Nur das Hirn entscheidet

Selbst bei großer Euphorie für das Neue, einer klaren gemeinsamen Zielsetzung und hoher Leistungsprämie scheitern in Wahrheit jährlich fast 80 Prozent aller dringend notwendigen Erneuerungsprojekte.

Nur das Hirn entscheidet

Verkäuferinnen in Arbeitskitteln mit dem gewinnenden Charme von Gefängniswärterinnen. Wäsche und Bademode mit dem Sex-Appeal eines Hydranten. Für Georg B., neu ernannter Vorstand eines alteingesessenen Wäscheherstellers, ist klar: Die Produktlinie muss verjüngt, die Unternehmensstrategie an die neuen Marktgegebenheiten angepasst und die Kosten dramatisch gesenkt werden. Veränderung steht ganz oben auf der Agenda. In Wahrheit ist dies die einzige Überlebenschance für das Unternehmen, also werden sicher alle mitziehen. Er definiert die Neuausrichtung klar, verdeutlicht sie seinem Topmanagement und erteilt den Auftrag, alle Mitarbeiter auf die neue Unternehmensstrategie einzuschwören.

Ein halbes Jahr später ist der große Erneuerungsprozess kläglich gescheitert, die Marke wird vom Branchenführer zum Schrottpreis gekauft, die Produktion geschlossen und alle Mitarbeiter entlassen.

Selbst bei großer Euphorie für das Neue, einer klaren gemeinsamen Zielsetzung und hoher Leistungsprämie scheitern in Wahrheit jährlich fast 80 Prozent aller dringend notwendigen Erneuerungsprojekte. Schuld sind weder Sabotageakte, noch Umweltkatastrophen, ja nicht einmal eine handfeste Wirtschaftskrise. Die Ursache liegt vielmehr in einem bloß 1,4 Kilogramm schweren Körperteil, der aussieht, wie eine Walnuss - dem menschlichen Gehirn. Es sorgt dafür, dass unter 50 Menschen, die einen gleichlautenden Auftrag bekommen, nicht einmal zwei sind, die wirklich dasselbe verstehen. Es bewirkt, dass wir automatisch - wie jeden Morgen - links fahren, obwohl wir heute einmal rechts abbiegen müssten. Und es ist der Grund, warum in jedem von uns ein Genie steckt. Das Gehirn kann also ziemliches Chaos anrichten, aber auch dafür sorgen, dass wir lustvoll Höchstleistungen erbringen.

Ich lerne daher bin ich

Obwohl das Gehirn nur etwa zwei Prozent des Körpergewichts ausmacht, braucht es mehr als 20 Prozent der Energie des gesamten Körpers. Und das aus gutem Grund: Das Gehirn ist nicht statisch, sondern äußerst plastisch. Es ist für das Lernen optimiert, gleichzeitig aber auch darauf, möglichst energiesparend Informationen aus der Umwelt zu verarbeiten. Vieles, was dabei nicht in die vorhandenen Schablonen passt, wird bewusst oder auch unbewusst durch Wahrnehmungsfilter ausgeblendet. Das ist wichtig, denn dadurch werden Ressourcen frei, um wieder Neues zu lernen. Jede neue Lernerfahrung hinterlässt Spuren in unserem Gehirn, das gilt sowohl für positive, aber auch für negative Erfahrungen. Unser Gehirn wird so, wie wir es benutzen. Neues zu erlernen macht in aller Regel keine Probleme - außer irgendetwas läuft im Kopf schief: Dauerstress, Ängste oder Überforderung blockieren den Energiefluss. Das untergräbt die optimale Leistung jedes Einzelnen - also auch des Mitarbeiters nebenan - und gefährdet somit den nachhaltigen Unternehmenserfolg.

Grund genug, die Erkenntnisse der Hirnforschung auch in der Unternehmensführung zu nutzen, um Mitarbeiter besser zu motivieren und mehr Erfolg einzufahren. In Österreich wird Neuromanagement erst ganz vereinzelt eingesetzt. Die Möglichkeit, Erkenntnisse aus der Hirnforschung für Unternehmenserfolg zu nutzen, motivierte Michael Smeryczanski, Prinzipal der GPM Management Consulting, den Neurowissenschaftler Manuel Nagl an Bord zu holen. Mit gehirngerechter Beratung machen sie Führungskräften nun jenes Wissen über menschliche Prozesse des Denkens, Fühlens und Handelns nutzbar, die für wirtschaftlichen Erfolg entscheidend sind. "Wir wissen, dank der Neurowissenschaft einfach mit höherer Sicherheit, was die Leute wollen und brauchen, und wie wir sie gezielt erreichen können“, so Smeryczanski. Mit dem Wissen, wie der Mensch tickt, können auch leichter die richtigen Maßnahmen für eine nachhaltige Zielerreichung gesetzt werden. "Die Neurowissenschaft bietet den Managern einen rationaleren Zugang als die klassische Psychologie“, ist Hirnforscher Nagl überzeugt, "damit können wir auch faktenaffine Führungskräfte mit ins Boot holen.“

Der Einsatz neurowissenschaftlicher Erkenntnisse in der Wirtschaft ist jedenfalls vielversprechend. "Das Verstehen des menschlichen Denkens ist für uns bei der Entwicklung von Sicherheitsstandards im Bahnverkehr wichtig“, meint Siegfried Stumpf, Vorstand der ÖBB-Infrastruktur. Er bedient sich gezielt der Erfahrungen aus der Hirnforschung: "Wir müssen einfach die Gründe und Ursachen menschlichen Versagens entschlüsseln, um sicherere Arbeitsabläufe garantieren zu können.“

Die Funktionsweise unseres Gehirns zu kennen, führt nicht nur zu einem besseren Verständnis für das Entstehen von Fehlleistungen, es versetzt uns auch in die Lage, ein gehirngerechtes Arbeitsklima zu schaffen, in dem zufriedene Mitarbeiter mit Vergnügen produktiver sind. "Die Erkenntnisse sind für uns ganz neue Impulse“, so Andreas Gnesda, Geschäftsführer von teamgnesda, Real Estate & Consulting. Der Büroentwickler setzt nun bei der Raumgestaltung Farben und Materialien ein, die sich positiv auf das Arbeitsklima auswirken. Gnesda: "Dank der Hirnforschung können wir nun endlich die ganz konkreten Auswirkungen von bestimmten Maßnahmen auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter in den Büros unserer Kunden messen.“

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