Strategien der Großmeister

Das Schachspiel taugt seit jeher als Welterklärungsmodell mit Metaebene , eignet sich aber auch hervorragend als Analysetool für Managementprozesse: Wie im Business geht es um Taktik und Strategie, um das Durchspielen von Szenarien und Varianten sowie um exaktes Zeitmanagement.

Das Thema Management­strategie musste schon viele Analogien über sich ergehen lassen: lernen von den Löwen, die Pinguin-Strategie, die Erfolgsgeheimnisse diverser Gurus, Systeme wie Fish, Management for Dummies, Zeitmanagement, Astro-Management. Deutlich schlüssiger als die meisten dieser Varianten ist der Vergleich mit dem Schachspiel. So hat etwa der Unter­nehmensberater Alexander Goetz – selbst Turnierschachspieler – in seinem Buch „Schach! Dem Manager“ („SDM“) ein ­gesamtes Managementsystem um das ­königliche Spiel herum gebaut.

Die Verbindungen sind nicht zu übersehen, haben doch zahlreiche Schachbegriffe Einzug in moderne Managementlehren gefunden: Zeitnot und Zugzwang, Rochade und Schachmatt, Gambit und Endspiel. Höchste Zeit also, das Schachspiel selbst einmal genauer unter dem Blickpunkt des Managements zu beleuchten. Starke Schachspieler sind, wie Goetz im Interview sagt, erfolgreiche Figurenmanager. Als Schachspieler weiß man, was damit gemeint ist. Wie aber kann man das Nicht-Schachspielern vermitteln? Was können Manager vom Schach lernen? Welche Tools sind im modernen Management relevant? Und welche Techniken sollte man beherrschen?

Züge & Entscheidungen

Das Schachspiel taugt schon seit jeher als Welterklärungsmodell – es eignet sich aber auch als Analysetool für Unternehmensprozesse. Jeder einzelne Zug kann entscheiden, muss wohl­überlegt sein und binnen einer kurzen Zeitspanne ausgeführt werden – in einer Turnierschachpartie durchschnittlich in rund drei Minuten. So wie ein Manager im Alltag Hunderte Entscheidungen pro Tag treffen muss, kalkuliert der Schachspieler Variante um Variante und versucht, Strukturen und Muster zu erkennenund diese erfolgreich anzuwenden.

Die allgemeine Annahme, man könne Gegner durch schiere Vorausberechnung bezwingen, ist naiv. Kein Mensch, auch nicht der schnellste Computer der Welt, kann alle Züge berechnen. Im Dickicht des Variantendschungels hilft daher nur strukturiertes Denken weiter. „First things first“, wie der Brite trocken sagt, oder: „Let’s cross the bridge, when we get ­there.“ Der sowjetische Ex-Schachweltmeister Michail Botwinnik brachte dies auf den Punkt, nachdem er den Titel an seinen Landsmann Michail Tal verloren hatte: „Ich muss ­meine zweizügigen Manöver verbessern.“ Also: nicht unnötig Energie in vage Berechnungen stecken, sondern konkrete Züge ausführen; klare Züge sofort ausspielen. Die Uhr tickt, Zeit ist Geld.

Strategie & Taktik

Wichtiger und ökonomischer als das Durchrechnen endlos vieler Varianten ist nachhaltige Planung, eine Strategie. Gute Schachspieler ver­gleichen die konkrete Problemstellung am Brett mit erlernten Mustern, mit bekannten Positionen. Wenn Taktik das ist, was man tun muss, ist Strategie etwas, was man tun kann (wenn man nichts tun muss).

Ein Beispiel zur Illustration: Bekommt ein Geschäft für Herrenmode plötzlich Konkurrenz in seiner unmittelbaren Umgebung (ein unerwarteter Zug), muss unmittelbar reagiert werden, um den Umsatz zu sichern. Am besten mit einem taktischen Gegenzug: das Sortiment auf­stocken oder – zwar nicht die feine britische Art – den besten Verkäufer (die wichtigste Figur) von der Konkurrenz abwerben. Im Krieg, in der Liebe und im Management sind alle Mittel erlaubt. Das ist Taktik.

Strategie hingegen ist immer lang­fristig – da geht es nicht ums Tagesgeschäft, sondern um Nachhaltigkeit. In fetten Jahren machen alle Cash, in schwierigen Zeiten nur jene, die einen Plan haben. In unserem Fall: langfristige Lieferverträge, Investitionen in den eigenen Shop, eine klare USP, neue Geschäftsfelder. Strategie heißt auch, Gewinne oder Renditen nicht sofort zu ­realisieren, sondern in die Zukunft zu investieren – in Pläne, Produkte, Entwicklung, in Menschen. Apple ist eine Firma, die das perfektioniert hat.

Analysieren & Lernen

Jeder möchte besser werden – oder zumindest etwas Besseres werden. Man strebt nach einem Titel, Sozialprestige, mehr Gehalt vom Chef – oder mehr Elo-Punkten im Schach (nach Arpad Elo; ein Punktesystem zur Messung der Spielstärke). Talent und grundsätzliche ­kognitive Kapazitäten des neuro­nalen Netzes (vulgo: Gehirn) sind die eine Sache – permanente Verbesserungsprozesse (sprich: lebenslanges Lernen) eine ganz andere. Manager müssen sich zu oft durch zeitraubende Workshops, Sitzungen und Seminare quälen. Allerdings ist der Mensch an sich meist bequem, und das Gehirn geht den Weg des geringsten Widerstands. Ein effizienteres Mittel zur Steigerung der Management-Skills wie auch der Spielstärke im Schach ist die umfassende Analyse. Und zwar die Analyse der gewonnenen und der ver­lorenen Partien. Im Idealfall erkennt man daraus ein Muster der eigenen Stärken und Schwächen. Bringt viel, denn dar­aus er­geben sich wichtige Handelsmaximen: Stärken auszubauen ist immer ökonomischer, als Schwächen zu beseitigen.

Initiative & Tempo

Die Erkenntnis ist alt und platt – aber wahr: Angriff ist die beste Verteidigung. Gute Schachspieler und gute Manager wissen das gleicher­maßen. Es gibt aber viele Möglichkeiten, die Initiative wieder an sich zu reißen. Manchmal muss man unerwartete Züge spielen, aus gewohnten Denkmustern ausbrechen. Entscheidend dabei ist, möglichst schnell aus der Defensive zu kommen, denn Verteidigung kostet mehr Kraft als Angriff. Also: Bringen Sie überraschen­de Argumente; spielen Sie versteckte Trümpfe aus; ändern Sie (das gilt natürlich nur fürs Management und nicht für das jahrtausendealte Schachspiel) notfalls die Spielregeln – so wie ­Apple mit iTunes das Musikgeschäft von Grund auf verändert hat.

Insignien & Macht

Dass sich Schach noch immer vortrefflich zu intellektuellen Machtdemonstrationen eignet, zeigten der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt und sein erklärter Lieblingsschüler Peer Steinbrück in der Ausgabe 44/2011 der „Zeit“. Die passionierten Schachspieler begaben sich zwecks Fotoshootings vor ein Schachbrett. Das Bild schmückte sodann die Titel­seite der deutschen Wochenzeitung und das Cover des Gesprächsbandes „Zug um Zug“. Nur hatten die beiden leidenschaftlichen Amateure im Eifer des Gefechts leider das Brett falsch aufgestellt.

Das kann dem derzeit erfolgreichsten „Figurenmanager“ der Welt nicht einmal im Schlaf passieren. Er ist Norweger, Supergroßmeister, hat ein energisches Kinn wie Kirk Douglas, verdient Millionen, wirbt für das coole Modelabel G-Star Raw und wäre – bleiben wir bei der ­Analogie von Schach und Wirtschaft – ein Start-up-Shootingstar. Sein Name: Magnus Carlsen. Elo-Zahl: 2.835. Alter: 21.

– Marko Locatin

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