Downshifting: Weniger Arbeit, mehr Leben

Das Gehalt ist ordentlich, der Firmenwagen vorzeigbar, doch die eigenen Bedürfnisse bleiben auf der Strecke. Worauf gestandene Manager und junge Nachwuchskräfte verzichten, um mehr Zeit für sich zu haben.

Downshifting: Weniger Arbeit, mehr Leben

Die Rückkehr aus Kanada hätte aus beruflicher Sicht kaum besser verlaufen können. Ein internationales Pharmaunternehmen machte Ingrid Bacher, einer studierten Pharmazeutin, ein attraktives Jobangebot: In Wien wurde ihr eine Stelle als medizinische Beraterin angeboten, das Jahresgehalt fast sechsstellig, plus Bonus und Dienstwagen. Doch die 37-Jährige, die zuletzt an der Universität in Toronto gearbeitet hatte, sagte ab: "Wenn man in einem Unternehmen auf einem gewissen Level arbeitet, muss man quasi rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Ich möchte mich aber nicht komplett vereinnahmen lassen.“ Heute arbeitet Bacher zwar für die Pharmafirma, die ihr den Top-Job angeboten hatte, aber auf freiberuflicher Basis und nur bis zu drei Tage die Woche. Dadurch bleibt ihr Zeit, sich mit spannenden Forschungsfragen zu beschäftigen oder im Park Schönbrunn spazieren zu gehen.

Ingrid Bacher hat gewagt, wovon viele nur träumen. Sie tauschte eine gut bezahlte Stelle mit viel Stress gegen eine Tätigkeit mit geringerem Einkommen, aber mehr Zeit für sich. "Downshifting“ wird dieses Phänomen genannt, für das sich immer mehr Menschen interessieren. Es war der irische Mitbegründer der London School of Economics, Charles B. Handy, der den Begriff Mitte der neunziger Jahre in die Welt setzte. Damit traf er in den USA, Großbritannien und Australien den Nerv der Zeit. Später verbreitete sich die Idee dann in Europa. Inzwischen finden sich auch in Österreich zunehmend Stressgeplagte, die ihr Leben beruflich neu ausrichten wollen. Downshifting ist "ein bewusstes Herunterschalten in den Gang, in dem das Leben wieder mehr den eigenen Werten und Bedürfnissen entspricht. Es ist ein geplanter Wechsel von der Überholspur auf jene Spur, auf der man wieder mehr von sich selbst und allem, was um einen herum passiert, mitbekommt“, sagt Coach Karin Tara Peer.

Wer sich für diesen Weg entscheidet, leistet also nach wie vor einen gesellschaftlichen Beitrag, entweder als Angestellter oder als Selbstständiger. Nur die Prioritäten haben sich verschoben. War der Job vorher zentraler Lebensinhalt, wird nun mehr Wert auf ein stabiles Gleichgewicht gelegt. Ein Ziel, zu dem viele Wege führen: Einige Downshifter reduzieren ihre Arbeitszeit, andere schlagen eine Beförderung aus oder ein neues Jobangebot, und sehr viele machen sich selbstständig, um wieder frei entscheiden zu können, wann, wo und vor allem wie viel sie arbeiten wollen.

"Keine Konzernnutte“

Thomas Giehser, ehemaliger Country-Manager bei Pepsi-Cola, hat es bis heute nicht bereut, mit Anfang vierzig ein winziges Unternehmen für Bürodienstleistungen in Wien gegründet zu haben. "Ich wollte nicht als Konzernnutte enden“, erklärt er. In den ersten Jahren der Selbstständigkeit musste er sich finanziell einschränken. Als das Geschäft dann lief, konnte er einen lang gehegten Traum verwirklichen: Er eröffnete einen Laden für "Tee & Geschenke“ in Wien-Neubau und kürzlich einen Ableger im Palais Ferstel. Zwischen Zauner-Stollen aus Bad Ischl und Trüffelschokolade aus Italien erinnert er sich an den Albtraum, ein Top-Manager zu sein.

"Früher kam ich auf 100 Wochenstunden, 180 Flüge pro Jahr und 90.000 Autokilometer. Jetzt habe ich nur mehr 40 Wochenstunden und kann morgens noch mit meiner Frau frühstücken“, schwärmt Giehser. Das Diktat aus Mobilität und Flexibilität, das hohe Arbeitstempo und die permanente Erreichbarkeit sehen Experten als Gründe, warum Manager die Karriere herunterschalten wollen. "Die Menschen spüren die Bedingungen der modernen Arbeitswelt am eigenen Leib und kommen darüber ins Nachdenken“, sagt Wiebke Sponagel, Autorin des Buchs "Runterschalten! Selbstbestimmt arbeiten - gelassener leben“.

Hinzu kommt bei vielen die Frage nach dem Sinn: Was will ich wirklich im Leben erreichen? Wie wichtig sind mir Geld, Macht und Status? Soll das alles gewesen sein? Darauf die für sich richtige Antwort zu finden gelingt aber selten in einer Nacht: "Je mehr Zeit jemand in der Tretmühle verbracht hat, umso weniger kennt er seine eigenen Bedürfnisse. Diese müssen erst einmal freigelegt werden, bevor mit dem Herunterschalten begonnen werden kann“, so Sponagel, die in Deutschland als Downshifting-Coach arbeitet.

35-Stunden-Woche

Wer als Angestellter kürzertreten will, braucht allerdings die Unterstützung seines Arbeitgebers. Um die zu bekommen, musste Friedrich Reining lange kämpfen. Drei Jahre lang dauerte es, bis er vom Lautsprecherhersteller AKG das Okay erhielt, seinen Job als Entwickler auf 35 Stunden reduzieren zu dürfen. Ein Privileg, auf das er dann auch nicht mehr verzichten wollte, als er ein Jobangebot vom Elektronikunternehmen Knowles Austria erhielt. "Ich habe im Vorstellungsgespräch gesagt, dass ich an dem Job sehr interessiert bin, allerdings auch weiterhin nur 35 Stunden arbeiten möchte“, sagt Reining. Dass Knowles seinem Wunsch entsprach, freut ihn sehr. Denn in seiner freien Zeit kann er sich nun um seine drei Töchter kümmern und entlastet damit seine Frau, die als selbstständige Physiotherapeutin arbeitet. Damit lebt Reining ein Modell, das immer gefragter ist: "Gerade gut ausgebildete Berufseinsteiger legen von Beginn ihrer Karriere an großen Wert auf eine ausreichende Balance von Berufs- und Privatleben. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass sie eine Flexibilität in den Arbeitszeiten haben möchten“, so Martina Pitterle, Personalchefin beim Beratungsunternehmen Accenture.

Martin Müller, 33, hat zwar einen Vollzeitjob, fühlt sich damit aber schon wie ein Downshifter. "Mein Leben ist heute einfach nicht mehr so wahnsinnig wie früher“, sagt er. Mit Anfang zwanzig hatte Müller zwei Jobs. Bei Henkel arbeitete er im CEE-Vertrieb, und auf freiberuflicher Basis beriet er internationale Unternehmen beim Einkauf in China. Dafür stieg er häufig noch am Freitagabend in den Flieger und blieb dann bis Sonntag in Shanghai. "Mit 24 Jahren hatte ich so viele Flugkilometer gesammelt, dass mir die Lufthansa eine Senator-Karte ausstellte“, erzählt Müller. Parallel dazu gründete der gebürtige Vorarlberger eine Firma, die einen Absatzschutz für Stöckelschuhe vertrieb. Und irgendwann war ihm alles zu viel. Er verabschiedete sich für drei Monate in Richtung Jakobsweg. Heute arbeitet Müller als Einkaufschef bei einem Vorarlberger Mittelständler. Die 45 Stunden pro Woche, die er dort tätig ist, schafft er locker, immerhin ist das nur die Hälfte seines früheren Pensums. "Nur noch um die Welt fliegen, in einem großen Konzern aufsteigen, das will ich heute nicht mehr - einen fordernden Job schon“, erklärt er. Die Zeit, die ihm außerhalb der Firma bleibt, verbringt er mit seiner Familie oder mit Wandern.

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