Urlaubsreise samt Hüft-OP – Medizin-Tourismus boomt

Urlaubsreise samt Hüft-OP – Medizin-Tourismus boomt

Mit einer Luxus-Limousine lässt sich der Geschäftsmann aus Kuwait zu den Sehenswürdigkeiten und mehrmals zum Helios-Klinikum Buch im Norden Berlins kutschieren, wo die Ärzte ihn auf Herz und Nieren durchleuchten. Er gehört zu einer stark wachsenden Gruppe von Besuchern: den Medizin-Touristen.

"Viele Patienten wählen bewusst eine Metropole, in der sie neben der Behandlung auch noch etwas erleben können", sagt Stefan Boeckle, ein für Medizin-Tourismus zuständiger Manager bei der Fresenius-Tochter Helios.

Seit vielen Jahren wirbt der Konzern mit seiner Sparte Helios Healthcare International um Kranke aus der ganzen Welt. "Die Zahl der Patienten hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen und wird in Zukunft weiter steigen", betont Boeckle. Viele Patienten kommen nach Deutschland, weil die Krankenhäuser in ihren Heimatländern aus ihrer Sicht nicht gut genug ausgerüstet sind. In einigen westlichen Ländern machen sich die Menschen dagegen auf den Weg ins Ausland, weil Eingriffe dort billiger sind und es keine Wartezeiten gibt.

Nach Deutschland reisten laut Daten der Zentrale für Tourismus bereits 2010 rund 77.000 Patienten und gaben dabei insgesamt 930 Millionen Euro aus - Tendenz steigend. Die meisten Gäste kommen aus den europäischen Nachbarländern, Russland, den Golf-Staaten und Amerika. "Viele Patienten kommen wegen neurochirurgischen Eingriffen oder Krebsbehandlungen, andere wegen Hüft- und Knieoperationen oder medizinischen Check-Ups", erzählt Boeckle. Die meisten Gäste haben in ihrer Heimat bereits eine Diagnose oder eine Vorbehandlung erhalten, möchten sich aber lieber im Ausland versorgen lassen. Neben der Behandlung in einer deutschen Klinik bietet Boeckles Team den Gästen ein Rund-um-Sorglos-Paket: "Wir helfen beim Visa-Antrag, buchen Flüge und Hotels und organisieren über unsere Partner auf Wunsch auch Sight-Seeing-Touren oder Theaterkarten."

Traumhafte Wachstumsraten

Auch der Medizin-Tourismus in die andere Richtung boomt. Viele Deutsche reisen für aufwendige Zahnbehandlungen nach Ungarn oder lassen sich in der Türkei die Augen lasern. Angeboten werden solche Reisen unter anderem von Dr. Holiday, einer Tochter des Einzelhandelsriesen Rewe. Dr. Holiday bietet auch Reisen mit Fitnesskursen und anderen Gesundheitsprogrammen an. Als die Krankenkassen begannen, solche Urlaube zu bezuschussen, schoss die Kundenzahl nach oben - von 300 im Jahr 2003 auf 30.000 im Jahr 2007.

Angesichts der alternden Bevölkerung und der zunehmenden Akzeptanz von Behandlungen im Ausland werde Medizin-Tourismus weiter zulegen, sagt Dr.-Holiday-Vorstand Claudia Städele. "Die Buchungszahlen könnten in den kommenden Jahren in der Form eines Hockey-Schlägers nach oben schießen." Im laufenden Jahr geht Städele von einer Steigerung von 18 Prozent aus. Die gesamte Tourismus-Branche, die im vergangenen Jahr weltweit lediglich um vier Prozent wuchs, kann von solchen Werten nur träumen.

Laut Helmut Wachowiak, Professor für Tourismusmanagement an der Internationalen Hochschule in Bad Honnef, ist der Weltmarkt für Medizin-Tourismus derzeit 40 bis 60 Milliarden Dollar schwer und wächst jährlich um rund 20 Prozent. Eine Umfrage der Beratungsfirma IPK International ergab, dass sich derzeit lediglich drei bis vier Prozent der Weltbevölkerung im Ausland behandeln lassen. Mehr als die Hälfte der Europäer gab in der Erhebung allerdings an, dies in Zukunft in Erwägung zu ziehen.

Harter Konkurrenzkampf

Angebote gibt es bereits reichlich. Holiday Dialysis International (HDI), eine Sparte des Blutwäschekonzerns FMC, vermittelt unter anderem Kreuzfahrten für Dialysepatienten. "Dieses Jahr sind mindestens zwölf Touren geplant - die meisten im Mittelmeer, aber einige auch weiter nördlich, zum Beispiel nach Schweden oder St. Petersburg", sagt HDI-Vertriebsleiterin Chiara Frattini. An Bord sind Dialysemaschinen, ein Nierenfacharzt und drei Krankenschwestern.

Die in Großbritannien ansässige Medical Tourist Company wirbt für Behandlungen in indischen Krankenhäusern. Das Angebot reicht von Zahnbehandlungen über Herz-, Knie- und Hüftoperationen bis hin zu künstlichen Befruchtungen. Gründer und Vorstandschef Premhar Shah vermittelt zahlreiche Kunden aus Afrika, wo viele Krankenhäuser nicht über die nötige medizinische Ausstattung verfügen. "Es ist ein hart umkämpfter Markt, in dem immer mehr Firmen mitmischen wollen", sagt Shah.

Auch Helios-Manager Boeckle hat festgestellt, dass der Wettbewerb härter wird. Dass die Zahl von Patienten aus dem arabischen Raum zuletzt etwas nachgelassen hat, führt er auch darauf zurück, dass Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate neue, hochmoderne Kliniken aus dem Boden stampfen. "Sie wollen selbst zu einem Ziel für Medizin-Touristen werden."

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