"Man muss sich nicht schämen, wenn man gefeuert wird"

"Man muss sich nicht schämen, wenn man gefeuert wird"
"Man muss sich nicht schämen, wenn man gefeuert wird"

Motivationsrednerin Soulaima Gourani: "Ich war bereits als Kind nervig und flog in der siebten Klasse von der Schule."

Gefeuert zu werden muss nicht unbedingt schlecht sein. Motivationstrainerin und Papst-Beraterin Soulaima Gourani erklärt im FORMAT-Interview, dass man im Job lästig sein soll und was man aus einer Kündigung lernen kann.

Dreimal gefeuert? Nicht viele können das von sich behaupten. Doch die Beraterin und Motivationstrainerin Soulaima Gourani zog positive Konsequenzen daraus. Heute zählt sie zu den 300 mächtigsten Menschen in Dänemark. Als CEO leitet sie ihre eigene Fintech-Bank und sie berät Papst Franziskus.

Anlässlich der Verleihung des Columbus-Awards des Dialog Marketing Verband Österreich (DMVÖ) in der Burg Perchtoldsdorf war Soulaima Gourani in Wien und hielt eine Keynote mit dem Thema: "Are you the type who gets fired?". Im Interview mit FORMAT erzählt die 40-Jährige mit marokkanischen Wurzeln, dass man im Job lästig sein soll, was man aus einer Kündigung lernen kann und welches Potential sie in den Flüchtlingen sieht.

FORMAT: Sie beschreiben sich gerne als unangepasste Revoluzzerin. Und sind deswegen schon dreimal gefeuert worden. In Ihrer Keynote stellen Sie nun die Frage: "Are you the type who gets fired?" Wer sind denn die Typen, die in Gefahr laufen, gefeuert zu werden? Sie? Ich?

Soulaima Gourani: Es gibt vier Typen, die erwiesenermaßen ein höheres Risiko haben, gefeuert zu werden. Dazu gehören diejenigen, die sehr sichtbar sind. Ich nenne sie die "Herausforderer". Sie wissen immer alles besser und können Autorität nur schwer akzeptieren. Ein zweiter Typ sind Menschen, die immer Nein sagen zu allem, die sich Veränderungen und Innovationen widersetzen. Der dritte Typ ist das klassische Opfer, das immer in die Opferrolle schlüpft. Und dann sind da noch die Experten auf irgendeinem Gebiet, die ihr Wissen nicht teilen wollen.

FORMAT: Gilt generell, dass wer unzufrieden ist, gefährdet ist?

Gourani: Ja. Und ehrlich gesagt finde ich das schade. Denn in den Teams, die am produktivsten und innovativsten sind, muss mindestens eine Person sein, die negativ eingestellt ist. In westlichen Unternehmen wird viel Wert auf Mitarbeiterzufriedenheit gelegt, es gibt viele Untersuchungen und Manager werden belohnt, wenn ihre Mitarbeiter glücklich und zufrieden am Arbeitsplatz sind.

Es stellt sich jedoch heraus, dass Zufriedenheit der Mitarbeiter der Innovation in einem Unternehmen schadet. Daher muss man in einem Unternehmen Fragen stellen. Und es auch wagen, derjenige zu sein, der deswegen seinen Job verliert. Man muss sich deswegen auch nicht schämen. In Dänemark und vermutlich auch in Österreich bevorzugen die Menschen angestellt zu sein, anstatt selbstständig zu sein. Aber wir brauchen mehr Jungunternehmer.

FORMAT: Suchen Unternehmen vielleicht nicht die richtigen Mitarbeiter aus?

Gourani: Das Problem beginnt schon beim Vorstellungsgespräch, da die eine Seite meist voreingenommen ist. Man sollte Menschen gar nicht zum Vorstellungsgespräch einladen, denn Unternehmen suchen nach Gemeinsamkeiten: Wer passt am besten zu mir und zu meinem Team?

Oft werden Entscheidungen aus nicht rationalen Gründen getroffen, etwa Männer unbewusst bevorzugt. Lassen Sie es mich mit einem Beispiel erklären: Klassische Orchester bestanden bis vor nicht allzu langer Zeit fast ausschließlich aus Männern. Dann haben sie angefangen, die Bewerber beim Vorspielen hinter einen Vorhang zu setzen, sodass man nicht sehen konnte, ob ein Mann oder eine Frau das Instrument spielt. Man konnte nur die Musik hören. Innerhalb von kurzer Zeit erhöhte sich der Anteil von Frauen in den Orchestern auf 50 Prozent.


"Meistens hat eine Kündigung mit dem eigenen Charakter zu tun", Soulaima Gourani.

FORMAT: Was kann der, den Job verliert daraus lernen?

Gourani: Wenn ich mit Menschen spreche, die ihren Job verloren haben, dann sage ich ihnen, dass sich ihre Denkweise verändern wird. Man muss es als Lernprozess sehen. Ich wurde nie zusammen mit anderen gefeuert, sondern immer ich allein. Es ist nämlich viel einfacher, wenn man mit 20 anderen ein Unternehmen verlassen muss, weil es dann nichts mit einem persönlich zu tun hat. 2007, als ich schwanger war, wurde ich zum letzten Mal gefeuert und konnte keinen neuen Job finden. Dann entschloss ich, Beraterin zu werden, weil ich dann auf stündlicher Basis arbeiten konnte.

Es dauerte aber eine ganze Weile, bis ich herausgefunden hatte, warum ich meinen Job verloren hatte. Sehr oft verliert man seinen Job nicht, weil man nicht gut genug ist. Meistens hat eine Kündigung mit dem eigenen Charakter zu tun. Das ist ein natürlich ein Tabu, weil Unternehmen nicht jemanden feuern dürfen, nur weil sie einen Mitarbeiter nicht leiden können. Mein früherer Arbeitgeber mochte mich zum Beispiel sehr gern, aber sie fanden mich extrem lästig.

FORMAT: In welcher Hinsicht waren Sie lästig?

Gourani: Ich war bereits als Kind nervig und flog in der 7. Klasse von der Schule - und es ist sehr selten, dass ein Kind von der Schule geworfen wird. Was meinen früheren Arbeitgeber betrifft: Ich war sehr herausfordernd und als Frau mit arabischen Wurzeln immer die Außenseiterin. Sie fanden mich so lästig, dass sie mich gekündigt und wieder als externe Beraterin angeworben haben.

Dann habe ich festgestellt, dass es ein Vorteil sein kann, wenn man lästig ist. Heute verdiene ich nämlich zehnmal so viel Geld in der Stunde wie vorher als Angestellte. Gefeuert zu werden kann auch befreiend wirken, weil sich herausstellt, dass man seinen Job doch nicht so gern mochte. Das ist übrigens ganz normal. Gallup hat eine Umfrage unter 1,8 Millionen Menschen gemacht: 80 Prozent antworteten, dass sie ihre Kernkompetenz nicht nutzen würden und ihren Job nicht leidenschaftlich machen.

FORMAT: Ihre Keynote dreht sich auch um den eigenen Marktwert. Wie finde heraus, welchen Marktwert ich habe?

Gourani: Der Marktwert hängt mit der Markenbildung zusammen. Wenn sie ein Paar Markenschuhe kaufen, haben sie einen gewissen Wert. Sie müssen herausfinden, wie viele Fans Sie haben und was Menschen hinter ihrem Rücken über Sie reden. Denken Sie über sich selbst wie ein eigenes Unternehmen: Habe ich Fans, was sagen Menschen über mich und was ist meine Kernkompetenz?

FORMAT: Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei den drei Typen, die gefeuert werden?

Gourani: Ich kenne mehr Frauen, die gefeuert wurden, aber ich habe keine Statistik dazu. In Dänemark sind nur sechs Prozent der Vorstände weiblich. Das ist sehr beängstigend, wenn man sich Norwegen ansieht mit seiner 40-Prozent-Quote. Daneben gibt es noch ein Altersproblem. Wenn eine Frau mit 40, 45 Jahren ihren Job verliert, ist es schwer für sie, eine neue Anstellung zu finden. Männer hingegen gelten - je älter sie werden - als erfahrener, das ist ziemlich unfair.

Sicher ist, dass es in Unternehmen Unterschiede zwischen Männern und Frauen und den Beziehungen, die sie zu ihren Kollegen pflegen, gibt. Frauen bauen sehr enge Beziehungen innerhalb eines Unternehmens auf, aber sie gehen weniger auf Konferenzen oder zu Dinner-Empfängen als Männer. Sie haben für gewöhnlich auch Kontakt mit Mitarbeitern auf ihrem Level oder darunter.

Männer auf der anderen Seite schauen nach oben. Das Verhalten prägt sich schon in der Jugend aus. Beim Ausgehen treffen sich Jungs am liebsten mit Jungs, die erfolgreicher sind, als sie selbst. Denn das zieht die Mädchen an. Mit Erfolgreicheren umgeben zu sein, fühlt sich für sie nicht unangenehm an, sie fühlen sich dadurch allein schon erfolgreicher. Mädchen auf der anderen Seite finden heraus, dass es keine gute Strategie ist, mit Mädchen auszugehen, die besser aussehen, weil diese dann die Aufmerksamkeit der Jungs auf sich ziehen. Es geht einfach um Wettbewerb.

FORMAT: Österreich hat eine relativ hohe Arbeitslosenquote, die in den kommenden Jahren auch weiter steigen wird. Gibt es Strategien, seinen Job zu behalten?

Natürlich. Wenn Sie Ihren Job behalten wollen, müssen sie ihren Marktwert kennen. Sie müssen die versteckten Strukturen in ihrem Unternehmen verstehen. Sie müssen lernen, wie sie ihren Manager oder ihren CEO erfolgreich aussehen lassen. Vermeiden Sie, schwierige Fragen zu stellen und lästig zu sein. Und beschweren Sie sich nicht. Achten Sie darüber hinaus darauf, dass sie nicht öfter in den Medien auftauchen als ihr CEO.


"Immigranten denken viel unternehmerischer als Dänen", Soulaima Gourani.

FORMAT: Sie haben ganz kurz das Flüchtlingsthema angeschnitten: Welches Potential sehen Sie in der Flüchtlingskrise?

Gourani: Die Menschen verlassen ihre Herkunftsländer, weil sie ihre Träume verwirklichen wollen: Sie wollen Frieden, ein Haus, Sicherheit, ein funktionierendes Bildungs- und Gesundheitssystem. Und das ist etwas, dass Europa anbieten kann. Deshalb wird der Flüchtlingsstrom auch nicht abreißen. Auch in zwanzig Jahren werden Flüchtlinge zu uns kommen - wegen der Klimaerwärmung.

Ein Blick in die dänische Statistik zeigt, dass Immigranten viel unternehmerischer denken als die Dänen. Okay, sie eröffnen vielleicht nur eine Bäckerei oder eine Pizzeria und starten keine Tech-Unternehmen. Aber in ihrem Kulturkreis und ihrer Denkweise ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie erfolgreiche Jungunternehmer werden. Deshalb denke ich, dass der Flüchtlingsstrom eine große Gelegenheit ist.

FORMAT: Gibt es auch auf Managerseite Typen, die eher gefeuert werden?

Gourani: Auch Manager werden gefeuert. Ich habe einen Freund, der lange Zeit CEO eines ziemlich großen Unternehmens war. Vor kurzem wurde er gefeuert obwohl es an den Ergebnissen des Unternehmens nichts auszusetzen gab. Er lieferte die besten Jahreszahlen. Aber er war immer sehr teuer angezogen, stand auf große, luxuriöse Autos und er postete auf Facebook Fotos, die ihn mit jungen, hübschen Frauen zeigten. Das nervte jeden in seinem Unternehmen. Eigentlich wurde er gefeuert, weil er seinen Reichtum zur Schau stellte und zeigte, auf welche Frauen er steht.

Gefeuert zu werden lässt sich aber nie ganz vermeiden. Deshalb sollte man sich bewusst fragen, ob man am richtigen Arbeitsplatz ist. Man sollte sich auch bevor man einen neuen Job beginnt -das neue Unternehmen ansehen und vielleicht zwei Wochen dort arbeiten. Wenn Sie ein Haus kaufen, sehen sie sich ja schließlich auch erst alle Details an, ehe sie die Millionen auf den Tisch legen.

Zur Person: Soulaima Gourani wurde 1975 in Safi, Marokko geboren. Sie lebt in Dänemark und ist als Autorin, Motivationsrednerin (unter anderem TEDx) und Beraterin tätig. Papst Franziskus berät sie etwa über das Bildungsprogramm "The Global Teacher Prize". Als CEO leitet sie außerdem die von ihr gegründete Fintech-Bank "CapitalAid". Vorher arbeitete sie unter anderem bei Hewlett-Packard und der Moller Maersk Gruppe.

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