"Grasser wechselt SIM-Karten öfter als andere die Unterhosen"

Karl-Heinz Grasser

Karl-Heinz Grasser

Das Kartenhaus von Karl-Heinz Grasser wackelt wieder heftiger. Seit Herbst 2009 steht der Ex-Finanzminister im Visier der Kriminalpolizei. Beim Verkauf von 60.000 Bundeswohnungen im Jahr 2004 sollen er und seine Freunde Walter Meischberger und Ernst Plech illegale Vermittlungsprovisionen kassiert haben.

Die bisherige Verteidigungslinie: Meischbergers Buwog-Lobbying lief hinter Grassers Rücken ab, genauso dessen Selbstanzeige. Von Meischbergers Bankkonten in Liechtenstein wusste KHG ebenso wenig wie über Geldtransfers an die Briefkastenfirma Mandarin Group. Einzig und allein Meischbergers Idee war es, den Anlageberater Norbert Wicki für das Buwog-Fondsmanagement in Liechtenstein zu engagieren. „Überrascht, enttäuscht und verärgert“ war KHG über Trauzeuge Walter und „seine“ Buwog-Provisionen: „Die Medienberichte darüber brauche ich wie ein Kropf.“ Nachsatz: „Natürlich hatte ich damit nichts zu tun.“

Nach fast vier Jahren intensiver Ermittlungsarbeit darf das schwer bezweifelt werden. Denn FORMAT exklusiv vorliegende Einvernahmeprotokolle sowie Polizeiberichte über die behördliche E-Mail- und Telefonüberwachung widerlegen Grassers jahrelang einstudierte Verteidigungsstrategie.

Gerald Toifl und Christoph Wirnsperger heißen die prominenten Belastungszeugen. Toifl war Walter Meischbergers Rechtsanwalt und Steuerberater, Wirnsperger sein Vermögensberater in Liechtenstein. Beide sind Beschuldigte im Buwog-Verfahren – und befinden sich nun in einer Art Kronzeugenstatus gegen KHG.

„Walter Meischberger hat mich gefragt: Weißt Du noch, wie ich den Herrn Wicki kennengelernt habe?“, erzählt Wirnsperger laut Protokoll vom 29. März 2012. „Er wollte einen Zusammenhang zwischen Grasser und Wicki vermeiden. Darum hat er mich gebeten, bei Polizei oder Staatsanwalt auszusagen, ich hätte ihn an Norbert Wicki vermittelt.“ Weil das eine glatte Lüge gewesen wäre, widersetzte sich Wirnsperger. Toifl sagt laut Protokoll vom 27. September 2012: „Im Laufe der Zeit verstärkte sich mein Eindruck, dass eine Geschäftsbeziehung zwischen KHG und Wicki besteht. Auf Nachfrage, wer meiner Meinung nach die größere Beziehung zu Wicki hatte – KHG oder Meischberger – gebe ich an, dass KHG die größere Beziehung zu Wicki hatte.“ Meischberger habe ihm erzählt, dass er den Schweizer kaum kenne. Grasser hingegen war laut Toifl auf Wickis Hochzeit eingeladen.

Die Wicki-Connection ist für die Polizei deswegen so wichtig, weil sie eine Buwog-Geldspur zu Grasser legt. Denn die Briefkastenfirma Mandarin und deren Konto bei der Raiffeisenbank Liechtenstein (RBL), wo ein Teil der Buwog-Provisionen überwiesen wurde, wird von Wicki gemanagt. Belegt ist zudem, dass Wicki bei einem anderen Finanzgeschäft schon einmal als KHG-Treuhänder fungierte.

Um die Verbindung Grasser-Wicki zu vertuschen, erfand „Meischi“ neue Verträge. Sie sollten die kompromittierenden Transfers von Geldsummen und Aktien der Meinl International Power (MIP) vom Buwog-Konto bei der Hypo Investmentbank (HIB) zu Mandarin erklären. Als die Polizei Meischberger über die dubiosen Kontrakte ausfragen wollte, gab er das als Wirnspergers Idee aus. Doch auch das war eine Lüge. Wirnsperger: „Ich habe ihm weder Mandarin empfohlen, noch einen Kredit- oder Wertpapierleihvertrag mit Wicki ausverhandelt.“ Die logische Konsequenz laut Polizeibericht: „Durch die beschriebenen Handlungen (sollte) versucht werden, die Beteiligung des Karl-Heinz Grasser am Buwog-Verkauf bzw. an den dafür geflossenen Provisionszahlungen sowie an darauf folgenden Steuerhinterziehungsdelikten zu verheimlichen – und diesen dadurch der Gefahr der strafrechtlichen Verfolgung zu entziehen.“

Belastende Sekretärinnen

Über Meischbergers Millionen und das Mandarin-Modell war Grasser früh eingeweiht. Sichergestellter Schriftverkehr zwischen Adrijana Laski und Alexandra Rieder vom November 2008 lässt das vermuten. „Dieses E-Mail zeigt, dass sowohl die Sekretärin von Walter Meischberger als auch die Sekretärin von Karl-Heinz Grasser von den MIP-Aktien auf den Konten in Liechtenstein und damit auch von den Liechtensteiner Konten bei der HIB Bescheid gewusst haben“, heißt es laut Buwog-Polizeiprotokoll. „Es ist davon auszugehen, dass die Konten der Mandarin bei der RBL daher wirtschaftlich tatsächlich Karl-Heinz Grasser zuzurechnen sind.“ Dieser bestreitet das. „Mir ist wichtig zu sagen, dass ich von Meischberger dezidiert den Auftrag hatte, Kontakt mit KHG zu halten und ihn über alles zu informieren“, sagt Toifl: „KHG wusste, dass Meischberger eine Selbstanzeige einbringen wird (…). Meischberger hat mir gegenüber erwähnt, dass er mit KHG schon vor der Erstellung der Selbstanzeige geredet hat.“ In der Öffentlichkeit behauptete Grasser aber stets das Gegenteil.

An mehreren, stundenlangen Treffen nahm Toifl teil. KHG und Ernst Plech waren oft dabei. Die beiden seien „immer höchst nervös“ (Toifl) gewesen. KHG war derart paranoid, dass nur über eine einzige Nummer mit ihm telefoniert werden durfte. Toifl erinnert sich: „Diese Nummer wechselte auch immer wieder. Wenn ich gefragt werde, ob diese Nummer monatlich gewechselt wurde, so gebe ich an, dass dies gefühlsmäßig sogar in kürzeren Abständen der Fall war.“ KHG wechselte SIM-Karten öfter als andere die Unterhosen.

Safe im Palais Coburg

Plech machte sich vor allem „finanzielle Sorgen“, weil er im Herbst 2009 keine Selbstanzeige bei der Finanz eingebracht hatte und sich vor einer Finanzstrafe fürchtete. Grasser war laut Toifl hingegen wichtig, dass Meischi seine Steuerschulden rasch begleicht, damit es keinen Wirbel gibt. „War es irgendwann Thema, dass KHG einen Teil der Steuerschuld von Meischberger übernimmt oder in irgendeiner Form übernehmen könnte?“, fragen die Ermittler. „Thema war sehr wohl, dass andere Personen die Steuerschuld übernehmen könnten, dass sich Meischberger von irgendeinem Freund Geld borgt. Dass KHG dieser Freund sein könnte, war nie Thema.“ Die Ermittler hegen trotzdem den Verdacht, dass Meischberger von KHG heimlich mit Geld versorgt wurde. Toifl erinnert sich laut Protokoll: „KHG wollte von mir eine Auskunft, welche Einfuhrbeschränkungen aus Zypern und aus der Schweiz für Österreich gelten.“ Offenbar plante Grasser Ende 2009 Geldtransporte nach Wien.

Parallel dazu ließ sich Meischberger ein geheimes Schließfach im noblen Palais Coburg einrichten. „Vom Geld darin hat er zeitweise gelebt“, so Toifl. „Das Schließfach hatte er jedenfalls um die Zeit der Selbstanzeige und danach. Er hat mir gegenüber zumindest drei- oder viermal erwähnt, dass er von dort Geld abholen muss.“ Wer Meischbergers Privatbankomaten tatsächlich gespeist hat, wird noch untersucht.

Verärgerte Freundin

Meischberger-Freundin Natalie Daniels lenkte die Aufmerksamkeit auf KHG und Plech. „Es war natürlich riskant, das ganze Geschäft, aber wer hätte dazu Nein gesagt“, schreibt sie am 1. Oktober 2009 in einer E-Mail an Meischbergers Schwester Andrea Nagl: „Er hat ja nicht annähernd so viel Geld für seine Arbeit bekommen, wie es in den Medien dargestellt wird.“ Den Buwog-Deal zog er nicht allein durch. Damit widerspricht sie ihrem Freund. Meischberger schwört noch heute, die 7,6 Millionen Euro Buwog-Provision nicht geteilt zu haben – und deckt so zwei Freunde.

Fakt ist: Plech und Meischberger waren ein eingespieltes Team, das in der schwarzblauen Regierungszeit viele Deals im staatsnahen Bereich machte (Stichworte: Terminal Tower, Nordbergstraße). „Meischi“ war laut Toifl oft unsicher, „was er und Plech gemacht haben bzw. wofür er und Plech Geld bekommen haben“.

Plech verteidigt sich in der Buwog-Sache eigenartig. Zwar landete ein Drittel der Buwog-Provisionen auf einem Konto mit seinem Namen. Doch das sei ein „Bankfehler“ gewesen. Es soll Meischbergers Geld gewesen sein, das er auf Basis von Verträgen nur veranlagen durfte. Die Insider widersprechen: Laut Toifl wurden die Verträge zwischen Meischberger und Plech nachträglich erstellt, was nach Beweismittelfälschung riecht. Wirnsperger: „Das Konto hat Plech bei mir eröffnet, ich fuhr dazu nach Wien. Ich kann ausschließen, dass es sich bei der Eintragung des Plech als wirtschaftlich Berechtigten, Kontoinhaber und Zeichnungsberechtigten um einen ‚Bankfehler‘ handelte.“ Er wertet Plechs Einspruch als „juristischen Schachzug“, um von der eigenen Verantwortung abzulenken. Immerhin habe er mit Buwog-Geld ein privates Anwesen in Australien finanziert.

Die Zeugen Gerald Toifl und Christoph Wirnsperger stellen Karl-Heinz Grasser jedenfalls kein gutes Zeugnis aus. Aus Ermittlersicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis KHGs Buwog-Kartenhaus endgültig zusammenbricht.

Diese Woche startet der Prozess Karl-Heinz Grassers gegen seine Steuerberatung Deloitte.
 

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