Finanztransaktionssteuer: Zahlt London durch die Hintertür?

Nach Auffassung britischer Banken und Fondsmanager versucht die Europäische Union mit ihrer Transaktionsabgabe, Londoner Finanzfirmen “durch die Hintertür” zu besteuern. Die britische Regierung sollte diesem Versuch einen Riegel vorschieben, argumentieren Branchenvertreter.

Finanztransaktionssteuer: Zahlt London durch die Hintertür?

Die EU will Aktien- und Anleihetransaktionen mit einer Abgabe von 0,1 Prozent ihres Volumens belegen, wie sich aus Plänen ergibt, die EU-Kommissar Algirdas Semeta in Brüssel vorstellte. Die Steuer würde auf alle Geschäfte erhoben, die eines der elf Länder, die sie einführen wollen, tangiert. Umgehen könnten Unternehmen aus anderen Ländern die Abgabe nur, indem sie alle Geschäftsbeziehungen im Bereich Finanzdienstleistungen mit den elf Ländern einstellen.

“Wir unterstützen nach wie vor die Haltung der britischen Regierung, die sich weigert, sich dem Vorschlag zur Einführung der Steuer anzuschließen”, schrieb der Branchenverband British Bankers’ Association in einer Mitteilung. “Wir fordern sie auf, wachsam zu bleiben, damit die Erhebung der Steuer der City nicht durch die Hintertür Schaden zufügt.”

Da der EU-Plan vorsieht, bei jeder Transaktion sowohl den Käufer als auch den Verkäufer zur Besteuerung heranzuziehen, werden den Investoren “beträchtliche” Kosten entstehen, argumentiert die Investment Management Association aus London, der Branchenverband der Vermögensverwalter. Eine weitere Kostensteigerung werde anfallen, wenn Zwischenhändler beteiligt sind.

London ist Herz der Hochfinanz

Etwa die Hälfte der Aktivitäten von Investmentbanken in Europa spielt sich nach Darstellung der Lobby-Organisation TheCityUK in London ab, und die Finanzbranche hat 2011 bis 2012 knapp zwölf Prozent zum britischen Steueraufkommen beigetragen.

“Es ist besonders beunruhigend, dass die Ausweitung der Steuer jetzt auch unternehmerische Maßnahmen zum Risikomanagement erfasst und dass sie die Finanzbranche in Mitgliedsstaaten wie dem Vereinigten Königreich betrifft, die die Steuer nicht einführen wollen”, sagte Matthew Fell, Direktor beim Industrieverband Confederation of British Industry.

Sollte London einen Weg finden, der Steuer zu entgehen, dann können die höheren Transaktionskosten in Europa dem Standort sogar einen Wettbewerbsvorteil verschaffen, sagt Philip Keevil, Partner bei Compass Advisers Group in New York.

“Je mehr Geschäfte durch das Netz schlüpfen, desto besser wird das für London und New York sein”, sagte Keevil, ehemaliger Leiter des Investmentbanking bei S.G. Warburg & Co. “Es erinnert mich an den Londoner Eurobond-Markt der 1970-er Jahre, der als Folge einer Transaktionssteuer in New York entstand.”