Karriereturbo Ehrenamt

Karriereturbo Ehrenamt

Laut einer Umfrage des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales erachten es 86 Prozent der Wirtschaftstreibenden für sehr wichtig, dass sich Menschen außerhalb ihres Berufs freiwillig engagieren.

Ute Sattler ist Geologin bei der OMV. Regelmäßig ist die junge Akademikerin mit Einmachgläsern im Mineralölkonzern unterwegs. In den Gläsern befinden sich aber keineswegs Proben von Tiefenbohrungen, sondern Gurkerln. Sie wurden von armen Roma-Familien in der Slowakei angebaut. Unter dem Motto "Gib der Armut das Gurkerl“ verteilt Sattler die Gläser unter den Kollegen und sammelt dafür Spenden für den Verein Direkthilfe Roma. Auf Ablehnung oder gar Entrüstung über ihre branchenfremde ehrenamtliche Tätigkeit ist sie dabei noch nie gestoßen, ganz im Gegenteil: "Es wird absolut positiv aufgenommen und alle sind begeistert vom Engagement und der sozialen Verantwortung.“

Eine ehrenamtliche Tätigkeit kann in vielerlei Hinsicht bereichernd sein: Das Wissen, anderen Menschen zu helfen und auf diese Weise etwas vom eigenen Glück zurückzugeben, bereitet vielen Freiwilligen ein gutes Gefühl und eine tiefe Zufriedenheit. Die neuen Kontakte und Anforderungen, die sich im Rahmen einer ehrenamtlichen Arbeit ergeben, erweitern aber nicht nur den persönlichen, sondern auch den beruflichen Horizont.

Selbst wenn die Tätigkeit inhaltlich auf den ersten Blick nichts mit dem Brotberuf zu tun hat, so werden doch meist die im Berufsleben so häufig geforderten Soft Skills trainiert: Team- und Kommunikationsfähigkeit, Belastbarkeit und Einsatzfreude, die Motivation anderer, überzeugendes Auftreten, Verhandlungsgeschick und die Fähigkeit, Dinge selbstständig zu organisieren. Aus diesem Grund sehen es immer mehr Personalverantwortliche gerne, wenn im Lebenslauf ein soziales oder gemeinnütziges Engagement angeführt wird.

Der Freiwilligen-Bonus

Für Georg Horacek, als Senior Vice President HR bei der OMV immerhin für fast 30.000 Mitarbeiter weltweit verantwortlich, ist dies sogar ein Einstellungsgrund: "Insbesondere bei jungen Hochschulabsolventen, aber sicher auch bei anderen Kandidaten hat ehrenamtliches Engagement positives Gewicht. Es zeigt, dass Menschen sich über ihre Verpflichtung hinaus engagieren, motiviert sind und auch gesellschaftlich etwas beitragen wollen.“ Ausschlaggebend für die Bevorzugung ehrenamtlich tätiger Kandidaten ist für den Personalchef aber vor allem, dass sie bereits Managementqualitäten trainiert haben, die im Berufsleben dringend gebraucht werden. Denn bei der ehrenamtlichen Tätigkeit müsse man organisieren und Menschen führen, bei denen man keine hierarchische Führungsautorität hat; darum lerne man dort am besten, durch Überzeugung und sachliche Argumente zu führen. "Das ist später im Job ungemein von Nutzen“, so Horacek.

Bernd Allmer, Vice President Human Resources & Change Management der Frauenthal Holding, ist selbst ehrenamtlich Jobpate und versucht in seiner Freizeit, Menschen, die aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden sind, bei ihrem Wiedereinstieg zu helfen. Er beurteilt ein ehrenamtliches Engagement grundsätzlich als positiv, hinterfragt im Bewerbungsgespräch allerdings immer genau Tätigkeit und Motivation: "Ich würde bei gleicher Qualifikation für die zu besetzende Stelle vor allem auf das Potenzial für die Übernahme von verantwortungsvolleren Positionen in Zukunft achten.“ Ein ehrenamtliches Engagement beweise dabei, dass sich der Bewerber seiner sozialen Verantwortung der Gesellschaft gegenüber bewusst ist. Wobei es für den Personalchef von nachrangiger Bedeutung ist, ob sich der Kandidat bei der Freiwilligen Feuerwehr oder dem Arbeiter-Samariterbund engagiert: "Die Motivation, warum jemand sich sozial engagiert, ist wichtiger als die genaue Tätigkeit.“

Der Fokus liegt bei den meisten Personalchefs allerdings auf der Gemeinnützigkeit. Das Singen im Kirchenchor oder die Mitgliedschaft in der heimischen Trachtenmusikkapelle wird im Lebenslauf der Mitarbeiter oder Bewerber weniger hoch bewertet als die Freiwilligenarbeit in einer Hilfsorganisation. "Dabei lernt man bei uns Kommunikation und Konfliktmanagement, und wir haben sogar eine Führungskräfteausbildung in fünf Modulen eingeführt“, gibt Peter Mörwald, Obmann der Trachtenmusikkapelle Werfen zu bedenken. Trotzdem wird Hilfsbereitschaft von Personalern höher geschätzt als die bloße Mitgliedschaft in einem Sport- oder Gesangverein.

Martin Sailer hat es mit seinen zahlreichen sozialen Engagements bei Amnesty International, in der Hochschülerschaft und nun innerhalb der Rotarier bis in die Vorstandsetage der Frauenthal-Gruppe geschafft und befürwortet sehr die Aufnahme freiwillig engagierter Bewerber: "Das ist für mich ein Indiz für eine Persönlichkeit, die in der Lage ist, besondere Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen - eine wichtige Voraussetzung für die Übernahme von Führungsverantwortung in Unternehmen.“

Land der Helfer

Laut einer Umfrage des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales erachten es 86 Prozent der Wirtschaftstreibenden für sehr wichtig, dass sich Menschen außerhalb ihres Berufs freiwillig engagieren. 93 Prozent der Unternehmen teilen die Ansicht, dass man sich bei freiwilligen Tätigkeiten Erfahrungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten aneignen kann, die auch für den Beruf einen Nutzen bringen, und bei immerhin 42 Prozent der Unternehmen würde ein Nachweis über freiwillige Tätigkeiten die Chancen für eine Einstellung verbessern.

Ein Glück, dass ehrenamtliches Engagement hierzulande groß geschrieben wird: Rund 44 Prozent aller Österreicher ab 15 Jahren verspüren das Bedürfnis, sich neben ihrem Job oder ihrer Ausbildung sozial zu engagieren und sind in rund 100.000 gemeinnützigen Organisationen und Vereinen oder in der Nachbarschaftshilfe tätig. Sie investieren pro Jahr 720 Millionen Arbeitsstunden. Von der Betreuung von Obdachlosen oder älteren Menschen, über Kinder- und Jugendarbeit, dem Engagement in kulturellen Vereinen oder kirchlichen Organisationen bis zu Hilfs- und Rettungseinsätzen opfern also über drei Millionen Österreicher gerne einen Teil ihrer Freizeit, um unentgeltlich einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten. Damit liegen die Österreicher beim Ehrenamt an der EU-Spitze.

Auch wenn Freiwilligenarbeit in allen Bevölkerungsgruppen ein Thema ist, so betätigen sich vor allem sozial gut integrierte Personen sowie Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen besonders häufig in gemeinnützigen Vereinen und Organisationen. Eine Studie des Zentrums für Zukunftsstudien der FH Salzburg zeigt, dass sich die 20-bis 24-Jährigen mit 47 Prozent, sowie die 40- bis 49-Jährigen mit 50 Prozent dabei besonders stark engagieren. Sie alle geben an, dass ihnen Helfen auch eine persönliche Befriedigung bereitet und ihren Horizont erweitert. Umso erfreulicher ist es, dass ehrenamtliche Tätigkeiten nun auch immer mehr die eigene Karriere beflügeln können.

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