Gesundheitsalarm: Österreich sitzt sich krank

Gesundheitsalarm: Österreich sitzt sich krank
Gesundheitsalarm: Österreich sitzt sich krank

Wir sitzen uns zu Tode: Mediziner plädieren für mehr Stehen im Arbeitsalltag.

Forscher und Arbeitsmediziner sind sich einig: Sitzen ist das neue Rauchen. Langes Sitzen macht krank und mehr Bewegung ist gefragt. Das in einer 40-Stunden-Woche im Büro umzusetzen ist allerdings schwer. "Geht nicht gibt's nicht" sagen Nutzer von Steh-Schreibtischen. Ist Stehen die neue Produktivitäts-Wunderwaffe?

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert des Rauchens - und des Sitzens. Zwei Gewohnheiten der industrialisierten Wohlstandsgesellschaft, die sich langfristig negativ auf die Gesundheit auswirken. Wird dem Rauchen immer mehr der Riegel vorgeschoben, ist dem langen Sitzen kaum zu entrinnen. Immer mehr Wissensarbeiter sitzen im Büro vor Bildschirmen, zuhause wird im Home-Office telefoniert oder der Laptop in Co-Working-Spaces aufgeklappt. Nach acht Stunden Arbeit wird auf der Couch oder vor dem PC Fernsehen geschaut, gesurft und gelesen - natürlich im Sitzen.

Sitzen ist das neue Rauchen

Wer meint, seinen sitzenden Arbeitsalltag durch Joggen oder Gymnastik ausgleichen zu können irrt. Knackpunkt ist das lange, ununterbrochene Sitzen. Wer lange an einem Stück sitzt, verkürzt seine Lebenserwartung - Ausgleichssport hin oder her. Wie das Team um Elin Ekblom-Bak in Stockholm herausgefunden hat, gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen langem Sitzen und Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes sowie einem generell erhöhten Sterberisiko. Leider auch dann, wenn man sich in der Freizeit sportlich betätigt. Trotz regelmäßigem Sport bis zu 60 Minuten sterben Stubenhocker, die mehr als sechs Stunden am Tag sitzen, mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent einen früheren Tod als die Kollegen, die weniger als vier Stunden sitzen. Ein bewegungsarmer Lebensstil kann demnach nicht ausgeglichen werden. Es gilt, die Muskeln zwischendurch im Alltag zu bewegen - und nicht, nach acht Stunden Durchhocken im Büro ein besonders hartes Training zu absolvieren. Auch Bernhard Schwartz von der FH Linz forscht zum Thema Bewegung am Arbeitsplatz. Der Medizintechniker und Sportwissenschafter empfiehlt eine Abwechslung der Haltung im Abstand von 20 bis 30 Minuten. "Empfehlenswert ist eine stete Abwechslung von Sitzen, Stehen, Gehen und zwischendurch etwas Gymnastik. "


"Die Ergonomie-Formel von Arbeitsmedizinern lautet: 60 Prozent Sitzen, 30 Prozent Stehen 10 Prozent Bewegung"

Bernhard Schwartz wünscht sich einen noch höheren Bewegungsanteil im Büro, als das von Schweizer Unfallversicherung bereits empfohlene 60/30/10-Zusammensetzung, denn Büroarbeiter verbringen mehr als die Hälfte der Wachzeit im Sitzen, was langfristig das Risiko für Brustkrebs, Darmkrebs, Prostatakrebs, Atemschwierigkeiten, mentale Müdigkeit und psychiatrische Krankheiten erhöht. US-Forscher des Pennington Biomedical Research Center in Louisiana haben in einer Langzeitstudie 17.000 Personen miteinander verglichen. Wer mehr als drei Stunden am Tag sitzt, hat eine geringere Lebenserwartung. Sitzen ist eine grundsätzlich unnatürliche Haltung, vor allem über Stunden hinweg. Problem ist aber nicht so sehr das Sitzen an sich, sondern die Inaktivität, die damit einhergeht. Menschen sind für die Bewegung geschaffen: Gehen, Sitzen, Liegen, Lümmeln - möglichst viel Abwechslung bringt den Körper in Schwung. Ruhepausen sollten eigentlich die Ausnahme sein. Krankenstände und Frühpensionierungen sind häufig gekoppelt an die Folgen des langen Sitzens: Schäden des Haltungsapparates, Bandscheibenvorfälle, Verkürzte Sehnen und verkümmerte Muskeln machen das Sitzen und Arbeiten schmerzhaft bis unmöglich.

Sitzen macht dick

James Levine von der Mayo-Klinik in Rochester fährt einen harten Kurs, wenn das Thema Sitzen zur Sprache kommt. "Just Stand" heißt seine Initiative. Er nennt die liebste Nicht-Tätigkeit der Industrieländer auch "Sitzkrankheit". Wer viel sitzt, verbrennt kaum Kalorien und schon wenige Stunden Sitzen reichen aus, um in den Blutgefäßen die Ausschüttung der sogenannten Lipoproteinlipase, kurz LPL, einzuschränken. Das Enzym wird zur Kontrolle der Blutfettwerte benötigt. Bei längerem Sitzen reduziert sich die LPL-Aktivität um 50 Prozent, so Levine. Übergewicht, Diabetes, hoher Blutdruck und Herz-Kreislauferkrankungen werden durch den sitzenden, unbeweglichen Lebensalltag stark begünstigt. Dauersitzer gehen ein um bis zu 50 Prozent höheres Herztodrisiko ein als beweglichere Kollegen.

Aufstehen gegen Burnout

Auch in Sachen Motivation, Konzentration, Energie und Stimmungsschwankungen ließen sich durch das Verringern der Sitzzeit gute Ergebnisse erzielen. Eine spanische Studie belegt, dass Leute, die mehr als 42 Stunden pro Woche vor dem Fernseher sitzen, ein um ungefähr 30 Prozent erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen haben als diejenigen, die weniger als elf Stunden vor ihrem Fernseh-Gerät sitzen. Levine, ein Endokrinologe, dem besonders Adipositas-Patienten am Herz liegen, meint, dass das Sitzen an sich bereits eine erhebliche Wirkung auf das vegetative Nervensystem habe. Während auf der einen Seite die Müdigkeit zunimmt, verschlechtert sich auf der anderen Seite die Fähigkeit Stress abzubauen. Eine fatale Kombination, die Burnout, Depression und Ängste begünstigt.

Schüler der First Vienna Bilingual Middle School lernen im Stehen

Stehen macht Schule

Seit 2010 können die Kinder in der First Vienna Bilingual Middleschool (VBS) auch im Stehen lernen. Jedes Klassenzimmer verfügt über ein bis zwei Stehpulte, die in der Höhe angepasst werden können. Die Kinder am Pult stehen auf Schaumstoffmatten, die Bewegung fördern und wirken wie "Mini-Trampoline". Zudem gibt es aktuell in jeder Klasse einen Wipp-Sitz - das ist eine Art Hocker, der flexibel beweglich ist und keine Rücken- und Armlehnen hat. Die Direktorin Martha Hafner ist nach der Versuchsklasse im Jahre 2010 nach wie vor überzeugt von mehr Stehen und Bewegung im Unterricht: "Gerade die Jüngeren, also zehn bis 12-Jährige haben einen großen Bewegungsdrang. Manche Kinder sitzen lieber, für die anderen sind Alternativen dringend notwendig." Wer glaubt, durch mehr Stehen und Bewegung kommt mehr Unruhe in die Klassen, der liegt falsch. Die Direktorin resümiert, dass Kinder, die einen Bewegungsdrang haben und diesen Ausleben dürfen, ruhiger und konzentrierter werden. Nachdem der Stadtschulrat vor fünf Jahren eine Versuchsklasse suchte und diese in der VBS fand, ist das Thema allerdings wieder untergegangen. "Für viele Schulen ist es primär auch eine Kostenfrage", so Hafner. "Die Klassenräume sind zum einen zu klein um komplett auf Steh-Schreibtische umzustellen. Zum anderen sind die Steh-Pulte und Wipp-Sitze sehr teuer." Lernen im Stehen hat vornehmlich in Schulen Vorarlbergs Anhänger, in Wien hat sich das Prinzip Bewegung noch nicht durchgesetzt.

Steh-Schreibtische: Das sind die Vorteile

Auch die Möbel-Industrie hat erkannt, dass es mehr braucht als nur einen ergonomischen Sitz-Arbeitsplatz. Steh-Sitz-Kombinationen gibt es bei Fachanbietern ab rund 400 Euro - nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Selbst Ikea hat seit letztem Jahr einen anpassbaren Steh-Sitz-Arbeitsplatz für 519 Euro im Sortiment. Günstiger geht es da mit Marke "Eigenbau". Blogs im Internet liefern hierzu Anleitungen und Inspiration. Der Wareneinsatz liegt hier nur bei rund 100 Euro. Wichtig ist in jedem Fall auf die richtige Höhe zu achten. Die Tischplatte sollte in Höhe der Ellbogen abschließen. Die Ober- und Unterarme liegen in einem rechten Winkel auf der Arbeitsplatte auf und der Bildschirm muss etwas höher stehen, also gerade so, dass sich das obere Drittel des Bildschirms in Augenhöhe befindet. Zudem sollte der Bildschirm um 20 Grad nach hinten gekippt sein. Der Abstand des Kopfes zum Bildschirm liegt idealerweise bei 50 bis 70 Zentimeter.

Büroarbeit am Laufband: So kann ein bewegter Arbeitsplatz aussehen.

Abwechslung erfreut

Von heute auf morgen acht Stunden durchstehen, wird niemandem gut bekommen. Langes Stehen macht müde Beine, fördert Krampfadern und jeder, der überwiegend im Stehen arbeitet weiß von Rückenschmerzen zu erzählen. Abwechslung heißt die Devise. Es geht vor allem darum, das Sitzen zu reduzieren und mehr Bewegung in den eintönigen Büro- und oft auch Freizeit-Alltag zu bringen. Ein Steh-Schreibtisch zuhause oder in der Arbeit ist die beste Möglichkeit, die Dauer des Sitzens zu reduzieren. Wipp-Sitze und Gymnastik-Bälle bieten zudem eine beweglicheren Untersatz für Wirbelsäule und Hüfte. Ein Verdauungsspaziergang in der Mittagspause, Treppensteigen statt Aufzug, Bildschirmpausen und Arbeitsplatzgymnastik sind einfache aber effektive Mittel lange gesund und leistungsfähig zu bleiben. Auch die österreichische Studie "Active Office" von Bernhard Schwartz bestätigt internationale Ansätze. Schwartz: "Arbeitnehmer, die regelmäßig zwischen Sitzen und Stehen wechseln, fühlen sich allgemein wohler als nur im Sitzen. Selbst monotone Aufgaben erscheinen durch einen Haltungswechsel interessanter." Langfristig liegt eine leistungssteigernde Wirkung eines abwechslungsreichen Arbeitsplatzes nahe, denn wer sich wohlfühlt und keine Rückenschmerzen hat, ist motivierter, leistungsfähiger und muss nicht so oft in den Krankenstand. Obwohl es viele gesundheitszertifizierte Betriebe in Österreich gibt, ist der Anteil der Arbeitgeber, die im Büro auf Bewegungsmöglichkeiten achten sehr gering. "Veraltete Strukturen erschweren eine Veränderung in Richtung mehr Bewegung am Arbeitsplatz. Dass die Investition neuer Möbel und ein anderes Pausenmanagement große Vorteile für Gesundheit wie Performance bringen, ist bei vielen Betrieben noch nicht angekommen", so Schwartz. Interessanterweise haben die Firmen, die umgestellt haben dies vor allem aus wirtschaftlichen Gründen getan.

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