Studie: Freiheit im Beruf fördert Burn-out

Studie: Freiheit im Beruf fördert Burn-out

Burn-out wird flächendeckend als schwere Erkrankung ernst genommen.

Selbstbestimmung im Beruf überfordert viele Eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass sich viele durch selbst bestimmten, zu großen Arbeitseinsatz überfordern. Die Work-Life Balance wird dabei vergessen, die Burn-out-Rate steigt an. Über 80 Prozent der Österreicher nehmen Burn-out als schwerwiegende Erkrankung ernst, dennoch scheint der stressbedingten Erkrankung kaum einer zu entkommen.

Immer mehr Arbeitnehmer können sich ihre Arbeitszeit selbst einteilen. Keine Stechuhr wartet beim Eingang und keine Glocke läutet zur Mittagspause. Vertrauensarbeitszeit nennt sich das Modell und bietet vor allem Wissensarbeitern mehr Freiheiten in der Organisation ihres Arbeitsalltages. Die Selbstbestimmung der Arbeitszeit und das Einräumen von Handlungsspielräumen sind zum einen grundsätzlich gesundheitsförderlich, da sie jedem Einzelnen einen individuellen Zugang zum Verhältnis von Arbeit und Freizeit einräumen und persönliche Bedürfnisse von Pausen und Bewegung ermöglichen. Viele können mit der gewonnenen Freiheit aber schlecht umgehen, denn unter diesen Bedingungen sind ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Selbstorganisation gefragt. das Einteilen von Arbeit und Freizeit fällt schwer. Vor allem neue Selbständige stehen im steten Spannungsfeld von Existenzängsten, Kundenwünschen und Privatleben.

Druck von außen fördert den Druck von innen. Mitarbeiter mit hohem Leistungsdruck neigen zu selbstgefährdendem Verhalten. Die deutsche Bertelsmann Stiftung veröffentlichte eine Studie zum Verhältnis von steigenden Zielvorgaben im Beruf und selbstgefährdendem Verhalten. Der Großteil der Österreicher - konkret 82 Prozent - nimmt Burn-out mittlerweile ernst. Nur für elf Prozent handelt es sich um eine "Modeerscheinung". Das ist wiederum das Ergebnis einer Umfrage des Linzer Meinungsforschungsinstitutes IMAS. Wie Unternehmen und Stress-Geplagte selbst mit den hohen Anforderungen umgehen sollen, verraten die Studienautoren des Gesundheitsmonitors.

Selbstgefährdendes Verhalten am Arbeitsplatz

Die Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt auf, dass immer weiter steigende Zielvorgaben nicht nur die Gesundheit der Beschäftigten beeinträchtigen, sondern auch ein selbstgefährdendes Verhalten der Beschäftigten fördern. Demnach legt knapp ein Viertel der Vollzeit-Beschäftigten in Deutschland ein Tempo vor, das es langfristig selbst nicht durchzuhalten glaubt. 18 Prozent erreichen oft die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, auf Pausen verzichten 23 Prozent. Jeder Achte erscheint krank im Unternehmen. Der "fleißige" Arbeitnehmer tut sich und seinem Unternehmen mit diesem Verhalten weder sich noch dem Unternehmen gut: Der seit über zehn Jahren festzustellende
Anstieg der Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen ist in Verbindung mit immer mehr Stress am Arbeitsplatz zu sehen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Deutschland schätzt die damit verbundenen Produktionsausfallkosten für das Jahr 2012 auf sechs Milliarden Euro.

11 Prozent glauben, Burn-out wird vorgeschoben

IMAS zufolge stimmten 48 Prozent der Aussage "Burn-out ist sicherlich eine erstzunehmende Krankheit durch Überlastung im Beruf, für die aber auch private Ursachen verantwortlich sind" zu. Weitere 34 Prozent meinten "Burn-out ist eine schwerwiegende Krankheit und wird sicher durch den steigenden Druck und Geschwindigkeit am Arbeitsplatz häufiger in Zukunft vorkommen". Nur elf Prozent waren der Ansicht "Burn-out ist eine Modeerscheinung und wird oft von den betroffenen Arbeitnehmern vorgeschoben".

Anerkennung am Arbeitsplatz fehlt

Nach dem Modell der beruflichen Gratifikationskrise von Siegrist ist ein wesentlicher Stressfaktor ein wahrgenommenes Ungleichgewicht zwischen hohem Einsatz und geringer Belohnung. Als Belohnung sind nicht nur finanzielle Entlohnung, sondern auch Status und Anerkennung sowie Zukunftsperspektiven zu sehen. Ein höheres Gehalt motiviert, wenn überhaupt, nur kurzfristig. Viel wichtiger ist Arbeitnehmern eine gute Kommunikationskultur. Gesehen werden, Feedback bekommen, Perspektiven haben, sowie sich im Team und Unternehmen entwickeln und beitragen können, sind sinnstiftende und motivierende Faktoren im Arbeitsalltag.

1. Ausreichend Schlaf
2. Gute Abgrenzung zum eigenen Job / vom Beruf abschalten können
3. Ein harmonisches Familienleben
4. Bewältigbares Arbeitspensum / Fähigkeit zur Entspannung / gute Organisation / viel Bewegung
5. Anerkennung der Arbeitsleistung

Auf die Frage nach Faktoren, die der Prävention dienen, nannten die befragten an erster Stelle mit fast 70 Prozent "ausreichend Schlaf". Für knapp über 60 Prozent ist eine "gute Abgrenzung zum eigenen Job / vom Beruf abschalten können" entscheidend. Für knapp über die Hälfte landete ein "intaktes, harmonisches Familienleben" an der dritten Stelle. Jeweils mehr als 50 Prozent bezeichneten "ein gut zu bewältigendes Arbeitspensum", die persönliche "Fähigkeit sich selbst gut entspannen zu können", die "richtige Einteilung von Zeit und Mitteln" und "viel Bewegung und Sport" als besonders wichtige Präventivmaßnahmen zur Vermeidung des Syndroms. Zudem hat für knapp die Hälfte der Befragten die "Anerkennung der Arbeitsleistung" eine hohe Bedeutung.

Wachstum bis zum Umfallen

Ganz allein an den Arbeitnehmern liegt es aber nicht. Viele Unternehmen steigern ihre Arbeits- und Ertragsziele in regelmäßigen Abständen kontinuierlich. Solche Zielspiralen werden von den Beschäftigten als Hauptbelastung empfunden. Das stetige steigen der Anforderungen führt dazu, dass die eigene Leistungsfähigkeit als ungenügend wahrgenommen wird. Selbstzweifel und Versagensängste spornen jedoch nicht zu mehr Leistung an, im Gegenteil: Sie blockieren und machen im Extremfall krank.

Wer behandelt wird wie ein Selbständiger, verhält sich auch oft so. Überlange Arbeitszeiten, Verzicht auf Pausen, Feierabend und Urlaub und das Arbeiten trotz Krankheit sind Phänomene der Selbstgefährdung.

Unternehmenskultur: Achtsamkeit

Die Studienautoren des Gesundheitsmonitors sehen Arbeitnehmer wie Arbeitgeber in der Verantwortung. Leistung, die am Markt und dem ökonomischen Wachstum gemessen würde und sich nicht am Leistungspotenzial der Beschäftigten orientiere, führe zu krankmachenden Arbeitsbedingungen. Anreizsysteme müssten sich realistisch an den Potenzialen der Beschäftigten orientieren und nicht an unerreichbaren Zielen.

Beide Seiten sind dazu aufgerufen, die Sinne zu schärfen: Eigene wie fremde Leistungsgrenzen gilt es wahrzunehmen und zu respektieren. Aber auch rechtzeitig zu kommunizieren und durchzusetzen. Achtsamkeit ist seitens der Führung wie untereinander im Team gefragt und nicht zuletzt auch im Umgang mit sich selbst wichtig, um gesund und leistungsfähig zu bleiben. Klare Regelungen auf der organisationalen Ebene, wie zu Überstunden und Email-Verkehr helfen ebenso, wie Maßnahmen in Sachen Teamentwicklung und Führungskräfteschulung. Zuletzt, aber vielleicht am wichtigsten seien Verhaltenstrainings für den Einzelnen. Regelmäßige Reflexionstreffen helfen, die Problematik im Unternehmen nicht im Alltag unter die Räder kommen zu lassen.

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