mitteilung der Interpol Vaduz über Informationen einer liechtensteinischen Bank über Gegenleistungen von 40 Millionen Dollar an Sonja Kohn für die Platzierung von Investmentgeldern bei Bernard Madoff.“ Die Konten wurden „als Vorsichtsmaßnahme“ eingefroren. Die genaue Herkunft der Millionen soll noch Gegenstand eines Geldwäscheverfahrens sein.

Doch nicht nur in Liechtenstein wird nach Kohn-Geldern gefahndet: Im Rahmen der „Operation Sachertorte“ wurden Konten bei der Credit Suisse geöffnet. „Laut Meldung der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich vom 2. September 2009 unterhält die Mutter der Beschuldigten Sonja Kohn, Frau Netti Blau, bei der Credit Suisse in Zürich ein Konto mit der Nummer 0835-228020-4, das damit verbundene Schließfach soll Anfang 2009 auffällig häufig vom Ehemann der Sonja Kohn, Erwin Kohn, aufgesucht worden sein“, heißt es im Kontenöffnungsbeschluss. Das war nach der Strafanzeige von Lansky Ganzger und Partner. „Überdies unterhalten Erwin und Sonja Kohn ein weiteres Konto bei der Credit Suisse mit der Nummer 045-272597-2 mit der Bezeichnung ‚Sachertorte‘, insgesamt ist zu vermuten, dass über diese Kontenverbindungen Zahlungsflüsse erfolgt sind, die auf die oben dargestellten Kick-back-Zahlungen Rückschlüsse zulassen.“

Neue Geldwäschefälle. In Österreich musste die Bank Gutmann im Mai 2009 Konten öffnen (FORMAT 45/09). Das Ergebnis wurde dem britischen Serious Fraud Office (SFO), das ebenfalls gegen Kohn ermittelt, umgehend gemeldet. SFO-Bericht vom 24. September 2009: „Die erhaltenen Materialien machen deutlich, dass zusätzliche Geldbeträge von Madoff Securities an Sonja Kohn oder ihre Verbündeten geflossen sind, wodurch sich Bank Gutmann veranlasst sah, der Staatsanwaltschaft Wien neue Fälle von Geldwäsche zu melden.“

Dass Sonja Kohn, wie auch aus der Gutmann-Meldung hervorgeht, wenige Tage nach Auffliegen des Madoff-Skandals in den USA eilig ihr Geld in Sicherheit bringen wollte, kommt nicht gut an. Polizeibericht vom 17. August 2009: „In der Belegsammlung befindet sich ein Schreiben der Sonja Kohn vom 29. Dezember 2008, in dem sie die Bank Gutmann beauftragt, den Betrag von 1,98 Millionen Euro auf das auf Netti Blau-Türk lautende Konto 45714-00045 zu überweisen.“

Gutachter kommt im Mai. Eines steht fest: Staatsanwalt Michael Radasztics steht noch ein ordentliches Stück Arbeit bevor. Daher will er in den nächsten Wochen einen Gerichtsgutachter bestellen, der ihn unterstützen soll. Etwa bei der Einvernahme von Promi-Zeugen soll der Sachverständige dabei sein. Das könnte spannend werden. Denn laut FORMAT-Recherchen werden Ex-Bank-Austria-Boss Gerhard Randa und Ex-Börsenchef Stefan Zapotocky als Freunde und Förderer von Kohn vorgeladen.

Die Einvernahmen dürften frühestens im Juni beginnen. Dann sollten auch die Kisten aus Zürich eingetroffen sein.

Dieser Artikel wurde im FORMAT (Printmagazin) 2009 publiziert

Der frühere Bank-Austria-Chef Gerhard Randa wird in Causa Primeo als Beschuldigter geführt.
#Madoff #Primeo #Randa
 

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