Lebe lieber ungewöhnlich!

Faire Produkte, sauberer Sex & die Qual der Wahl. Philosoph Robert Pfaller und Autorin im Interview über unser Unglück mit der allzu glatten Warenwelt. Ein Aufruf für mehr Genuss in allen Lebenslagen.

Lebe lieber ungewöhnlich!

Rare, medium oder well done? Cheddar, Parmesan oder Blue Cheese dazu? Helles oder dunkles Brot? Chili, Sour Cream, Barbecue- oder Cocktailsauce? Senf oder Ketchup? Pommes, Wedges oder Salat als Beilage? Mineralwasser? Mit oder ohne Kohlensäure?

Selbst bei einem scheinbar so simplen Vorgang wie dem Bestellen eines Hamburgers wird man gegenwärtig mit Wahlmöglichkeiten erschlagen.

Dieser "Choice-Overload“ und das Optimierungsdenken stehen auch im Zentrum des derzeit viel diskutierten Debütromans "Verspielte Jahre“ von Laura Karasek . Die 30-jährigeTochter des Literaturkritikers Hellmuth Karasek stellt dem Porträt einer getriebenen Generation auf der Suche nach der Top-Karriere, Top-Beziehung und Top-Party ein Zitat von Oscar Wilde voran. "In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Die eine ist, nicht zu bekommen, was man möchte, und die andere ist, es zu bekommen.“

Karasek ringt dem Aphorismus eine weitere, zeitgemäße Facette ab: die Qual, nicht einmal zu wissen, was man will. Denn das Phänomen der Entscheidungsunlust und der Überforderung durch ein Überangebot in allen Lebensbereichen ortet sie bei der Generation 30plus als Wurzel allen Übels. Man leide und jammere auch in Zeiten der Wirtschaftskrise auf hohem Niveau und verzettle sich, so die Autorin: "Wie soll man den Partner fürs Leben finden, wenn man sich nicht mal für eines von 50 Joghurts im Kühlregal entscheiden kann? Keiner will sich festlegen, um nichts zu bereuen.“ Ein Luxusproblem, könnte man meinen. "Das hat durchaus weitreichende Konsequenzen, für die Arbeitswelt, die Beziehungswelt und für die Psyche. Warum gibt es so viele Krankheiten wie Burnout oder ADS? Weil die Leute unglücklich sind. Auch wenn sie nicht hungern, sie verarmen innerlich.“

Dass das Bruttonationalglück in Europa in der Tat nicht besonders hoch ist, belegen aktuelle Studien zum Volksleiden Depression.

Das Leben, ein Traum?

Der Wiener Philosoph Robert Pfaller benennt allerdings als Problem, an dem die Gesellschaft krankt, vor allem die fortschreitende Entmündigung des Bürgers und eine geglättete, gesäuberte Welt. Am 8. 10. erscheint sein neues Buch "Zweite Welten. Und andere Lebenselixiere“. Der Ordinarius für Philosophie an der Wiener Uni für angewandte Kunst erläutert darin, warum es durchaus in Ordnung ist, etwas anderes zu träumen als man lebt. Man brauche, so Pfaller, diese zweite Welt der Träume als Gegenpol und Ausgleich. "Indem wir uns Träume, Rollenspiele und partielle Überschreitungen zugestehen und nicht versuchen, alles innerhalb einer einzigen vermeintlich wahren Identität unterzubringen, finden wir wieder zu mehr Eigenverantwortung und Entschlussfreude.“

Keine Tschapperln mehr

Persönlichkeitsrechte, die wir zunehmend freiwillig an den Staat abgeben, der vom Alkoholkonsum bis zum Rauchverbot alles reglementiert. "Ich würde sagen, man optimiert uns zu einem Leben, das kein Leben ist“, bringt es der Professor im Interview auf den Punkt und fordert gewissermaßen zur Revolte gegen die Verspießerung auf: "Wir dulden Repressionen nicht nur, sondern empfinden Verbote sogar als Befreiung - und zwar von dem immer mehr als Übergriff wahrgenommenen Glück des anderen.“

Eine Entwicklung mit absehbarem Ende, wie Robert Pfaller durchaus optimistisch vermutet: "Ich glaube, wir erleben gerade ein Umdenken. Immer mehr Leute haben das Gefühl, dass diese detailverliebten, gouvernantenhaften Verbote und Prüderien, die man uns als Befreiungen verkaufen wollte, keine sind. Und sie lenken ab von den wirklich entscheidenden Fragen, von denen derzeit das Schicksal von Millionen Menschen in Europa abhängt - nämlich wie man der Aggressivität des neoliberalen Kapitals sowie dem massiven Auseinanderdriften von Arm und Reich und der gesellschaftlichen Entsolidarisierung wirksam etwas entgegensetzen kann. Immer weniger Leute werden es sich in Zukunft gefallen lassen, nicht als mündige, politische Bürger angesprochen zu werden, sondern als hilflose Tschapperln, die durch Verbote geschützt werden müssen.“

Doku zum Thema

Filmemacher Florian Opitz ist in seiner Doku "Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ einem Paradoxon auf der Spur. Warum sparen wir ständig Zeit, unterm Strich haben wir aber trotzdem keine? Sehr subjektiv versucht er die Zeitfresser unserer Gesellschaft ausfindig zu machen. Fazit: Zeit ist Geld, die Wirtschaft beschleunigt unser Leben. Lösungen gibt es nicht, Ansätze schon. Die findet der Regisseur bei Aussteigern aus der Hochfinanz, obszön reichen Altruisten, in Bhutan, wo das Bruttonationalglück in der Verfassung verankert wurde, und in einem kurzen Plädoyer fürs bedingungslose Grundeinkommen für alle. "Speed“, ab 5. 10. im Kino.

Innenminister Karl Nehammer, Vizekanzler Werner Kogler, Bundeskanzler Sebastian Kurz und Gesundheitsminister Rudolf Anschober bei ihrer Erklärung.

Corona: Regierung verschärft die Maßnahmen ab 23. Oktober

Ab Freitag, 23. Oktober gelten in Österreich wieder strengere Maßnahmen …

Ob Cremes um ein paar Euro oder knapp 80 Euro. Viele der gesteten Antifaltencremes erwiesen sich als wirkungslos.

Stiftung Warentest: Antifalten-Cremes wirkungslos

Das Ergebnis des Antifaltentests von Stiftung Warentest ist desaströs. …

ELGA startet: Fragen und Antworten zur elektronischen Gesundheitsakte

Am heutigen Mittwoch ist es soweit, die Elektronische Gesundheitsakte - …

Sehen um zu hören: Gebärdensprachen-App am Start

Für die rund 8.000 österreichischen Gehörlosen - weitere bis zu 15.000 …