Schrittmacher der Wirtschaft - Gesundheitsbranche boomt

Schrittmacher der Wirtschaft - Gesundheitsbranche boomt

Hightech made in Germany liegt manchmal verborgen, eingepflanzt im menschlichen Körper. Am Herzen soll Iforia dafür sorgen, dass Patienten eine lebensbedrohliche Rhythmusstörung überleben. Die Schocks, die der kleine Defibrillator auslöst, sind für seine Träger eine Art Lebensversicherung.

"Bei einem Herzflimmern treten nach drei bis sechs Minuten bleibende Gehirnschäden auf, nach zwölf Minuten sind die meisten Menschen klinisch tot", erläutert der Geschäftsführende Direktor der Firma Biotronik, Christoph Böhmer. "Die Chance, mit einem implantierbaren Defibrillator ein Herzflimmern zu überleben, liegt bei 95 Prozent." Auch Leistungssportler sind nicht selten betroffen.

Für das Berliner Unternehmen und seine 5600 Mitarbeiter sind die implantierbaren Defibrillatoren eine eher junge Technologie - das erste Gerät brachte Biotronik 1993 heraus. Gleichwohl ist die Technik inzwischen weit fortgeschritten. 65 Millimeter breit, 55 Millimeter hoch und nur elf Millimeter tief: damit ist Iforia einer der kleinsten seiner Art weltweit - zudem der erste, mit dem sich Patienten einer Magnetresonanztomografie (MRT) unterziehen können.

Eigentlich kam Biotronik mit der Herstellung von Herzschrittmachern groß raus. 1963 stellten Max Schaldach und Otto Franke in Berlin den ersten deutschen Herzschrittmacher her und gründeten Biotronik. Menschen mit einem zu langsamen oder unregelmäßig schlagenden Herzen verhelfen die kleinen Geräte nicht nur zu mehr Lebenszeit, sondern verschaffen ihnen auch mehr Lebensqualität. Das aktuelle Modell Evia ist sechs Mal kleiner als der erste Apparat aus den 60er Jahren, der zusammen mit seinen zahlreichen Nachfolgern in einem Schaukasten im Empfangsbereich der Firma zu sehen ist.

Das Berliner Unternehmen ist dabei ein Beispiel von vielen. Hightech aus Deutschland bezieht sich in der Gesundheitswirtschaft auf eine breite Palette an Geräten, Medikamenten und Dienstleistungen. Und Experten sagen dem Wirtschaftszweig eine rosige Zukunft voraus. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) etwa schätzt das Wachstum des deutschen Gesundheitsmarkts bis zum Jahr 2020 auf 3,3 Prozent pro Jahr. Weltweit sollen es Prognosen zufolge bis 2030 sogar fast sechs Prozent sein.

Doch gerade im eigenen Land sehen die international tätigen Unternehmen kaum neue Absatzmärkte. Lieber richten sie ihren Blick in die aufstrebenden Schwellenländer. Rapide sinkende Preise ebenso wie strenge Regularien treiben ihnen hierzulande die Sorgenfalten auf die Stirn. Nicht zuletzt der Fachkräftemangel wird für sie mehr und mehr zu einer Bedrohung. An Zukunftsfeldern besteht indes kein Mangel.

Mit Abstand größte Branche

Insgesamt tummeln sich in der Gesundheitsbranche, die mit einigen Superlativen aufwarten kann, mehr als 230.000 Firmen und Betriebe. Inzwischen beschäftigt sie knapp sechs Millionen Menschen. Damit ist jeder neunte Erwerbstätige dort tätig. Rechnet man den Fitness- und Wellnessbereich hinzu, arbeitet laut Gesundheitsminister Daniel Bahr inzwischen sogar jeder siebte Erwerbstätige in der Gesundheitswirtschaft. Sie schlägt damit andere Sektoren um Längen: In der Kfz-Branche etwa arbeitet nur jeder 50. Erwerbstätige.

In der Medizintechnik reicht das Spektrum von Diagnostik-Systemen über lebenserhaltende Geräte für die Intensivmedizin bis hin zu Verbandsmaterialien und Hilfsmitteln aller Art. Der Gesamtumsatz belief sich nach Angaben des Bundesverbands Medizintechnologie (BVMed) 2012 auf 22,2 Milliarden Euro, was einem Zuwachs um vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht.

Die zweite wichtige Säule der Gesundheitswirtschaft bildet der Pharmasektor: Fast 1000 Unternehmen mit 110.000 Beschäftigen sind hier tätig und erwirtschaften einen weltweiten Umsatz von 48 Milliarden Euro und damit vier Prozent des gesamten Weltmarkts. Patentgeschützte Innovation sind ebenso darunter wie preisgünstige Generika.

Und schließlich ist da der klassische Gesundheitssektor, der sich direkt um das Wohl der Menschen kümmert. Unter anderem zählen hierzu mehr als 88.600 Arztpraxen und 342.000 Ärzte, 2000 Krankenhäuser, 21.200 Apotheken und 23.600 Pflegeeinrichtungen.

3600 Euro pro Person für die Gesundheit

Im Jahr 2011 gaben die Deutschen die Rekordsumme von 294 Milliarden Euro für ihre Gesundheit aus, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat. Dies waren 5,5 Milliarden Euro mehr als im Jahr davor. Pro Einwohner werden damit im Schnitt 3590 Euro in die Gesundheit investiert. Die Ausgaben machen 11,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

Der größte Batzen von 168,5 Milliarden Euro wird über die 134 gesetzlichen Krankenkassen abgewickelt. Privathaushalte und private Organisationen tragen mit 14 Prozent bei. 27,7 Milliarden Euro entfallen auf die private Krankenversicherung (PKV), die in Deutschland mit 43 Unternehmen vertreten ist.

Bahr bescheinigt der Gesundheitswirtschaft denn auch eine erhebliche ökonomische Bedeutung für den Standort Deutschland. "Die Gesundheitswirtschaft hat zur Stabilisierung der deutschen Wirtschaft in den Krisenjahren beigetragen." Ungeachtet von Kostendämpfungsmaßnahmen habe sie sich als Beschäftigungs- wie auch als Wachstumsmotor erwiesen, sagte er Reuters.

Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) spricht von einem der größten Wachstumstreiber der deutschen Volkswirtschaft. Er stützt sich dabei auf eine beim Forschungsinstitut WifOR in Auftrag gegebene Studie. Derzufolge wächst die Branche fast doppelt so stark wie die Gesamtwirtschaft. Jeder Arbeitsplatz, der in diesem Sektor entsteht, erzeugt nach Einschätzung der Experten rund zweieinhalb Jobs in anderen Wirtschaftsbereichen, etwa bei den Zulieferern.

Untersucht wurden in der Studie sieben Unternehmen der industriellen Gesundheitswirtschaft, die in Deutschland eigene Forschungs- und Produktionsstandorte unterhalten: Bayer "HealthCare", der Gesundheitskonzern Fresenius sowie die Pharmafirmen Boehringer Ingelheim, Grünenthal, Merck, Roche und Sanofi-Aventis. Ihre Forschungsaktivitäten waren mit 9,1 Prozent annähernd so hoch wie in der Luft- und Raumfahrt. Zusammen erzielten sie in Deutschland eine Bruttowertschöpfung von rund zehn Milliarden Euro. Von 2005 bis 2010 lag die jährliche Wachstumsrate bei 6,6 Prozent und damit drei Mal höher als in der gesamten Wirtschaft mit 2,2 Prozent.

Demografie als Hauptmotor

Die Gründe für das enorme Marktwachstum sind vielschichtig. Zum einen ist da der demografische Wandel. In vielen Ländern der Welt steigt das Durchschnittsalter der Bevölkerung und damit die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen. Immer mehr alte Menschen leiden an mehreren Krankheiten gleichzeitig. Und immer mehr Personen benötigen intensive und pflegerische Betreuung und das so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden.

Hinzu kommt der medizinisch-technische Fortschritt: Er ermöglicht die Behandlung von Krankheitsbildern, die vor zehn oder 20 Jahren noch nicht behandelt werden konnten. Durch schonendere Verfahren können zunehmend Operationen an immer älteren Patienten vorgenommen werden.

Als Wachstumstreiber wirken zudem die steigenden Einkommen, insbesondere in den bevölkerungsreichen Schwellenländern. "Mit der ökonomischen Entwicklung wächst das Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung weltweit", sagt Bahr. Laut Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) steigen die Gesundheitsausgaben typischerweise stärker als die Einkommen.

Und nicht zuletzt pflegen die Menschen einen zunehmend gesundheitsbewussteren Lebensstil. Dafür sind sie anders als zu früheren Zeiten auch bereit, tiefer in die Tasche zu greifen. Vöpel hat dementsprechend das größte Wachstum im "zweiten Gesundheitsmarkt" ausgemacht, der überwiegend privat finanzierte Leistungen umfasst. Im versicherungsfinanzierten Markt werde das Wachstum hingegen durch die Rationierung von Leistungen eher gehemmt.

Export als Erfolgsgarant

Wachstum bringen den Unternehmen vor allem die Ausfuhren: Rund drei Viertel der Produktion geht inzwischen ins Ausland. Laut dem stellvertretenden Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Achim Dercks, stellt die Gesundheitswirtschaft damit sieben Prozent aller deutschen Exporte. "Für den Bereich der Medizinprodukte müssen wir ganz klar sagen, dass der Erfolgsgarant der Export ist", sagt BVMed-Geschäftsführer Joachim Schmitt. Der Inlandsmarkt stagniere hingegen weitgehend.

Ein ähnliches Bild bietet der Pharmasektor: "Was in Deutschland entwickelt und produziert wird, trägt zu einem Exportanteil von fast 70 Prozent bei", sagt die Hauptgeschäftsführerin des Verbands forschender Pharma-Unternehmen (vfa), Birgit Fischer. Einige Unternehmen produzierten schon jetzt nur noch sechs Prozent für den deutschen Markt, den Rest für weltweite Abnehmer.

Auch die Berliner Firma Biotronik macht in Deutschland nur rund 15 Prozent ihres weltweiten Umsatzes, Tendenz fallend. Einen Grund sieht Geschäftsführer Böhmer in dem heftigen Preisverfall in der Bundesrepublik. "Vergleicht man die Preise für Herzschrittmacher in Deutschland mit denen vor acht Jahren, betragen sie heute nur noch ein Achtel." Sein Unternehmen habe damit bereits einen großen Beitrag zur Konsolidierung der Gesundheitshaushalte geleistet.

Die Fokussierung auf den Weltmarkt habe sich in den vergangenen Jahren erheblich verstärkt, weiß Deutsche Bank-Analyst Dieter Bräuninger. Gerade die exportorientierten Sektoren stünden künftig weiterhin an der Spitze des Wachstums. "Speziell Unternehmen, die es verstehen, Marktchancen in den aufstrebenden Schwellenländern zu nutzen, werden unter den Gewinnern sein", sagt Bräuninger. Aber auch im Inland böten sich angesichts der wachsenden Zahl älterer Menschen durchaus Möglichkeiten. Denn ein Ende des Trends zu gesunder Ernährung und Wellness sei nicht erkennbar.

Rund 100.000 neue Jobs pro Jahr – von Fresenius bis Siemens

Der anhaltende Aufwärtstrend zeigt sich nicht zuletzt in der Zahl der Arbeitsplätze. Nach DIHK-Angaben wurden in Deutschland in der Gesundheitswirtschaft Jahr für Jahr rund 100.000 Arbeitsplätze geschaffen. "Der Trend zeigt weiter aufwärts", verspricht Vize-Geschäftsführer Dercks.

VFA-Hauptgeschäftsführerin Fischer verweist für die forschenden Pharma-Firmen zudem darauf, dass diese mit 5,3 Milliarden Euro im Jahr einen erheblichen Beitrag in Forschung und Entwicklung investieren. "Das sind rund 14,5 Millionen Euro am Tag."

Das größte Unternehmen im deutschen Gesundheitsmarkt ist der in Bad Homburg beheimatete Konzern Fresenius. An ihm zeigt sich wie vielschichtig der Gesundheitsmarkt aufgestellt ist und wie sich die Sektoren vernetzen lassen. Der Dax-Konzern setzt sich zusammen aus der Dialysetochter Fresenius Medical Care (FMC), der auf flüssige Generika spezialisierten Pharmasparte Fresenius Kabi, dem Dienstleister Fresenius Vamed und dem größten privaten Klinikbetreiber Helios.

Seinen weltweiten Umsatz will das Unternehmen 2013 auf mehr als 20 Milliarden Euro erhöhen. Fresenius hat in diesem Jahr bereits die Schwelle von 170.000 Beschäftigten überschritten. In Deutschland sind davon mehr als 43.000 Mitarbeiter tätig - indirekt hängen nach Angaben der Firma noch einmal genauso viele Stellen von Fresenius in anderen Sektoren ab. Von 2005 bis 2011 nahm die Beschäftigtenzahl um sieben Prozent zu.

Deutschlands größter Arzneimittelhersteller ist Bayer, der verschreibungspflichtige Originalpräparate wie das Schlaganfallmittel "Xarelto", das Krebspräparat "Nexavar" wie auch Tierarzneien produziert. Hinzu kommen rezeptfreie Medikamente wie die Klassiker "Aspirin" und "Renni" und die Herstellung von Blutzuckermessgeräten. Die Healthcare-Sparte insgesamt kam 2012 auf Umsätze von 18,6 Milliarden Euro.

An der Spitze der rund 11.000 deutschen Medizintechnik-Unternehmen wiederum steht die Healthcare Sparte von Siemens, die vor allem mit Tomographen aller Art - vom MRT bis zur Computertomographie - Gewinne macht. Aber auch Systeme zur Bestimmung des Blutbildes, Schwangerschaftstests und Hörgeräte gehören zum Produktspektrum, das Siemens-Med im vergangenen Jahr einen Umsatz von 13,6 Milliarden Euro bescherte - ein Plus von 8,6 Prozent.

Sparpolitik in Industriestaaten bereitet Sorgen

Trotz positiver Prognosen ist die Gesundheitsbranche aber nicht frei von Sorgen. Die Unternehmen bekommen zunehmend die Sparzwänge in den Industriestaaten zu spüren. Bei FMC etwa drücken die Haushaltskürzungen in Amerika erheblich auf die Stimmung.

Während in den klassischen Industriestaaten die Ausgaben stagnieren, liegen die Steigerungsraten in den übrigen Weltregionen zum Teil über zehn Prozent. Gleichwohl werde in Deutschland noch immer viel zu national gedacht, beklagt Pharma-Lobbyistin Fischer. Die enorme Aufholjagd von Ländern wie Indien oder Brasilien stelle für die Unternehmen eine große Herausforderung dar. "Die Märkte dort sind viel dynamischer als der deutsche Markt und für international agierende Unternehmen außerordentlich attraktiv." Dies werde in Deutschland meist übersehen. "Wir tun in dieser Situation so, als könnten wir uns auf unseren Lorbeeren ausruhen." Der bisherige Vorsprung in Deutschland müsse gesichert und gepflegt werden, um nicht abgehängt zu werden.

Fachkräfte händeringend gesucht

Wie in anderen Sektoren gestaltet sich auch in der Gesundheitswirtschaft die Suche nach Fachkräften immer schwieriger. Laut einer Umfrage des Bundesverbands der Medizintechnologie (BVMed) gibt es in 96 Prozent der Unternehmen offene Stellen. Die Firmen hätten Schwierigkeiten, diese zu besetzen, sagt Geschäftsführer Joachim Schmitt. Die Medizinprodukteindustrie stehe hier im direkten Wettbewerb mit Branchen wie der Automobil- und der Pharmaindustrie. "Gute Leute zu finden, ist nie einfach, weil diese fast immer mehrere Jobangebote haben oder nicht wechseln wollen", weiß auch Biotronik-Geschäftsführer Böhmer. Dennoch gelinge es der Firma, gut ausgebildete Fachkräfte zu finden. Dabei helfe es, Fachkräfte "nicht nach Kassenlage zu suchen".

Um den Zukunftsmarkt zu stärken, ist aus Sicht der Industrie eine Deregulierung des Gesundheitssektors dringend geboten. "Das Gesundheitswesen ist stark reguliert und träge", klagt HWWI-Experte Vöpel. Dies gelte vor allem in der klinischen Forschung sowie bei den Zulassungsverfahren. Die Unternehmen fürchten hier neue Restriktionen. "Wir haben lange den Vorteil gehabt, dass wir sehr sichere und innovationsfreundliche Zulassungskriterien in der EU hatten. Nun wird versucht, diese von mehreren Seiten anzugreifen", klagt Biotronik-Direktor Böhmer.

Der Ruf nach strikteren Zulassungsregularien wie er in fast allen Ländern in Europa laut wird, geht sehr wesentlich auf den Skandal um fehlerhafte Brustimplantate zurück. Die Zulassungsregeln seien dort aber gar nicht das Problem gewesen, sondern die Behörden hätten ihre Kontrollmöglichkeiten nicht voll ausgeschöpft, sagt Böhmer. Eine Verschärfung der Zulassungskriterien führe dazu, dass Innovationen sich verzögerten und Therapien den Patienten länger vorenthalten würden als nötig.

Auch der BDI mahnt, medizinische Neuerungen müssten den Patienten schnell und unbürokratisch zur Verfügung gestellt werden - bürokratische Hürden etwa bei klinischen Studien oder Nutzenbewertungen sollten auf ein Minimum beschränkt werden. Für den Dachverband BVMed muss bei den auf europäischer Ebene geplanten Reformen zwingend am bestehenden Zulassungssystem festgehalten werden. Alle EU-Länder bräuchten ein einheitlich hohes Sicherheitsniveau.

Industrie gegen Regulierung

Nicht zuletzt mahnt der BDI einen Wettbewerb um die beste Qualität der medizinischen Versorgung an, "nicht um den billigsten Preis ohne Rücksicht auf Qualität und Qualifikation".

Für den Pharmasektor warnt vfa-Geschäftsführerin Fischer davor, in Deutschland Arzneimittel immer nur durch die Kostenbrille zu betrachten und nicht die gesamten Potenziale zu sehen. "In anderen Ländern wird auch gesehen, welche Krankenhausaufenthalte und Arbeitsausfälle vermieden werden können und der gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Nutzen werden mit in die Waagschale geworfen", betont sie. Ein großes Hemmnis für die Pharmafirmen sei die nachgelagerte Regulierung in Deutschland, etwa durch die seit 2011 geltende Nutzenbewertung von Arzneimitteln und die inzwischen üblichen Preisverhandlungen mit den Krankenkassen. "Das sind Restriktionen, die massiv in den Markt eingreifen."

Seit Anfang 2011 müssen die Firmen zur Markteinführung in umfangreichen Dossiers den Zusatznutzen ihrer Substanzen beweisen. Erkennt der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) von Ärzten, Kassen und Kliniken den Zusatznutzen an, müssen Kassen-Spitzenverband und Hersteller binnen eines Jahres einen Preis festlegen. Vergangenes Jahr wurde auf diesem Wege erstmals ein Erstattungspreis festgelegt - inzwischen sind es mehr als 20.

Absehbar sei, dass weitere Medikamente gar nicht erst auf den deutschen Markt kämen, "weil Unternehmen mit Innovationen hier keine Chance haben", warnt Fischer. Bislang war dies bei vier Medikamenten der Fall. Dazu zählt das Diabetes-Medikament Trajenta des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim. Gegenüber alten Präparaten bescheinigte der mächtige Bundesausschuss dem Präparat keinerlei Zusatznutzen. Die Firma nahm das Mittel daraufhin frustriert vom deutschen Markt. Zugleich warnte es, durch die gesetzlichen Regelungen würden die deutschen Patienten vom medizinischen Fortschritt abgekoppelt, was von Kassenseite vehement bestritten wird.

Auch Merck beklagt die von den Krankenkassen erzwungenen "Niedrigstpreise". Aufgrund ihrer langen Innovationszyklen benötige die forschende Industrie eine verlässliche Politik. "Planbarkeit und Rechtssicherheit sind unverzichtbar für Planungs- und Entwicklungszyklen, die zumeist zehn bis zwölf Jahre dauern", mahnt Sprecher Schrimpf.

Teleanwendungen auf dem Vormarsch

Die Industrie selbst ist permanent auf der Suche nach neuen Zukunftsfeldern. Dazu zählt die Telemedizin, die Arzt, Patient und Krankenhaus miteinander vernetzen soll. Gerade in strukturschwachen Regionen werde dies immer wichtiger, erläutert DIHK-Experte Dercks. Einer Studie des Fraunhofer Instituts im Auftrag des Branchenverbands Bitkom zufolge ließen sich allein durch das seit langem geplante elektronische Rezept und die elektronische Patientenakte rund sieben Milliarden Euro pro Jahr einsparen - durch effizientere Abrechnungen, weniger Doppeluntersuchungen und weniger Betrug.

Durch Telemonitoring-Systeme, mit denen Patienten zu Hause überwacht werden können, ließen sich weitere Kosten von rund 2,2 Milliarden Euro pro Jahr sparen. Auch die Bundesregierung hat diesen Trend erkannt. "Bei der Betreuung von chronisch Kranken und Mehrfacherkrankten und auch bei der Betreuung von Pflegebedürftigen werden telemedizinische Systeminnovationen eine wachsende Rolle spielen", ist Bahr überzeugt. Für Biotronik spielt dieser Sektor im 50. Jahr seines Bestehens inzwischen ebenfalls eine wichtige Rolle. Das eigene Home Monitoring wurde gar in die Technology Hall of Fame der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA aufgenommen. Per eingebauter Antenne können Daten von einem Defibrillator, Herzschrittmacher oder einem implantiertem Herzmonitor aus dem Körper heraus zunächst an eine Empfangsstation und von dort per Mobilfunknetz an den Arzt übertragen werden. Dieser kann entscheiden, über welche Ereignisse er per E-Mail, SMS oder Fax informiert werden möchte.

Krebs-Medikamente und personalisierte Medizin

Die forschenden Medikamentenhersteller setzen ihrerseits verstärkt auf die Entwicklung von Krebsmedikamenten sowie auf maßgeschneiderte Therapien für bestimmte Patientengruppen. Fortschritte werde es in den nächsten Jahren mit Sicherheit im Kampf gegen den schwarzen Hautkrebs, Prostata- und Eierstock-Krebs sowie gegen Hepatitis C und bakterielle Infektionen geben, sagt Lobbyistin Fischer. Aber auch in der Behandlung von Multipler Sklerose, Gelenkrheuma und Entzündungskrankheiten lägen große Hoffnungen. Experten sehen zudem im Kampf gegen Diabetes ein lukratives Geschäftsfeld, da die Zahl der Betroffenen weltweit rapide ansteigt. Gangolf Schrimpf von der Firma Merck verweist darauf, dass von den bekannten rund 30.000 Krankheiten überhaupt nur ein Drittel medikamentös therapierbar sei. "Es gibt also noch viel zu tun."

Eine zunehmende Rolle spielt der Markt der personalisierten Medizin. Dabei stützt sich die Behandlung eines Patienten auf spezielle Charakteristika, etwa eines Tumors. Durch moderne Diagnoseverfahren können genetische Besonderheiten erfasst werden. Auf diese Weise kann das Medikament gezielt ausgewählt werden. Ein Beispiel ist das Präparat Erbitux, das zu den Umsatzstützen von Merck zählt. Es wird besonders erfolgreich eingesetzt zur Lebensverlängerung bei Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs, deren Tumor einem bestimmten Typ entspricht.

Eine zunehmende Orientierung am Patienten setzt sich aber auch in anderen Bereichen durch. "Vom Produkt aus immer näher an den Patienten heran", beschreibt Fresenius-Chef Ulf Schneider seine Strategie. Bei der Blutwäsche etwa fing der Konzern einst mit Dialysatoren an, dann kam das Vollsortiment an Dialyseprodukten hinzu. Später begann der Konzern, ganze Dialysekliniken zu betreiben.

Für Bahr bedeutet Patientenorientierung vor allem, die Gesundheitsversorgung über die Grenzen der einzelnen Sektoren hinaus zu vernetzen und zu koordinieren. "Gerade für eine älter werdende Bevölkerung wird es immer wichtiger, für eine gute Verzahnung von Prävention, medizinischer Versorgung, Rehabilitation und Pflege zu sorgen", gibt der FDP-Politiker als Marschrichtung für die Zukunft aus.

Auch Evia und Iforia, die am Herzen Leben retten sollen, werden in Zukunft durch Forschung und Entwicklung wohl noch einige Wandlungen durchmachen. Die Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte bei Schrittmachern und Defibrillatoren haben für die Patienten einige Erleichterungen mit sich gebracht. Das Metall Titan und spezielle Harze etwa sorgen dafür, dass die hochtechnisierten Geräte ohne Nebenwirkungen vom Körper angenommen werden. Anders als früher muss ein Schrittmacher heute zudem nicht mehr schon nach drei bis vier Jahren ausgewechselt werden, sondern seine Lebensdauer beträgt mittlerweile "zehn bis zu zwölf Jahren", erläutert Biotronik-Geschäftsführer Böhmer, dessen Firma in den vergangenen sieben Jahren zweistellige Wachstumsraten einfahren konnte.

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