Charleroi – Die "hässlichste Stadt der Welt"

Charleroi – Die "hässlichste Stadt der Welt"

Charleroi, lange Zentrum einer boomenden Kohle- und Stahlindustrie, kämpft die größte Stadt der Wallonie seit den 70er-Jahren gegen die Krise. Doch während das offizielle Charleroi auf Hochglanzbroschüren und ehrgeizige Stadterneuerungsprojekte setzt, nutzt der Künstler Nicolas Buissart in seinen "Safaris" bewusst den Charme des industriellen Niedergangs.

Den zahlreichen Touristen, die den Bahnhof Charleroi täglich als Verbindung vom Low-Cost-Flughafen Bruxelles Süd in die Hauptstadt nutzen, muss die Zuschreibung noch reichlich ungerecht erscheinen. Das Gebäude wurde ebenso wie der Vorplatz kürzlich neu renoviert, alles wirkt sauber, eine Stadtwache in rot-schwarzen Uniformen soll ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Das wahre Gesicht Charlerois offenbart sich erst wenige Meter weiter, am gegenüberliegenden Ufer der Sambre. Die gesamte untere Hälfte der Innenstadt wird im Rahmen des "plan Phénix" gerade abgerissen, aufgerissen und neu gebaut: Dort, wo einst Gebäude waren, klaffen nun Löcher zwischen den Häuserfronten. Da und dort steht noch eine Innenwand mit letzten Tapetenresten aus den 60er-Jahren. Die Straßen wurden aufgegraben, die Fußgänger müssen sich auf dem schmalen, verbleibenden Gehsteigstreifen aneinander vorbeidrängen. "30 Jahre lang haben sie nichts getan, nun machen sie alles auf einmal", erklärt Buissart.

Abseits der neu renovierten Fußgängerzone und der "Hauptstraße Charlerois", dem Boulevard Tirou, versprüht das Stadtzentrum vor allem Ostblockromantik: Besonders in der oberen Stadt stehen zahlreiche Geschäftslokale leer, der "Palais des Beaux Arts" könnte so auch im Zentrum Bukarests stehen, die wenigen Jugendstilgebäude wie das Rathaus verschwinden da fast. Pünktlich um 18.00 Uhr, wenn die Geschäfte ihre Rollläden herunterlassen, ist die Innenstadt wie ausgestorben. Bewohner berichten von der angeblich besonders hohen Kriminalitätsrate. Auch weil die wohlhabenderen Schichten, das Stadtzentrum längst zugunsten der Peripherie verlassen haben. "Die Sicherheit der Innenstadt am Abend muss erhöht werden", steht dazu im offiziellen Regierungsprogramm.

Im Tourismusbüro neben dem Rathaus reagiert man auf die Frage nach Möglichkeiten, mehr über das industrielle Erbe der Stadt zu erfahren anfangs mit Ratlosigkeit. Dann verweist man auf das Industriemuseum der Stadt im Viertel Marcinelle. Im ehemaligen Kohlebergwerk "Bois du Cazier" kamen 1956 bei einem Brand 262 Minenarbeiter ums Leben, der Großteil von ihnen Italiener. Ein Museum erinnert heute an die Tragödie, sowie die Geschichte der Kohle- und Glasindustrie im "Pays Noir", dessen Hauptstadt Charleroi einst war. 40.000 Besucher kämen jedes Jahr, erklärt Direktor Jean-Luis Delaet, 20 Prozent von ihnen seien Ausländer, der Großteil Nachkommen der verstorbenen italienischen Bergarbeiter.

Von Nicolas Buissart spricht die Dame im Tourismusbüro nicht. Dabei führt der 33-Jährige schon seit vier Jahren durch die Industrieruinen der Stadt und erzählt die Geschichte der einstigen Kohle- und Stahlhochburg - wenn auch auf humoristische und oft selbstironische Weise. "Das offizielle Charleroi mag mich nicht besonders", erklärt Buissart, der sich offensichtlich in der Rolle des aufmüpfigen Künstlers gefällt. "Sie sagen, ich würde den Ruf der Stadt beschmutzen. Am Anfang haben alle geglaubt ich käme aus dem Norden und sei Flame, dabei bin ich hier geboren. Aber ich fühle mich nicht für die Stadt verantwortlich. Ich mag Charleroi, aber das hält mich nicht davon ab, über die Stadt zu lachen."

Rostige Industrieleichen

In sogenannten Safaris von "Charleroi Adventure", einer Gruppe die eigentlich nur aus Buissart selbst besteht, führt der Künstler Touristen vom Stadtzentrum in Richtung Osten, vorbei an den großen Fabriken am Ufer der Sambre. Heute rosten sie vor sich hin - der Großteil von ihnen wurde schon vor Jahren stillgelegt - und bilden eine beeindruckende Industriekulisse. Dank der günstigen Ryanair-Flüge würden auch immer mehr ausländische Fotografen an seinen Safaris teilnehmen, die gerade diese Ästhetik des Verfalls schätzten, erzählt Buissart.

Auch die Fabriksruinen sollen bald abgerissen werden und neuen Firmen weichen. Das Land ist als Hochrisikogebiet gewidmet, die Verkehrsinfrastruktur Dank der Sambre, des Canal de Bruxelles, Autobahn- und Schienennetzanbindungen sowie des Flughafens perfekt für die Industrie geeignet. Auch ein modernes Elektrizitätswerk existiert bereits. Momentan liefert es aber lediglich 20 Prozent Leistung und versorgt die beiden verbleibenden Stahlwerke Charlerois.

Der erhoffte wirtschaftliche Aufschwung würde der Stadt gelegen kommen. Die Arbeitslosigkeit betrug im August 27,2 Prozent, unter Jugendlichen sogar 40,8 Prozent. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt mit 10.832 Euro rund 5.000 Euro unter jenem Belgiens.

Auf Anfrage zeigt Buissart auch gerne das Haus des belgischen Kindermörders Marc Dutroux, der mehrere Kinder und Jugendliche jahrelang einsperrte und sexuell missbrauchte, bevor er sie tötete oder verhungern ließ. Ebenso auf dem Programm steht der Ort, wo die Mutter von Rene Magritte Selbstmord beging oder die "deprimierendste Straße" Charlerois.

Unumstrittener Höhepunkt ist aber sicherlich die "metro fantome", eine in den 1980er-Jahren gebaute aber aus Kostengründen nie in Betrieb genommene U-Bahnlinie. Seitdem Buissart vor einigen Monaten Post von den Verkehrsbetrieben Charlerois bekam, die ihn aufforderten die Führungen künftig zu unterlassen, übernimmt der selbst ernannte "Prophet" Enrico diese Aufgabe. Er klettert mit den Besuchern durch ein Loch im Zaun und zeigt die mit Graffiti überzogene Station "Chet", die völlig funktionsfähig war, bevor Kupferdiebe die Stromkabel unter den Gleisen und aus den Kontrollkästen der Lichtanlage rissen.

Auf seinen Safaris bezeichnet Buissart Charleroi gerne als das neue Berlin, "arm aber sexy". Ob er denn tatsächlich daran glaubt, und ob Charleroi ähnlich wie die deutsche Hauptstadt zu einer Kunst-und Kulturhochburg werden könnte, wie es im Programm der Stadtregierung steht? "So wie sie es gegenwärtig angehen, sicher nicht", meint der 33-Jährige. Investiert würde vorwiegend in "Hochkultur" oder in kurzfristige Projekte wie "Hotel Charleroi", an dem auch der Österreicher Hannes Zebedin beteiligt ist. Die Initiatoren von "Hotel Charleroi" laden jedes Jahr internationale "artists in residence" in die Stadt ein, um sich von der Industriearchitektur inspirieren zu lassen. "Die führen sich wie Missionare auf, die den armen Carolos (die Bewohner Charlerois, Anm.) zeigen, was richtige Kunst ist. Und nach einem Monat sind sie dann wieder weg", sagt Buissart. "Dabei bin ich doch 'the only artist in town'", fügt er in einer Mischung aus gekränktem Stolz und Selbstironie hinzu.

Optimistischer ist da schon Benito. Der 47-Jährige ist Mitbegründer der Kulturinstitution "Rockerill", die in einer alten Fabrik beheimatet ist und vor allem Konzerte veranstaltet, aber auch Ateliers an Künstler vermietet und ein Plattenlabel betreibt. "Am Anfang haben wir den Saal oft für Hardrock-Konzerte vermietet, um uns über Wasser zu halten. Aber seit zwei Jahren sind wir offiziell von den Kulturabteilungen auf staatlicher, regionaler und kommunaler Ebene anerkannt und bekommen Förderungen." Benito glaubt fest daran, dass in Charleroi eines Tages die Kultur die Industrie ablösen wird. Bereits jetzt kooperiert Rockerill mit diversen anderen Kulturvereinen in der Umgebung. "Ich bin für alles offen was kommt, auch eine noch kommerziellere Nutzung der Fabrik."

Und, so sehr Buissart auch den Underground-Charakter seiner Safaris betont, irgendwie trifft das dann doch auch auf ihn zu. Zwei bis drei Touren macht er pro Woche und kann davon zumindest "part-time" leben, wie er sagt. Wollten anfangs vor allem die Medien über seine Safaris berichten, nimmt nun auch das Interesse offizieller Institutionen immer mehr zu. Erst kürzlich führte er Mitarbeiter der Schweizer Botschaft in Brüssel durch Charleroi, ein Pressemitarbeiter der EU-Kommission hat bereits ein Video über seine Touren gedreht und das offizielle Kulturinstitut Charlerois will eine Safari buchen. Vielleicht wird also bald auch die Dame im Tourismusbüro "Charleroi Adventure" anpreisen, wenn sich nach der industriellen Geschichte der Stadt gefragt wird - ob das für Buissart gut oder schlecht ist, bleibt freilich offen.

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