Schnorrer der Lüfte: Flugmeilen-Hamster

Schnorrer der Lüfte: Flugmeilen-Hamster

Wer oft in die Luft geht, wird von Fluglinien hofiert und gewindelt. Flugmeilen sind zum Statussymbol geworden. Wer sie sammelt und gut einsetzt, wird wird zum König der Lüfte, kriegt Sonderbehandlungen und schnuppert Luxus über den Wolken.

Tom Stuker hat es geschafft. Der US-Amerikaner aus Chicago ist vermutlich weltweit die Nummer eins unter den Vielfliegern. Und zwar ganz offiziell. Der Mittfünfziger durchbrach im Vorjahr die symbolträchtige Grenze von zehn Millionen geflogenen Meilen bei der Fluggesellschaft United Airlines. Die Realität hat die Fiktion eingeholt.

Im Hollywoodstreifen „Up in the Air“ versucht nämlich George Clooney als vielfliegender Firmen-Controller, der Leuten möglichst schonend ihre Kündigung mitteilt, diese magische Meilenanzahl zu durchbrechen und mit allen Tricks sein Meilenkonto aufzufetten.

Nur um diese unfassbare Distanz ein wenig greifbarer zu machen: 20 Flüge zum Mond und retour oder 400 Erdumrundungen muss man dafür im Flugzeug zurücklegen. Stuker, beruflich als Verkaufsberater für die Automobilindustrie tätig, brauchte dafür fast 30 Jahre und verflog pro Monat 29.000 Meilen. Im Zirkel der Vielflieger ist er nun ein Star und bei „seiner“ Fluggesellschaft der Top-Kunde.

Statussymbol & Sammeln

Das bringt Vorteile, denn Vielflieger genießen im Sinne der Kundenbindung Annehmlichkeiten, die der durchschnittliche Economy-Gast nicht hat. Vorrang auf Wartelisten und bei Reservierungen etwa, das Einchecken geht schneller, Zutritt zu Warteräumen und Lounges, die alle Stückerln spielen, Upgrades bei Hotels und Mietwagen werden einem quasi am Silbertablett serviert, wenn ordentlich Meilen gemacht werden, und natürlich winken Freiflüge.

Als Top-Kunde wird man nicht selten mit dem Porsche Cayenne übers Rollfeld kutschiert. Und wenn irgendwie möglich, wird im Falle einer Verspätung schon einmal gewartet, bis der werte Kunde an Bord ist. Je mehr Meilen man am Buckel hat, umso mehr Sonderbehandlungen gibt es. Und an die gewöhnt man sich und findet schnell Gefallen daran.

Sich in elitären Zirkeln frei bewegen zu können, ein bisschen hofiert zu werden mag für geschundene Globetrotter Balsam für die Seele und Wellness fürs Ego sein, aber auch das Jagen und Sammeln ist tief in menschlichen Verhaltensmustern verankert. Und Bonusmeilen lassen sich ausgezeichnet sammeln. Vergegenwärtigt man sich zudem, dass es in der Natur der menschlichen Eitelkeit liegt, sich von der breiten Masse abheben zu wollen und ab und an ein wenig das Überdurchschnittliche anzustreben, verwundert es nicht, dass weltweit 180 Millionen Fluggäste in Vielfliegerprogrammen der Fluggesellschaften angemeldet sind und Meilen bzw. Bonusmeilen hamstern. Weit über 200 Vielfliegerprogramme werden weltweit angeboten.

Starke Währung

"Miles & More", das Bonusprogramm der deutschen Lufthansa und ihrer Tochtergesellschaften, zu denen bekanntlich auch die Austrian Airlines und die Swiss zählen, hat etwa 22 Millionen Vielfliegerkarten. In Österreich nutzen dieses Angebot übrigens 740.000 Kunden, die im Jahr 2010 rund 3,5 Milliarden Prämienmeilen eingelöst haben. 50.000 der heimischen „Miles & More“-Kartenbesitzer genießen übrigens einen Sonderstatus und somit einen gewissen Benefit als Frequent Traveller (35.000 Statusmeilen pro Jahr), als Senator (130.000 Statusmeilen) oder als exklusiver HON (600.000 Meilen in zwei Jahren). Und einen Sonderstatus zu erlangen, respektive einmal erreicht auch zu halten, ist das erklärte Ziel.

Denn Flugmeilen sind auch zu einer Art Schattenwährung avanciert. Die Lufthansa etwa musste 600 Millionen Euro Rückstellungen in ihrer Bilanz bilden, da fürs Jahr 2010 noch 198 Milliarden Bonusmeilen nicht eingelöst wurden. Mittlerweile sind Meilenjunkies ein findiges, eingeschworenes Grüppchen, das taktisch klug Umwege bucht, die dann fette Boni bringen, und sich gerne in Internetforen darüber austauscht. Zudem lukrieren diese Luftlinienhamster mit Zeitschriftenabos, Kreditkartenanträgen, Handyvertragsverlängerungen, Übernachtungen in Hotels, Kontoeröffnungen oder beim Shoppen Bonusmeilen.

Aber Achtung! Eingeschworene Vielflieger und Sammelfreaks sind ein bissiges Völkchen und sollten nicht gereizt werden. Insbesondere dann nicht, wenn es um ihre Bonusmeilen geht. So verklagt etwa gerade ein 35-jähriger IT-Professor aus Deutschland die Lufthansa, da seines Erachtens die Preisanhebung bei Meilenflügen mehr schlecht als recht kommuniziert wurde. Und als die Air Berlin 2007 von der LTU übernommen wurde und die Gültigkeit ihrer Bonusmeilen von fünf Jahren auf sechs Monate kürzte, klagten böse Meilenjäger und bekamen vor Gericht Recht – „unbillige Benachteiligung“ heißt das dann bei Spruchreife.

Meilen-Sammeln bringt also Vorteile, Status und inneren Frieden. Allerdings muss man genau schauen, vergleichen und rechnen, um möglichst viel für seine Meilen zu bekommen. Denn was oft vergessen wird: Beim Einsatz der Prämienmeilen für Freiflüge kommen meist Sicherheitsgebühren, Service-Entgelte, Zoll-Benutzergebühren, Kerosinzuschläge dazu. Die muss der Fluggast dann oft selbst berappen oder nochmal zusätzlich Bonusmeilen einsetzen, um diese Posten zu begleichen. Da kann es schon einmal passieren, dass der vermeintliche Freiflug unterm Strich teurer kommt als das günstigste Ticket.

Rat vom Flugguru

Bei den unzähligen Fluggesellschaften und weltweit über 200 Bonusprogrammen den Überblick zu bewahren ist für Otto Normalflieger ein Ding der Unmöglichkeit. Der gerne als „Flug-Guru“ bezeichnete Ravindra Bhagwanani hat diesen Überblick. Der Schweizer ist Gründer und Chef von Global Flight Management mit Sitz in Frankreich und verspricht eine optimale Ausnutzung von Vielfliegerprogrammen. Er schneidert Kunden Flugprogramme auf den Leib und ermöglicht nebst Kosteneinsparungen von bis zu 35 Prozent auf Langstreckenflügen auch das Erreichen von Prämienflügen oft doppelt so schnell.

Der wichtigste Trick – neben dem Wissen, welche Airline gerade mit wem wie und wo kooperiert: Mehrere Mitgliedschaften in Vielfliegerprogrammen und sich dann die Bonusmeilen auf eine andere Karte buchen lassen, sofern die Airlines über die Luftfahrtallianzen wie Star Alliance oder SkyTeam oder auf andere Weise miteinander kooperieren. „Es kann durchaus sinnvoll sein, etwa mit KLM zu fliegen, sich die Bonusmeilen aber bei Alaska Airlines gutschreiben zu lassen“, erklärt der Flugpapst. „Drei Karten und eine Mitgliedschaft bei einer Hotelgesellschaft reichen oft aus, um schneller ans Prämienziel zu kommen“, ist Bhagwanani felsenfest überzeugt.

Das hat besonderen Reiz für Unternehmen, die via Bonusmeilen einiges an Flugkosten für ihre Mitarbeiter einsparen können. Ist aber auch für Privatkunden interessant, die so vielleicht in die Nähe von zehn Millionen Flugmeilen kommen könnten.

– Manfred Gram

Die wichtigsten Tipps, um an den Prämienflug zu kommen.

● Nehmen Sie alles an Meilen, was Sie kriegen können. Vor allem die Kreditkarte ist dabei Ihr Freund. Ist sie noch dazu vom Programmanbieter, bleiben die Meilen unbegrenzt gültig.

● Prämientickets nicht übereilt buchen und Kaufpreis ohne Steuern vergleichen. Damit nicht unnötig Meilen verschwendet werden. Wichtig: Sachprämien haben nicht die Wertigkeit von Flugprämien!

● Interkontinentalflüge bringen die meisten Punkte. First und Business Class bringen ebenfalls Extra-Punkte.

● Hilfe & Inspiration: Profis wie Global Flight Management ( globalflight.net ) oder vornesitzen.de optimieren Ihr Vielfliegen. Seien Sie Mitglied bei
mehreren Bonusprogrammen. Suchen Sie Foren ( vielfliegertreff.de ) auf.

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