Family Business - Karriere als Zerreißprobe für Familien

Family Business - Karriere als Zerreißprobe für Familien
Family Business - Karriere als Zerreißprobe für Familien

Job und Familie sind sehr schwer unter einen Hut zu bringen. Genau das wollen engagierte Unternehmen nun ändern, um im Kampf um die besten Köpfe mithalten zu können.

Wer in der Zentrale der A1 Telekom Austria in der Wiener Lassallestraße die Tür zu einem der Meeting-Räum öffnet, trifft dort nicht zwangsläufig auf Manager im Business-Outfit, die gerade Powerpoint-Präsentationen halten. Besonders in der Ferienzeit oder an schulautonomen Tagen kann es auch eine Gruppe fröhlicher Kinder sein, die unter Anleitung ihrer Betreuerin am Konferenztisch viel Spaß an einer Bastelarbeit entwickeln.

Es ist der Nachwuchs von Mitarbeitern des Telekom-Unternehmens. Wenn es bei ihnen Betreuungslücken gibt, dann können sie ihre Kinder mit zur Arbeit bringen, wo die Kleinen von Flying Nannies pädagogisch betreut werden. Dieses Angebot gibt es an den drei Wiener Standorten von A1. "Wir sehen in familiengerechter Personalpolitik einen klaren Wettbewerbsvorteil. Neben Karriere- und Verdienstmöglichkeiten kommt der Familienfreundlichkeit ein immer größerer Stellenwert bei der Wahl des Arbeitgebers zu“, erklärt Konzernchef Hannes Ametsreiter. Er engagiert sich daher ebenso wie die Führungsriege der übrigen hier mit ihren konkreten familienfreundlichen Angeboten vorgestellten Betriebe (siehe Kästen) im Rahmen der Initiative "Unternehmen für Familien“, die von Familien- und Jugendministerin Sophie Karmasin gestartet wurde. "Mit ‚Unternehmen für Familien‘ setzen wir uns für einen gesamtgesellschaftlichen Klimawandel ein, damit Österreich das familienfreundlichste Land Europas wird“, so die Ministerin.

Lesen Sie dazu auch das Interview mit Familienministerin Sophie Karmasin: "Die Arbeitswelt muss familienfreundlicher werden."

Das ist ebenso ehrgeizig wie dringend notwendig, um im Wettbewerb um die besten Köpfe nicht zurückzufallen. Denn obwohl eine ganze Reihe von Unternehmen bereits vorbildliche Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie umsetzt, krankt es auf breiter Front daran hierzulande doch noch. Indikatoren dafür: Nur 31 Prozent sind der Ansicht, Österreich sei grundsätzlich ein familienfreundliches Land. In Dänemark finden das 90 Prozent. 89 Prozent sehen hierzulande Vereinbarkeit als wichtiges Thema bei der Jobwahl an, aber nur 21 Prozent machen die Erfahrung, dass das in Österreich schon gut klappt. Schließlich spricht auch die niedrige Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau - das ist ein Platz im hintersten Drittel internationaler Vergleiche - nicht eben dafür, dass Kinder und Karriere ganz problemlos unter einen Hut zu bringen sind.

Stress in der Rushhour

Vieles davon hat mit traditionellen Strukturen der Arbeitswelt zu tun. Schon im typischen Berufseinstiegsalter kollidieren oft Partnerschaft beziehungsweise Familiengründung auf der einen Seite und der Drang, die Karriereleiter schnell nach oben zu klettern, auf der anderen. Sozialforscher sprechen vom Alter zwischen 25 und 40 Jahren als "Rushhour des Lebens“. Die potenziellen Zerreißproben sind vielfältig: Partnerwahl und Famileingründung können sich mit dem Berufseinstieg verhaken, das Miterleben des Heranwachsens von Kindern mit Karrieresprüngen kollidieren, Kindergarten- sowie Schulwahl können Auslandseinsätze im Job behindern, Betreuungspflichten und berufliche Networking-Notwendigkeiten in heftiger Konkurrenz um die begrenzten zeitlichen und mentalen Ressourcen stehen.

Diese Zwickmühle betrifft Frauen und Männern grundsätzlich gleichermaßen. In der Praxis sind es - spätestens mit der Geburt des ersten Kindes - aber die Frauen, die das Dilemma auszubaden haben. Meist zulasten ihrer Berufslaufbahn.Während Frauen nach der Geburt deutlich weniger arbeiten - sie gehen nun einmal öfter in Karenz und kehren, wenn überhaupt, dann in Teilzeit zurück - weiten junge Väter dagegen ihr Arbeitspensum sogar aus. Vordergründig wohl, um finanzielle Ausfälle zu kompensieren. Oft genug als Ausdruck des nach wie vor in den Köpfen verankerten Rollenbildes vom Ernährer der Familie. Damit glauben sie auch, Erwartungshaltungen der Arbeitgeber zu erfüllen: Laut Zahlen der Strategieberatung A.T. Kearney in Deutschland meinen 80 Prozent der befragten Männer, der Arbeitgeber lege größten Wert auf ständige Präsenz am Arbeitsplatz. 70 Prozent sehen in ihren Führungskräften keine Rollenvorbilder in Sachen Vereinbarkeit. Und ein Drittel der Männer würde die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere bei seinem Vorgesetzten gar nicht erst ansprechen.

Technik unterstützt Wandel

Als individuelle Karrierestrategie mag das funktioniern. Aber sägt sich die Wirtschaft so den Ast ab, auf dem sie sitzt, indem sie Karrieristen ohne Kinder-Handicap fördert und zugleich am Nachwuchsmangel zugrunde geht? "Unternehmen haben erkannt, dass die Versorgung der Kinder kein individuelles Problem der Väter und Mütter ist“, konstatiert Manuela Vollmann. Sie steht seit 23 Jahren an der Spitze der Non-Profit-Organisation abz*austria und berät Frauen, Männer und Unternehmen, wie man familienfreundliche Arbeitsmodelle in den Berufsalltag integriert. Vollmann selbst praktiziert Job Sharing und teilt sich die Geschäftsführung mit Kollegin Daniela Schallert.

"Es braucht flexible Arbeitszeitmodelle, die sich an Lebensphasen orientieren“, ist sich Vollmann sicher. Abseits von Kinderbetreuung merken Unternehmen vor allem, dass das Thema "Pflegekarenz“ immer wichtiger wird. Auch die technische Entwicklung trage zum Paradigmenwechsel bei. "Wir haben neue Technologien, die Arbeiten überall möglich machen. Ein Arbeitsplatzfetischismus ist nicht mehr angebracht“, so Vollmann. Zudem erkennen Unternehmen auch die betriebswirtschaftlichen Vorteile einer familienfreundlichen Grundhaltung. "Familienfreundlichkeit liefert nachweisbar geringere Fluktuation und Fehlzeiten“, sagt etwa Karl Grasl, Geschäftsführer von Grasl FairPrint. Konkret lesen Experten des Familienministeriums aus der Auswertung diverser Studien klare Vorteile heraus: 23 Prozent weniger krankheitsbedingte Fehltage, zehn Prozent geringere Fluktuation, höhere Motivation und schnellere Rückkehr nach der Karenz zugunsten familienfreundlicher Firmen.

Wirksame Maßnahmen.

Die Palette an Angeboten ist dabei breit gefächert. Die Erste Bank etwa bietet Mitarbeitern bei privaten Problemen ein diskretes Hilfspaket. "Keep Balance“ heißt die Hotline für die Belegschaft, die man vor fast einem Jahr eingerichtet hat. "Anonym werden unsere Mitarbeiter von professionellen Beratern des Hilfswerks beraten“, sagt Eva Höltl, Leiterin des Gesundheitszentrums der Erste Bank. 400 Mitarbeiter haben die Hotline schon in Anspruch genommen.

Infineon Austria hat sich die Errichtung der betriebseigenen internationalen Kindertagesstätte IDC am Firmensitz Villach 1,4 Millionen Euro kosten lassen. Ein Investment, um den steigenden Bedarf an internationalen Fachkräften zu decken, die meist nicht alleine, sondern mit Familie kommen. Das IDC betreut 90 Kinder aus 16 Ländern mit 14 verschiedenen Muttersprachen. Zusatznutzen für Infineon: Die Kleinen werden für Technik und Naturwissenschaft begeistert - was Mangel am Fachkräftenachwuchs schon an der Basis entgegengewirkt.

Mustergültig: Initiativen von Unternehmen

A1Telekom: Flying Nannies

Ruzica Prgic, 39, arbeitet seit 15 Jahren bei A1.

Die Wienerin Ruzica Prgic ist alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern. "Mein Arbeitgeber gibt bei der Zeiteinteilung viele Freiheiten, das macht die Koordination mit der Kinderbetreuung für Eltern sehr einfach“, erzählt Prgic. Begeistert im Konzern angenommen werden vor allem die Flying Nannies, ein einzigartiges Programm in drei Wiener A1-Standorten. "Das ist eine Kooperation mit dem Kinderbüro der Uni Wien, die es seit einigen Jahren gibt“, erklärt Prgic. An schulautonomen Tagen oder in der Ferienzeit werden Kinder kostenlos pädagogisch betreut. "Sechs Nannies kümmern sich um 30 Kinder - dann ist immer etwas los.“ Konferenz- und Meetingräume im Betrieb werden dann kurzerhand zu lebhaften Spielzimmern.


Northcote: Flexible Arbeitseinteilung und Job Sharing

Sophie Martinetz (38) und Bettina Stomper-Rosam (40), Gründerinnen der Kanzleimanagement Northcote.

Sophie Martinetz und Bettina Stomper-Rosam gründeten vor drei Jahren das Kanzleimanagement-Unternehmen "Northcote“. "Wir als Unternehmen wollen Work und Life zu einem leistungsfähigen Ganzen zusammenfügen, dazu gehören ein flexibles Arbeitsmodell und ein volles Backoffice, das fallweise Kinderbetreuung beinhaltet“, erzählt Martinetz. Sie hat drei Kinder. Privat teilt sie sich Arbeit und Organisation mit ihrem Mann, mit der vierfachen Mutter Stomper-Rosam ihren Job. "Teamwork ist alles“, merkt Stomper-Rosam dazu an, die sich die Organisation von Kindern und Haushalt ebenfalls mit ihrem Mann teilt.


Pfeiffer: Maßgeschneiderte, flexible Arbeitszeitmodelle

Bettina Maier, 41, Handelsgruppe Pfeiffer

Die Oberösterreicherin Bettina Maier hat eine sechsjährige Tochter und arbeitet 30 Stunden in der Woche. "Meine Arbeitszeiten sind mit den Kindergartenzeiten meiner Tochter koordiniert“, erzählt sie. Pfeiffer bietet seinen Mitarbeitern über 70 flexible Arbeitszeitmodelle an. "Sollte sich bei den Betreuungszeiten meiner Tochter etwas ändern, sind Änderungen jederzeit unbürokratisch möglich“, erzählt Maier. Zudem kann man auch Home-Office-Tage einschieben, und im Sommer bietet Pfeiffer Mitarbeitern auch Ferienbetreuung an.


T-Mobile: Job Sharing

Olivia Schauerhuber (42) und Martin Klein (39), T-Mobile

Olivia Schauerhuber und Martin Klein, teilen sich seit über einem Jahr einen Chefsessel bei T-Mobile. Beide haben kleine Kinder. Es lag nahe, eine Teilzeit-Lösung zu finden. "Wir präsentierten dem Vorstand unsere Job-Sharing-Idee und stießen auf fruchtbaren Boden“, erzählt Klein. T-Mobile nimmt Familienbedürfnisse ernst. Neben einem Betriebskindergarten gibt es auch Mobile-Working-Konzepte, Kinderbetreuung an schulfreien Tagen und Teilzeitmodelle. Schauerhuber: "Generell gibt es einen Trend zur Teilzeitarbeit, auch bei kinderlosen Mitarbeitern.“


Infineon Austria: Internationale Kindertagesstätte (IDC, Int. Day Care)

Pedro Amaral, 43, und Carla Santos, 38, Infineon

Für Pedro Amaral und Carla Santos war die Kinderbetreuung einer der ausschlaggebenden Gründe, um von Portugal nach Österreich zu ziehen. Beide arbeiten in Villach für Infineon. Sohn André (6) sei bei den Pädagogen im betriebseigenen IDC richtiggehend aufgeblüht, sagen die Eltern. "In Portugal war er so schüchtern, dass wir ihn schon zum Kinderpsychologen schicken wollten. Das IDC ist großartig. Viel Platz, ein guter Betreuerschlüssel, Mehrsprachigkeit und forschendes Lernen mit viel Natur im Erlebnisgarten. "Perfekt“, resümiert das Paar einstimmig. Dazu kommt noch, dass das IDC ganzjährig offen hat.


EVN: Eltern-Kind-Büro

Kerstin Enge, 33, EVN

Kerstin Enge nutzt, wenn es Betreuungsengpässe gibt, das Eltern-Kind-Büro, das ihr Arbeitgeber EVN in seiner Firmenzentrale eingerichtet hat. Dort finden sich zwei Arbeitsplätze und Spielzeug für die Kinder. "Vor allem im Sommer, wenn Kindergärten geschlossen sind, greift man auf dieses Angebot gerne zurück“, erzählt Enge. Im Sommer gibt es zudem ein zweiwöchiges Ferienprogramm für Kinder ab sechs - "dafür ist Sina-Marie allerdings noch zu jung.“ Jungen Familien kommt die EVN auch mit flexibler Zeiteinteilung entgegen.


Best Practice: Vorzeigeunternehmen und ihre Initiativen
Unternehmen Initiative
A1 (Telekommunikation) Flying Nannies bei Bedarf für Mitarbeiter im Einsatz
Bayer (Pharma) Flexible Arbeitszeiten, Home-Office-Regelung, Gesundheitsförderung
Erste Bank (Finanz) "Keep Balance“-Hotline für individuelle Beratung bei Problemen
EVN (Energie) Familienzimmer für Mitarbeiter, wenn Kinderbetreuung ausfällt
Grasl (Druck) Individuelle Lösung im Einzelfall, Führungspositionen auch nach Karenz
Henkel (Chemie) Freiheit und Flexibilität bei Arbeitsgestaltung, Familien-Beratungsservice
IBM (Technologie) Teleworking, flexible Arbeitsmodelle, Job Sharing, Väterkarenz u. v. m.
Miba (Automotive) Familienfreundlichkeit integraler Bestandteil der Unternehmenskultur
Microsoft (IT) Vertrauensarbeitszeit, Home- und Mobile-Office, Papawochen u. a.
Pfeiffer (Handel) Auswahl aus mehr als 70 verschiedenen Arbeitszeitmodellen
Siemens (Technologie) Betriebskindergarten, flexible Arbeitszeiten, Mentoring
Sonnentor (Kräuterhandel) Kinderbetreuung "Sonnenscheinchen“
T-Mobile (Telekommunikation) Job Sharing mit Teilzeit auch in Leitungspositionen u. a.
Wiener Städtische (Finanz) Erster Betriebskindergarten in Österreich
Wüstenrot (Finanz) Flexible Arbeitszeitmodelle für familienfreundliches Klima
Quelle: BMFJ

Familienfreundlichkeit bedeutet meist mehr als nur Kinderbetreuung. Im Rahmen der Initiative "Unternehmen für Familien“ berichten Firmenchefs über die konkreten Maßnahmen und Erfahrungen in ihren Betrieben. Diese Best-Practice-Beispiele findet man auf www.unternehmen-fuer-familien.at.

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