Leben als Veganer: Beißen ohne Gewissensbisse

Leben als Veganer: Beißen ohne Gewissensbisse

40.000 Veganer gibt es in Österreich, 15.000 davon in Wien. In Zeiten, in denen neue Fleischskandale alle paar Wochen die Medien dominieren, denken offensichtlich immer mehr Menschen um.

In Jasmin Schisters Vergangenheit liegt ein Erlebnis, das sich so oder so ähnlich bei jedem Veganer findet. Die heute knapp 28-Jährige verbrachte ihre Kindheit im Süden Österreichs, wo Burgenland und die Steiermark ineinander übergehen. Eine konservative Gegend, umso mehr, wenn man auf einem Bauernhof aufwächst. Der Umgang mit Tieren ist nutzenorientiert, gegessen wird, was auf den Tisch kommt. "Irgendwann habe ich überrissen“, sagt Schister, "dass zwischen dem Fleisch auf dem Teller und dem fehlenden Hasen im Stall ein Zusammenhang besteht.“ Schister dachte nach und stellte ihren Fleischkonsum ein - im zarten Alter von elf Jahren. Ständige, hitzige Diskussionen mit ihren Eltern und Großeltern folgten, bis die junge Vegetarierin noch eins draufsetzte und fortan tierische Produkte aller Art verweigerte.

Kondome, rein pflanzlich

Schisters Weg zur veganen Lebensweise ist exemplarisch, ihr Weg zum veganen Business ebenso. Denn wie viele Komplettverweigerer merkte sie bald, dass es für Extremisten wie sie kaum etwas zu kaufen gibt, schon gar nicht auf dem Land. Außerdem hatte sie durch die Jahre des Nachdenkens gemerkt, dass Veganismus nicht am Tellerrand endet, sondern Tiere auch für Kleidung und Kosmetik leiden müssen. Sie erkannte eine Marktlücke und eröffnete einen Online-Shop.

Heute ist klar, dass Schister das richtige Näschen hatte. Im vergangenen Herbst eröffnete sie ihre erste Offline-Dependance ihres "Muso Koroni“ genannten Webshops in der Wiener Josefstadt. Geneigte finden hier vegane Kleidung, etwa Schuhe aus Kunstleder, die von Echtleder-Tretern nicht zu unterscheiden sind. Dazu Hemden, deren Knöpfe auf Perlmutt verzichten, tierversuchsfreie Kosmetik, Kochbücher, selbst vegane Kondome, deren Herstellungsprozess ohne tierische Hilfsstoffe auskommt, hat Schister im Programm. "Meine Umsätze explodieren förmlich“, freut sich die Jungunternehmerin, die bereits weitere Geschäfte plant, entweder in Deutschland oder in der Schweiz.

An Schisters Erfolg zeigt sich ein allgemeiner Trend, glaubt Felix Hnat, Obmann der Veganen Gesellschaft Österreichs. "Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Vegetarier und Veganer in den vergangenen Jahren um 20 Prozent jährlich gewachsen ist“, so Hnat. 40.000 Veganer gibt es ihm zufolge in Österreich, 15.000 davon in der Bundeshauptstadt. In Zeiten, in denen neue Fleisch-skandale alle paar Wochen die Medien dominieren, denken offensichtlich immer mehr Menschen um. Bestseller wie "Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer und "Anständig essen“ von Karen Duve lösen weitreichende Debatten aus. Und: Während Verächter tierischer Produkte noch vor ein paar Jahren in die Fundi-Ecke gestellt wurden - Hnat selbst saß ein paar Monate im Gefängnis, weil seinen Tierschutz-Bestrebungen terroristische Ziele unterstellt wurden -, gilt die vegane Lebensart heute als hip. Ob Hollywood-Größen wie Clint Eastwood oder Natalie Portman, Musiker wie Bryan Adams oder Alanis Morisette: Cool und erfolgreich heißt heute immer häufiger auch vegan lebend.

Vleisch für Flexitarier

Dieser "veganen Hedonismus“, wie der Wiener Philosoph und Tierrechtler Erwin Lengauer den neuen Trend nennt, steckt zunehmend auch solche an, die bislang auf ihr tägliches Schnitzerl nicht verzichten wollten. Wer erste fleischlose Gehversuche macht, wird in Lengauers Sprachgebrauch als Flexitarier bezeichnet. Auch deren Zahl wächst: In der Schweiz, beim Fleischkonsum durchaus mit Österreich vergleichbar, sollen es einer aktuellen Studie zufolge 40 Prozent aller Menschen sein. Eine nicht unwesentliche Gruppe, die auch die Marketingstrategen in den Handelskonzernen längst erkannt haben. Mittels Fleischnachbauten wie "Viener Schnitzel“ oder "Grillvürstel“ gaukeln sie Flexitariern vor, dass Genuss nicht Verzicht auf Gewohntes bedeuten muss. Der Rewe-Konzern macht das bereits seit einem Jahrzehnt, anfangs mit sechs, heute mit 30 Produkten. Alleine 2012 erzielte seine pflanzliche Handelsmarke "Vega Vita“ ein Umsatzwachstum von zwölf Prozent. Spar ist im Vorjahr mit seiner "Veggie“-Linie gestartet. Aus anfangs 43 sind inzwischen über 60 Produkte geworden, manche davon, wie der Kichererbsen-Aufstrich, verkaufen sich inzwischen besser als der traditionelle Liptauer.

Stefan Maran schätzt solche Versuche der Supermarktketten. Er selbst geht aber einen großen Schritt weiter. Maran und seine Frau haben unter ihrem Namen in Österreich Bio-Diskonter groß rausgebracht. Vor ein paar Jahren hatten sie die Nase voll und verkauften sie an den deutschen Bio-Konzern Dennree. Maran selbst sieht sein Tun heute sehr kritisch: "Bio ist dadurch zu einer richtigen Industrie geworden, diesen Fehler wollen wir mit veganen Produkten nicht noch einmal machen.“ Der inzwischen 60-jährige Jungunternehmer will seinen Supermarkt, der in wenigen Wochen in der Wiener Stumpergasse eröffnen soll, deswegen vor allem mit regionalen Produkten bestücken, von kleinen Lieferanten. Was nicht aus Österreich kommt, soll zumindest innerhalb Europas produziert werden. Zusätzlich zu veganen Lebensmitteln wollen die Marans Kosmetik- und Hygieneartikel bieten, auch ein Bistro ist geplant. Maran ist sich seiner Sache sicher: "Vegan ist Zeitgeist. Wir haben derzeit dieselbe Stimmung wie zu der Zeit, als wir mit Bio-Produkten begonnen haben.“

Kreative Zerstörung

Doch auch wenn sie im positiven Sinne Gutmenschen sein wollen, auch unter Vegan-Fans kracht es ab und an gewaltig. Jan Bredack etwa ist derzeit ziemlich sauer auf Stefan Maran. Bis vor kurzem noch waren sie Partner, geplant war, dass Maran statt seines eigenen einen von Bredacks "Veganz“-Märkten in Österreich eröffnet. In Berlin und Frankfurt gibt es Bredacks Läden schon, Wien sollte eigentlich der nächste Schritt in seiner europaweiten Expansion sein. Er fühlt sich von Maran übervorteilt; Maran sagt, Bredacks Expansionstempo sei ihm zu hoch.

Es stimmt: Bredack gibt extrem Gas. Immer schon. Der Anfangvierziger war eine der Nachwuchshoffnungen im Daimler-Konzern, bevor er durch ein Burnout sein gesamtes Leben hinterfragte und seither vegan lebt. Er witterte die Marktlücke und heuerte sofort ein paar Mitarbeiter an, die sich weltweit auf die Suche nach veganen Produkten machten. Unter ihnen auch Lebensmitteltechniker, die jeden Lieferanten genauestens unter die Lupe nehmen. "So ist jeder Artikel garantiert pflanzlich“, beschreibt Bredack das Alleinstellungsmerkmal seiner Märkte. Aus satten 6000 Produkten besteht Bredacks Sortiment inzwischen - darunter alleine 80 vegane Käsesorten. 200 Lieferanten aus 30 Ländern stehen bei ihm unter Vertrag. Eine Mühe, die sich gelohnt hat. Bredacks Läden laufen. Statt der prognostizierten hundert pro Tag frequentieren viermal so viele zahlende Besucher seinen Berliner Shop. "Dort haben wir vom ersten Tag an Gewinne geschrieben“, schwärmt Bredack, der für Wien bereits mit den nächsten Partnern spricht.

Alf Waibel hat sich für sein Business viel länger Zeit gelassen. "Begonnen habe ich vor 15 Jahren mit nur einem Kühlkasten im Keller“, sagt der Vorarlberger schmunzelnd. Mit seiner Ware belieferte er zunächst nur Mitglieder seines Tierrechtsvereins. Inzwischen hat Waibel mit "Vegourmet“ eine eigene Nahrungsmittellinie aus pflanzlichen Produkten. Tausende Kunden bestellen bei ihm regelmäßig, darunter über 100 Großabnehmer. Zwei Angestellte verpacken und verschicken die Ware, weitere will er noch heuer einstellen. Auch bei ihm stehen die Zeichen also auf Wachstum. Waibel kauft viel von ehemaligen, in ganz Europa verstreuten Fleischverarbeitern, die voll auf pflanzlich umgesattelt haben. In Österreich, sagt er, hätten viele Produzenten noch Hemmungen davor, auf tierfreie Produktion umzustellen.

Noch mal von vorne

Für die meisten Produzenten mag das gelten. Doch nach und nach scheint sich auch dort herumzusprechen, dass sich mit veganen Produkten gutes Geld verdienen lässt. Ein Beispiel dafür ist Wolfgang Goldenitsch, der im Jahr 1999 von Mona Nahrungsmittel engagiert wurde, einer Tochter der Molkerei Oberwart. Der Plan: Das bestehende Kuhmilch-Sortiment um eine Sojamilch-Linie zu erweitern. Mehrere Jahre Forschung gingen ins Land, gleichzeitig geriet die Mutter in wirtschaftliche Turbulenzen. Man entschied, die Molkerei ganz auf Soja umzustellen. Ein kluger Schachzug, sagt Goldenitsch, heute der CEO des Unternehmens: "Unser Umsatz hat sich seit der Umstellung von zehn auf jetzt 40 Millionen Euro gesteigert.“ Aus dem notleidenden Kuhmilch-Verkäufer ist einer von Europas Top-5-Sojamilch-Produzenten geworden, der seine Produkte bis nach Saudi-Arabien exportiert.

Auch Bäckermeister Bernd Hartner hat mit der Umstellung nur gute Erfahrungen gemacht. Als sein Bruder beschloss, fortan vegan zu leben, verzichtete Hartner im familieneigenen Betrieb zunächst auf Schweineschmalz, dann nach und nach auch auf andere tierische Substanzen wie Molkepulver. Unter der Marke "Bernds Welt“ vertreibt der einzige zertifizierte vegane Backbetrieb nun rein-pflanzliche Süßwaren wie Striezel und Strudel. Alleine 70 Spar-Märkte in Wien gehören zu den Abnehmern des Niederösterreichers. "Eins ist klar“, sagt Hartner heute zufrieden: "Vegan zahlt sich aus.“

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