Kommunalkredit: Riskante Spekulationen führten zum 16-Milliarden-Euro-Debakel

Die Republik Österreich musste die Kommunalkredit vor der Pleite retten. Wie der biedere Gemeindefinanzierer mit hoch-riskanten Spekulationen Milliarden im Mittelmeer versenkte.

Einst Finanzakrobaten
Im Berengaria Building in Limassol herrscht Weltuntergangsstimmung. Wer dieser Tage in der Spyrou Araouzou Street 25 vorbeischaut, blickt in fassungslose Gesichter. Das war nicht immer so: Die 33 Mitarbeiter der Kommunalkredit International Limited (KIL) galten im Volksbank-Konzern, dem sie als Teil der Wiener Kommunalkredit Bank angehörten, als regelrechte Finanzakrobaten: Seit der Gründung im Jahr 2002 erzielten sie Jahr für Jahr Rekordprofite. Zum Halbjahr 2008 wurden konkret 16,3 Millionen Euro Gewinn (nach Steuern) eingefahren. Zum Jahresende sollte erstmals die 30-Millionen-Marke durchbrochen werden. Fasziniert vom rasanten Wachstum, transferierten die biederen Wiener Gemeindefinanzierer immer mehr Kapital auf die Mittelmeerinsel. Die Gier nach scheinbar risikolosen Erträgen war grenzenlos. Denn die KILler versicherten glaubhaft: „Investiert wird nur in Papiere bester Bonität.“ Das war nicht ganz so, wie sich nun herausstellt.

Gefährliche Geschäfte
Tatsächlich drehte die zypriotische Elite-Truppe ein großes Rad, das letztlich zu groß für die Kommunalkredit war. Milliarden wurden rund um den Globus geschickt und in vermeintlich sichere Assets investiert. Jongliert wurde mit Bank-, Staats- und Unternehmensanleihen sowie hochriskanten Asset Backed Securities (ABS). Hinzu kamen gefährliche Derivatgeschäfte. Zu Wochenbeginn wurde klar, was die KIL-Deals im Gesamtwert von unfassbaren 16 Milliarden Euro bedeuteten: ein Killer-Kommando für die Kommunalkredit. Die Bank musste im Eiltempo verstaatlicht werden. Kurzzeitig war sogar die Existenz der Volksbank AG – sie war Mehrheitsaktionär der Kommunalkredit – als systemrelevante Bank in Gefahr. „Wir standen kurz vor der Kernschmelze“, sagt Hannes Androsch, der an der Rettung unmittelbar beteiligt war: „Der Super-GAU war in Sicht.“

Gefräßiges Finanzmonster
Tatsächlich hatte sich Kommunalkredit-Boss Reinhard Platzer in den vergangenen sechs Jahren ein Finanzmonster herangezüchtet, das er am Ende nicht mehr unter Kontrolle hatte. Im September begann das grausame Spiel: Der gefräßige Vampir saugte die Wiener Mutter regelrecht aus. Immer mehr Geld musste für die KIL budgetiert werden, um eine Schieflage zu vermeiden. Damals braute sich ein giftiger Cocktail zusammen: Die Kapitalmärkte trockneten komplett aus. Langfristige Kredite kurzfristig zu refinanzieren funktionierte nicht mehr. Außerdem kollabierte der langjährige belgisch-französische Kommunalkredit-Großaktionär Dexia. Damit brachen Platzer die beiden tragenden Säulen seines Geschäftsmodells weg. Was ihm blieb, war der unersättliche KIL-Moloch.

Investment-Probleme
Riesige Bond-Pakete, etwa von den in die Pleite geschlitterten Hypotheken- finanzierern Fannie Mae und Freddie Mac sowie ABS-Ramschanleihen, waren im FI-Bereich gebunkert. Dieses Portfolio (5,1 Milliarden Euro) verlor in den vergangenen drei Monaten massiv an Wert. Auch der 3,4 Milliarden Euro schwere Bankloan-Bereich mit Pleite-Titeln aus den USA (Lehman Brothers, Washington Mutual etc.) oder Island brach ein. Gemeinsam mit den Corporate-Bonds stehen derzeit zehn Milliarden Euro unter Beobachtung. „Wir reden da von mehr als 1.000 Wertpapieren. Zehn, fünfzig, hundert Prozent – die Abwertungserfordernisse variieren“, sagt ein in die Bankrettung Involvierter gegenüber FORMAT.

Milliarden-Debakel
Die eingekauften Tranchen, sogenannte Tickets, lagen in der Größenordnung zwischen 10 und 100 Millionen Euro. Das Minus aus Wertberichtigungen und Abwertungen wird derzeit auf über eine Milliarde Euro taxiert. Das war jedenfalls zu viel für die kleine KIL, die 200 Millionen Euro Eigenkapital besitzt. Eine Ausfallshaftung der Austro-Mutter wurde schlagend und das Milliardendebakel von der Steueroase Zypern nach Österreich importiert. Auf diese Erkenntnisse kamen die Sonderprüfer von Finanzmarktaufsicht und Nationalbank, als sie die Kommunalkredit- Gruppe im Oktober durchleuchteten. Reinhard Platzer bekundete als Erster Interesse am staatlichen Bankenrettungspaket. Exakt 100 Milliarden Euro werden dabei Not leidenden Austro-Banken zur Rettung ihrer Bilanzen bereitgestellt (siehe Molterers geheime Bankenliste ). Dass die Freigabe des Finanzministeriums deutlich länger dauerte als bei der Erste Bank – sie erhielt binnen weniger Tage 2,7 Milliarden Euro zugesichert –, lag vor allem an der KIL.

Gefährliche Swap-Geschäfte
Über eine Woche wurden Bilanzen abgeklopft, Beteiligungen gescannt und Bewertungen hinterfragt. Die Sonderprüfung war nicht sinnlos. Bislang unbemerkt gebliebene Risiken traten ans Tageslicht: Die KIL-Manager agierten noch waghalsiger als vermutet. Ihren Appetit auf Risiko stillten sie mit lukrativen Derivatgeschäften. Konkret handelt es sich um sogenannte Credit Default Swaps. Dabei versicherte die KIL Marktteilnehmer gegen den Kreditausfall von Staaten, Banken, staatsnahen oder supranationalen Organisationen – Gesamtvolumen: 6,6 Milliarden Euro. Dafür kassierte sie rund sechs Millionen Euro Prämie. Die Sonderprüfer im Ministerium kamen zum Schluss, dass derartige Volumina viel zu groß für die KIL seien und dass selbst deren Mutter Kommunalkredit (Bilanzsumme: 33 Milliarden Euro) viel zu risikofreudig war.

Zum Vergleich: Die Erste Bank mit 210 Milliarden Euro Bilanzsumme hat im Geschäftsjahr 2007 Credit Default Swaps in der Höhe von lediglich 4,5 Milliarden Euro arrangiert. Reinhard Platzer musste sich im Finanzministerium den Vorwurf gefallen lassen, eine Zockerbude geleitet zu leiten, die fast ein Drittel des Jahresgewinns aus Spekulationsgeschäften in Zypern generierte. Der seit 1990 im Vorstand sitzende und seit 1995 als Vorstandsvorsitzender agierende Tiroler nahm die Schelte achselzuckend zur Kenntnis. Noch am selben Tag, als die Verstaatlichung entschieden war, mussten Platzer und sein Vortsandskollege Leopold Fischer – er hat das Zypern-Geschäft maßgeblich aufgebaut – ihre Sessel räumen. Finanziell dürfte Platzers Ausstieg gut abgefedert sein: Sein Vorstandsvertrag (Jahresgage: 500.000 Euro) wurde im Oktober um fünf Jahre verlängert. Zudem soll ihm sein Pensionsvertrag 80 Prozent des Letztbezugs garantieren. Auch Platzers Risikofreude hat offensichtlich Grenzen.

Von Ashwien Sankholkar

Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft hat eine Anklage gegen vier ehemalige Kommunalkredit-Manager eingereicht.
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