"Die Finanzbranche lebt davon, dass man anderen Leuten einen Gefallen tut"

"Die Finanzbranche lebt davon, dass man anderen Leuten einen Gefallen tut"

Viele Geldhäuser stellen jetzt rund um den Globus ihre Einstellungspraxis auf den Prüfstand - vor allem, wenn es um Praktikanten und Einsteiger geht, die bislang gerne unter der Hand vermittelt wurden. Denn der Grat zwischen Gefälligkeiten für Bekannte und potenzieller Korruption ist ein sehr schmaler, wie die Banken festgestellt haben.

Bislang war es gängige Praxis in der Branche, dass etwa Investmentbanker nach einem informellen Gespräch mit dem Kunden von eben diesem gebeten wurden, den Lebenslauf eines Bekannten oder Verwandten an die Personalabteilung weiterzureichen.

Ähnliches galt in einigen Ländern auch für Kinder von Regierungsbeamten. Solche Kandidaten schafften es oft im Schnellverfahren auf die Praktikanten-Liste. Zwar konnten auch sie nicht immer die obligatorischen Vorstellungsgespräche und Einstellungstests umschiffen. Doch wenn es am Ende darauf ankam, eine Entscheidung zwischen zwei gleich qualifizierten Bewerbern zu treffen, gewannen meistens diejenigen mit den besten Verbindungen.

"Das passiert immer und überall: Man schiebt die Lebensläufe der Kinder der Kunden rüber", sagt ein in Hongkong ansässiger Investmentbanker. "Die Finanzbranche lebt davon, dass man anderen Leuten einen Gefallen tut. Nur so dreht sich das Rad."

Besonders ausgeprägt ist diese Praxis in China, wo um die Jahrtausendwende viele staatseigene Unternehmen privatisiert wurden und sich die Banken über persönliche Beziehungen lukrative Mandate sicherten. Dieser Verdacht richtet sich nun auch gegen JP Morgan in Hongkong. Die SEC schaut sich zwei länger zurückliegende Fälle genauer an, bei denen die Bank Kinder prominenter Chinesen anstellte. Einen entsprechenden Bericht der "New York Times" bestätigte ein Insider zu Wochenbeginn. Das Institut erklärte, mit den Behörden zu kooperieren. Das US-Recht verbietet es Unternehmen zwar nicht, politisch gut vernetzte Mitarbeiter anzustellen. Kritisch wird es dann, wenn die Anstellungen vor allem das Ziel verfolgen, dass daraus neue Geschäftsbeziehungen entstehen sollen.

"Total Nutzlos"

Nervös sind die Banken allemal. "Wir gehen gerade unsere Liste aller chinesischen Mitarbeiter durch", berichtet ein Mitarbeiter einer US-Bank in Hongkong. "Wir schauen uns alle ihre Verbindungen an - nur um auf der sicheren Seite zu sein." Besonders streng ist seit 2012 bereits die US-Investmentbank Morgan Stanley, wo ein Mitarbeiter wegen Bestechung eines chinesischen Beamten verurteilt worden war. Insider berichten, heutzutage durchleuchte die Bank Kandidaten vor einer Anstellung sehr genau auf ihre familiäre Bande.

Mitunter dürften die Geldhäuser ein ganz einfaches Interesse daran haben, Kandidaten auf Herz und Nieren zu prüfen. Denn in vielen Fällen stellte sich heraus, dass "Vitamin B" kein Garant für Leistung ist. So berichtet etwa ein Banker, dass sein Institut den Sohn eines afrikanischen Regierungsbeamten angestellt hatte - und am Ende auf ganzer Front enttäuscht wurde: "Er kam immer zu spät, hatte ständig Arzttermine und versäumte Meetings. Er war total nutzlos."

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