"De facto scheitert es oft an den Basisqualifikationen der Lehrer"

"De facto scheitert es oft an den Basisqualifikationen der Lehrer"

FORMAT : Wie werden Computer und das Internet heute in den Unterricht integriert?

Thomas Geretschläger : Die traurige Antwort ist: Noch nicht so stark, wie es sein sollte. Noch immer sind viele Schulen der Meinung, am besten geben die Kinder das Handy ab, weil das den Unterricht stört. Es wird noch nicht verstanden, dass Smartphones geeignet sind, das Lernen zu unterstützen. Es gibt auch innovative Schulen, die weit voraus sind, aber in weiten Bereichen wird der Computer nur mit dem Computerraum assoziiert. In manchen Notebook-Klassen, wo das Notebook hoch gerühmt wurde, ist es nur ein Ersatz für das Schulheft: Schüler schreiben brav mit, was im Frontalunterricht passiert.

Wie sollte vernetztes Lernen aussehen?

Geretschläger : Ich wünsche mir einen kreativen Umgang mit dem Computer, das heißt, die Dinge sollen nicht nur konsumiert werden: Ein YouTube-Video anklicken oder auf Facebook etwas posten, das kann jedes Kind. Aber die Leute können nicht mit Excel und Powerpoint umgehen. Aus der Wirtschaft bekommen wir die Rückmeldung: Wir müssen unsere Lehrlinge erst mit dem ECDL (Anm.: Computerführerschein) weiterbilden. Auch sicherheitsrelevante Themen haben Digital Natives nicht mit der Muttermilch aufgenommen, zum Beispiel: Was passiert, wenn ich Daten in der Cloud abspeichere?

Das klingt nach Informatikunterricht?

Geretschläger : Im heutigen Informatikunterricht kommt das zu kurz. De facto scheitert es oft an den Basisqualifikationen der Lehrer - und das ist nicht nur ein Generationenproblem. Auch bei Junglehrern ist traurigerweise noch kein Standard vorgesehen, was IKT (Informations-und Kommunikationstechnologien) betrifft. Wir haben dazu ein Positionspapier herausgegeben, in dem wir fordern, alle künftigen Pädagogen mit den Qualifikationen auszustatten, damit sie Kinder und Jugendliche zu medienkompetenten, informatisch gebildeten Teilnehmern der Wissensgesellschaft ausbilden können.

Was tut Ihre Österreichische Computer Gesellschaft konkret, um die Situation zu ändern?

Geretschläger : Wir führen Projekte an Schulen durch, zum Beispiel arbeiten wir mit einem Bienenroboter an Volksschulen und einem Legoroboter, der ausschaut wie ein Krokodil. Der "Biber der Informatik“ ist ein internationaler Contest, bei dem knifflige Denksportaufgaben gestellt werden, die mit Informatik zu tun haben. Das sind bewusst verspielte Ansätze, damit man klar macht: IT und IKT ist etwas, was man auch selber gestalten kann.

In welchem Alter sollten Kinder mit Computern konfrontiert werden?

Geretschläger : Man müsste schon im Volksschulalter oder im Kindergarten ansetzen: Da hat man mit einem spielerischen Zugang noch Chancen, die Begeisterung für Technik zu bewahren. Es stellt sich ja die Frage: Wo krieg ich Fachkräfte her? Die Antwort ist: Die Entscheidung wird viel früher im Bauch getroffen, als man annimmt - sie findet spätestens in der Pubertät statt. Oft ist auch das Berufsbild des Informatikers unbekannt und mit Klischees behaftet. Heute ist ja jedes Auto ein Computer mit Rädern.

Was sagen Sie den Kritikern, die fürchten, dass die Kinder nur noch vor dem Bildschirm sitzen?

Geretschläger : Ich sage nicht, es ist optimal, wenn Schüler zehn Stunden am Tag vor dem Computer sitzen. Es gibt nichts Schlimmeres als faden Unterricht, aber wenn ich zehn Stunden vor der Lernplattform sitze, ist das auch fader Unterricht.

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Zur Person
Thomas Geretschläger ist für den Bereich Produktentwicklung und Projekte bei der Österreichischen Computer Gesellschaft (OCG) zuständig.

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