Bankenszene: Praktikanten als Sklaven

Bankenszene: Praktikanten als Sklaven

72 Stunden Arbeit ohne Schlaf? Nach dem Tod eines Praktikanten der Bank of America Merrill Lynch in London ist eine heftige Diskussion über die Arbeitsbedingungen in der Finanzbranche entbrannt.

Ben Lyons, Gründer einer Organisation zur Förderung fairer und bezahlter Praktika, sieht vor allem die Personalabteilungen der Londoner Banken in der Pflicht. Sie müssten sich um die Praktikanten kümmern. Politiker fordern die Banken auf, für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter mehr zu tun und vor allem junge, schlecht bezahlte Praktikanten zu schützen. Die Bank of America teilte mit, zunächst die Fakten abzuwarten, bevor eine interne Überprüfung angeordnet werde.

Der Deutsche Moritz Erhardt war Ende vergangener Woche tot in seiner Londoner Wohnung aufgefunden worden. Der 21-Jährige soll zum Ende seines siebenwöchigen Praktikums in der Investmentbanking-Sparte 72 Stunden ohne Schlaf durchgearbeitet haben. Die Todesursache ist aber noch nicht bekannt. Entsprechende Tests stehen noch aus.

Ausbeutung oder Selbstausbeutung?

Allerdings: Viele Studenten und Uni-Absolventen sagen selbst, dass sie in ihren Praktika freiwillig extrem lang arbeiten, um sich einen lukrativen Job im Investmentbanking zu sichern. Sie werden vor allem von den noch immer guten Einstiegsgehältern in der Finanzbranche angelockt. Auch wenn die Boni vieler Banker mittlerweile gedeckelt sind, bieten die Häuser noch immer viel Geld. Die Einstiegsgehälter sind rund ein Fünftel höher als in der Realwirtschaft.

Selbst wenn es keine dringend zu erledigende Arbeit gebe, schreibe die Kultur vor, lange im Büro zu bleiben, sagt ein Ex-Praktikant von Merrill Lynch, der sich durch sein Engagement einen Job gesichert hat, diesen aber aus gesundheitlichen Gründen nach einem Jahr wieder kündigte. "Du brauchst ein Jahr bis 18 Monate, um zu merken, dass es das einfach nicht wert ist." Man brauche zwingend einen Ausgleich, ergänzt der Ex-Praktikant, der mittlerweile als Projekt-Manager in der Modebranche arbeitet.

Ein früherer Praktikant von Goldman Sachs, der ebenfalls nicht namentlich genannt werden wollte, berichtet, er habe bei der Investmentbank in New York im Sommer 2012 im Schnitt 18 Stunden am Tag gearbeitet - inklusive beider Tage am Wochenende. In einer Woche habe er drei Nächte durchgearbeitet und das Büro nur verlassen, um kurz zu duschen, seine Anzüge zu wechseln und für eine Stunde im eigenen Bett zu schlafen. Goldman Sachs wollte sich dazu nicht äußern.

Viele Praktikanten sagen aber, man habe sie nie zu so langen Arbeitszeiten genötigt. "Die Leute zwingen sich selbst dazu, weil sie ein Angebot der Bank wollen und die Chance auf eine große Karriere und viel Geld", sagt ein Ex-Mitarbeiter einer US-Großbank. Dies werde sich so schnell nicht ändern. Professor Andre Spicer von der Cass Business School in London fordert dagegen, Firmen müssten genau diese Kultur verändern, wenn sie als attraktive Arbeitsgeber wahrgenommen werden wollten.

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