Reden ist Gold

Reden ist Gold

Das Geschäft mit Reden ist mittlerweile ein millionenschweres Business: Im deutschsprachigen Raum gibt es bereits 30 Redner-Agenturen. Die führende unter ihnen, Speakers Excellence, machte 2012 fünf Millionen Euro Umsatz.

Wenn Andreas Salcher die Bühne betritt, dauert es keine fünf Sätze, bis es im Saal stumm wird. Es sind Fragen wie "Gebe und bekomme ich in meinem Leben genug Liebe?“ oder "Spiele ich mein Leben mit meiner eigenen Musik?“, die das Publikum in seinen Bann ziehen. Es ist, als ob Salcher zu jedem einzeln sprechen würde. "In diesen Momenten verschmilzt meine Energie mit der meiner Zuhörer. Ich glaube, dass die Menschen in einem anderen emotionalen Zustand meinen Vortrag verlassen, als sie gekommen sind,“ sagt er.

Salcher ist Bestsellerautor, Bildungsexperte und Redner. Kürzlich nahm ihn die Redner-Agentur Speakers Excellence in die erlesene Liste der "Top 100 Speaker“ im deutschen Sprachraum auf. Vierzig bis fünfzig Auftritte absolviert der 52-jährige Wiener pro Jahr. Tendenz steigend. Seien es Firmenevents, Kundenveranstaltungen oder Unternehmensjubiläen, die Zahl der Veranstaltungen wächst stetig - und damit auch die Auftritte professioneller Redner. Wien Tourismus zählte 2012 alleine in der Bundeshauptstadt als 3.000 Events, das sind um sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Ein ähnlich starkes Wachstum wird in Deutschland verzeichnet.

Das Geschäft mit Reden ist mittlerweile ein millionenschweres Business: Im deutschsprachigen Raum gibt es bereits 30 Redner-Agenturen. Die führende unter ihnen, Speakers Excellence, machte 2012 fünf Millionen Euro Umsatz. In Österreich ist die Agentur Topspeaker der Kommunikationsexpertin Heidi Glück die Nummer Eins. Die Agentur vermittelt vorrangig Österreicher wie die Ex-Politiker Wolfgang Schüssel und Alfred Gusenbauer, und Mathematiker Rudolf Taschner. Heidi Glück: "Österreich ist am Redner-Markt noch wie ein Entwicklungsland. Man muss Auftraggebern oft erklären, wie viel Arbeit und Vorbereitung hinter einem Vortrag stehen.“

Auch für die Redner sind Keynote-Speeches und Vorträge lukrativ: Ein heimischer Spitzenredner kassiert im Schnitt zwischen 3.000 und 10.000 Euro pro Auftritt. Ehemalige Spitzenpolitiker liegen sogar weit darüber: Zwischen 15.000 und 35.000 Euro Honorar können sie verrechnen. International freilich sind auch Gagen jenseits der 100.000 Euro-Marke möglich. "Bildung wird heute großgeschrieben. Das äußert sich in einer großen Nachfrage nach Infotainment. Die Zuhörer wollen die besten Know-How-Träger erleben,“ beschreibt Gerd Kulhavy, Chef von Speakers Excellence.

Drin ist, wer "in" ist

Die "Goldgrube Speakers-Markt" hat aber strenge Zugangsregeln. Als angesagter Redner kann nur reüssieren, wer mindestens einen Bestseller geschrieben hat, eine gewichtige Funktion in Politik, Wirtschaft oder Sport innehatte oder sich selbst als Marke verkaufen kann. Dazu muss der Referent rhetorisch brillant sein. Es reicht nicht, die neuesten Erkenntnisse sachlich präsentieren zu können. Die Redner müssen ihr Publikum emotional mitreißen, ihre Fakten mit witzigen und bewegenden Geschichten umhüllen und mit dem Publikum interagieren.

Bildungsexperte Andreas Salcher etwa hat viel Zeit und Geld investiert, um seine rhetorischen Fähigkeiten zu trainieren. Live sah er sich die weltweit besten Redner wie Microsoft-Gründer Bill Gates, Regisseur James Cameron und Management-Legende Ken Blanchard an. Seine Vorträge - derzeit hält er sie zu fünf verschiedenen Themen - hat er bis ins letzte Detail dramaturgisch durchkomponiert. "Am Ende hilft mir nur eines: Ich muss ins kalte Wasser springen und auf der Bühne vor Publikum meine Reden ausprobieren“, sagt er.

Um als Redner wirklich gut zu verdienen, ist es wichtig, oft auf Bühnen präsent zu sein, und sei es auch ohne Gage. Hier bewahrheitet sich die alte Redner-Regel "Bühne bringt Bühne“. Das weiß auch die Industriellenvereinigung. Die Interessensvertretung organisierte 2012 gut 150 Veranstaltungen. Bei der größten davon, dem "Tag der Industrie“ kommen bis zu 800 Teilnehmer, die meisten davon zählen zur Polit- und Wirtschafts-elite des Landes. Nur eine Handvoll der Redner für IV-Veranstaltungen erhalten dafür ein Honorar. "Die Vortragenden profitieren von den hochkarätigen Gästen, und umgekehrt,“ sagt IV-Pressesprecherin Maria-Anna Helmy.

Die Top-Verdiener auf deutschsprachigen Bühnen sind derzeit der ehemalige Schweizer Fußball-Schiedsrichter Urs Meier, der Extremsportler und Manager der Musikgruppe "Kelly Family“ Joey Kelly und der Mediziner Michael Spitzbart. Auch Ex-Europa-Politiker sind gut gebuchte Redner, weil Themen rund um den Euro, Europa und der Wertegemeinschaft die Menschen bewegen. "Die Veranstalter möchten durch ihr Event und den Redner eine gewisse Expertise auf einem bestimmten Gebiet zeigen und ihrer Zielgruppe durch den Vortag etwas Gutes tun“, so Kulhavy. Neben Europa-Themen sind vor allem die Allzeit-Klassiker Erfolg, Führung, Marketing und Kommunikation gut gebuchte Themenbereiche. Auch Experten auf den Gebieten Fitness und Gesundheit verzeichnen zunehmende Anfragen. Kulhavy: "Viele Unternehmen müssen sich überlegen, wie sie gute Mitarbeiter halten. Da spielen Extras wie Angebote für die Gesundheit - sei es auch nur ein mitreißender Vortrag darüber - eine wichtige Rolle“.

Österreicher in Deutschland

Auffallend ist, dass trotz der vielen heimischen Top-Redner ähnlich wie Autoren und Musiker nur wenige den Sprung nach Deutschland schaffen. Nur eine Handvoll Österreicher sind im Nachbarland als Speaker bekannt und werden auch gut gebucht. Dazu zählen etwa Lanserhof-Mediziner Alex Witasek, Skisprunglegende Toni Innauer und Körperspracheexperte Samy Molcho.

Eine, die es bis nach Deutschland geschafft hat, ist Brigitte Stampfer. Die ehemalige Unternehmerin und Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Tirol landete mit ihrem Buch "Original ICH“ einen Bestseller und gilt heute als eine der führenden Self-Branding-Experten im deutschsprachigen Raum.

Rund 30 Vorträge hält sie jährlich und spricht dabei im Tiroler Dialekt über Individualität, Persönlichkeit und Authentizität. Stampfer: "Viele Chefs wurden geschult, Druck auszuüben. Doch sie haben erkannt, dass sie besser performen, wenn sie sich selbst und ihre Mitarbeiter wirklich kennen. Dabei helfe ich ihnen.“

Dazu kommt, dass heimische Redner sich meist selbst um ihre Vermarktung kümmern. In Deutschland ist es gang und gäbe, eine Agentur wie Speakers Excellence dafür zu engagieren. Zwar ist dieses Service nicht ganz billig, denn es kostet zwischen 15 und 20 Prozent des Honorars. Wenn ein Speaker überhaupt aufgenommen wird - immerhin durchläuft jeder einen strengen Selektionsprozess - lohnt es sich trotzdem. Die Agentur vermittelt die Redner und bietet eine Präsentationsplattform.

Andreas Salcher fiebert schon seinen Auftritten im Herbst entgegen: "Das Speaker-Dasein macht viel Freude. Ich bekomme auf der Bühne direktes Feedback vom Publikum. Wenn ich ein Buch schreibe, muss ich dafür ein paar Monate warten“.

Österreichs Top-Redner

Wolfgang Schüssel
Ex-Bundeskanzler, gern gebuchter Redner zu Europa.
Honorar: ca. € 10.000

Thomas Müller
Kriminalpsychologe, redet über sein Buch "Bestie Mensch".
Honorar: k.A.

Sabine Hübner
Service-Expertin, wurde 2012 zum "Top Speaker of the Year" gewählt.
Honorar: ab € 5.000

Alexander Witasek
Mediziner, entwickelte die "sieben goldenen Regeln“ für das Wohlbefinden.
Honorar: ab € 5.000

Brigitte Stampfer
Branding-Expertin, schrieb den Bestseller "Original ICH".
Honorar: ab € 3.500

Rudolf Taschner
Mathematik-Professor, spricht über Zeit, Zufall und Zahlen.
Honorar: k.A.

Konrad Paul Liessmann
Philosoph, oft angefragter Top-Redner.
Honorar: k.A.

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