"Schlacke, die sich auf die Seele legt"

"Schlacke, die sich auf die Seele legt"

Der Sportmanager und Ex-Skispringer, Neuper, erzählt über die Monate, die ihn "fast umgebracht“ hätten.

FORMAT: Während der deutsche Fußballtrainer Ralf Rangnick nicht über sein Burnout sprechen will, gehen Sie sehr offen damit um. Eine Art posttraumatische Selbsttherapie?

Hubert Neuper: Wir alle sind ausgesprochen unehrlich zu uns selbst. Wägen immer ab, was wir sagen wollen oder dürfen und was nicht. Das legt Schlacken auf unsere Seelen, sodass es uns dann im Hirnkastl irgendwann einfach ausknipst. Ich will das nicht mehr. Ich sage, was ich sagen will. Und ich tue, was mir taugt.

Das ist ein Luxus, den sich Rudi Anschober als Politiker vermutlich auch dann nicht leisten können wird, wenn er von seinem Burnout geheilt wieder ins politische Alltagsleben einsteigt.

Neuper: Das ist ein Problem unserer Gesellschaft. Hinter Entscheidungen, wie wir sie treffen, liegen oft ganz andere Gründe, als wir vorgeben - auch uns selbst gegenüber. Politiker treffen Entscheidungen nicht, weil sie richtig sind, sondern weil sie gewählt werden wollen. Dieses ständige Handeln wider die Intuition hält die Seele einfach nicht aus. Wenn dir dein Gefühl laufend sagt, eigentlich müsstest du anders agieren, dann bleibt das eben irgendwann nicht folgenlos für die Psyche.

Wie äußert sich das dann?

Neuper: Irgendwann fühlt man sich zunächst nicht mehr wohl. Und weil vor allem wir Männer über Schwäche nicht gerne reden und das Wort "Burnout“ sowieso nicht in den Mund nehmen, lebt man eine Zeit lang mit diesem schlechten Gefühl. Du stehst morgens auf und denkst, obwohl du alles hast: Es ist scheiße.

Wie hat das bei Ihnen begonnen?

Neuper: Bei mir ist diese Erkenntnis nach der Übernahme eines Jobs gekommen, den ich einfach nicht machen wollte. Mein Gefühl sagte damals ganz deutlich nein dazu, Sporthilfe-Chef zu werden. Aber irgendwie hat mich der Bundeskanzler überredet. Jeden Tag am Morgen im Bad vor dem Spiegel sagte ich mir: Hör auf damit! Aber dann bin ich rausgegangen und dachte mir: Warum denn? Ich bin ja der Beste, ich kann das alles. Meinem Ego hat es getaugt, dass die Menschen in mir den Supermann gesehen haben. Aber langsam bin ich selbst dabei emotional immer mehr verendet.

Was passiert danach?

Neuper: Man spielt diese Rolle bis zum Schluss und merkt nicht, dass man auf etwas aufbaut, das sinnlos ist. Man lügt sich selbst bis zum bitteren Ende an. Und auf einmal kommst du dann mit deinem Leben nicht mehr zurecht. Das ist der Zeitpunkt, an dem es dich dann von einem Tag auf den anderen völlig aus den Patschen wirft.

Da verordnet man sich dann, siehe zum Beispiel Rangnick und Anschober, einfach eine Auszeit?

Neuper: Ein Fehler. Denn eine dreimonatige Auszeit ist nicht viel mehr als einfach nur Flucht. Man muss sich jedoch dem Problem stellen, man muss sein Leben ändern.

Anschobers Pause ist also Kosmetik und wird ihm nicht wirklich helfen?

Neuper: Ich bin nicht berufen, jemandem zu sagen, was er tun soll. Das will ich auch nicht. Ich selbst bin damals jedenfalls geflüchtet und habe vier Monate in Amerika allein auf der Farm eines Freundes verbracht. Da bin ich gesessen und habe gehofft, dass sich mit der Zeit alles auflöst. Aber es hat sich nichts geändert. Meine Gedankenwelt war derart aus dem Gleichgewicht, dass ich in Verzweiflung und Selbstmitleid lebte. Das Entscheidende ist aber: Du musst stehenbleiben. Akzeptieren und reflektieren. Deine Einstellung ändern, dein Leben ändern. Wieder lernen, dass man seiner Intuition folgt und sich als Mensch nicht völlig vom Verstand übernehmen lässt.

Kann man danach wieder arbeiten?

Neuper: Die Arbeit bringt einen nicht zum Burnout. Sondern der Zugang, den man zur Arbeit hat. In der Politik, wo es so selten darum geht, was richtig ist, ist es sicher schwer, für sich selbst einen gesunden Zugang zum Job zu bewahren.

Gibt es überhaupt eine Chance, aus so einer schwierigen Situation gestärkt herauszukommen?

Neuper: Ja. Ich erzähle zwar gerade eben von einer Zeit, die mich subjektiv betrachtet fast umgebracht hätte. Aber mit meinem heutigen Wissen sage ich: Gott sei Dank habe ich das erlebt. Es hat mich weitergebracht. Ich werde nie mehr etwas tun, das meiner Intuition zuwiderläuft.

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