Endlich offline!

Die Pausenfüllerin

Ulli Brezovich, 38, Beraterin & Trainerin: Die E-Mail-Hauptarbeitszeit für die selbständige Trainerin ist, wenn der zweijährige Sohn im Kindergarten ist oder schläft. Bei Trainings nutzt sie zwischendurch auch die Pausen. Auf Facebook und Twitter verzichtet sie: "Zeitfresser“. Xing nutzt sie eingeschränkt. Kleiner Knackpunkt im digitalen Leben war das erste Smartphone, das sie animierte, auch die noch kürzeren Pausen mit einem schnellen E-Mail-Check zu füllen. Das hat sie sich wieder abgewöhnt und will berufliche und private Mails noch konsequenter trennen.

Der neugierige Pragmatiker

Thomas Höhne, 59, Anwalt mit Kanzlei: In der Kanzlei ist er stets der Erste mit den neuen Gadgets, geht aber sehr bewusst damit um und lässt sich von ständig neuen Features nicht beeindrucken. "Aus Facebook bin ich raus, bei Xing bin ich noch drin.“ Den BlackBerry verwendet er nur beruflich, und die Nummer bekommen Klienten nur, wenn es etwas Brenzliges geben könnte. Er verwendet nur zwei Apps (ÖBB-Fahrplan und Wetter): "Alles andere frisst nur Zeit.“ Im Büro telefoniert er viel, dazwischen werden 60 bis 100 E-Mails bearbeitet.

Ohne Internet und Smartphone ist die berufliche und private Selbstorganisation für viele nicht mehr denkbar. Die permanente Verfügbarkeit verursacht aber auch Stress. Ein gesunder Umgang mit den digitalen Segnungen will gelernt sein. Selbstversuche und Tipps für die digitale Entgiftung.

Selten kommt es vor, dass Markus Murtinger Monate später noch Details von Bewerbungsgesprächen im Kopf hat. An einen Scherz dachte er, als ihn der Aspirant fragte, wie es die Firma Usecon mit den Schlafsäcken halte und wie das mit den Anwesenheitspflichten im Büro sei. Der Amerikaner hatte die letzten Jahre in einer IT-Firma in Tokio gearbeitet. Die europäischen Arbeitsbedingungen erschienen ihm als jungem Familienvater paradiesisch, immerhin könne man hier auch unter der Woche zuhause bei der Familie schlafen.

Derart extreme Tribute werden in unseren Breitengraden nicht gefordert, die mobilen Arbeitsweisen haben die Grenzen zwischen Büro und Heim für viele aufgehoben - nicht nur physisch. So erleben das auch die von FORMAT befragten Menschen (siehe Diashow oben). Für sie ist Organisation von Privat- und Berufsleben ohne digitale Nabelschnur undenkbar geworden, der Kampf um digitale Autonomie einer, der täglich geführt werden muss.

Der große Paradigmenwechsel passierte mit den E-Mail-Maschinen für Manager, die schnell "CrackBerries“ hießen, und entwickelte sich mit dem durchschlagenden Erfolg des iPhone zu einer Volkskrankheit, die sich heute durch alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen zieht. Mitte der Nullerjahre kam der Boom der mobilen Netzwerke hinzu, was die Interaktion mit dem Netz weiter erhöhte. Das digitale Crack ist heute hellblau, nach der Kombination "Facebook und Sucht“ wird auf Google heute öfter gesucht als nach Sex, Alkohol oder Zigaretten. Die letzten analogen Pausen werden von den Digital-Junkies mit dem Befummeln ihrer Smartphones gefüllt, beim Sport lassen sie sich von Fitness-Apps messen, beim Autofahren pilotieren, und dazwischen checken sie ihren Facebook-Status.

Erschöpfungssyndrom

Noch gibt es keine wissenschaftlichen Studien zu den Social-Media-Auswirkungen, übertriebene Nutzung könne "aufgrund von Erfahrungen“ aber sehr wohl zu Erschöpfungssyndromen führen, sagt der deutsche Psychologe Heiko Schulz. Doch der Fachbegriff des "Social Media Burnout“ ist unter Experten noch umstritten. Sicher ist, die Grenze vom nützlichen Werkzeug zum Suchtmittel ist fließend. "Der Computer ist so sehr unser Diener, dass es fast schon kleinlich erschiene, ihn nicht auch unseren Herrn zu nennen“, schreibt US-Technologieexperte Nicholas Carr im Buch "Wer bin ich, wenn ich online bin“.

Besonders Jugendliche finden sich intuitiv zurecht und konsumieren im Übermaß. Laut einer Studie der kalifornischen Kaiser Family Foundation verbringen 8- bis 18-Jährige täglich bis zu elf Stunden mit digitalen Medien. Die Forscher haben dabei die oft doppelte digitale "Beschallung“ aufgerechnet - für die Hausübung im Web recherchieren und gleichzeitig chatten. Die Generation Facebook in Österreich steht dem um nichts nach. 87 Prozent der 14- bis 24-Jährigen sind "drin“, und das pro Tag im Schnitt zwei Stunden, erhob eine Umfrage im April.

Der wilde und unkontrollierte digitale Genuss hat Konsequenzen. Carr beschreibt in seinem Buch die Auswirkungen von ein paar Jahren intensiver Web-nutzung. Er beobachtete, dass sein Gehirn Informationen anders aufzunehmen schien. Zwar fühlte er sich nach dem Aufsaugen zahlloser Info-Schnipsel gescheit und kreativ inspiriert. Gleichzeitig konnte er sich nur noch ein paar Minuten lang auf ein Thema konzentrieren. "So wie mich Microsoft zu einer Textverarbeitungsmaschine aus Fleisch und Blut gemacht hatte, so verwandelte mich das Internet in eine Art Hochgeschwindigkeits-Datenprozessor, einen menschlichen HAL“, den Computer aus "2001: Odyssee im Weltraum“.

Ein Hirn, zu viele Programme

Den vorläufigen Höhepunkt der Entwicklung erläutert John Freeman in "The Tyranny of E-Mail“: "Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatem wurden noch nie so radikal eingerissen wie in den letzten beiden Jahrzehnten. Diese Umstellungen stressen unser Hirn gewaltig.“ Digitale und analoge Informationen werden in unterschiedlichen Hirnregionen verarbeitet, Websites anders konsumiert als Bücher. In Studien zum Leseverhalten auf Websites zeigt sich, dass der unruhige, rastlose Blick in einer Art F-Form über den Bildschirm schweift. Behalten wird dabei bestenfalls ein Fünftel - und das nur im Kurzzeitgedächtnis. Das menschliche Hirn im Jahr 2012 ist (noch) nicht bereit für das digitale Multitasking.

Das Bedürfnis nach digitaler Entgiftung ist groß. In den USA, wo die Technologie-Gläubigkeit traditionell besonders ausgeprägt ist, läuft der Gegentrend seit einigen Jahren unter dem Schlagwort "Digital Detox“ und hat bereits eine kleine Industrie entstehen lassen. Von Selbsthilfegruppen bis hin zum begleiteten Entschlackungsurlaub gibt es kaum etwas, das es nicht gibt. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sogar Apps beim professionellen "Unpluggen“ helfen sollen. Auch in Österreich bedient der Tourismus das Bedürfnis nach digitalem Eskapismus mit Angeboten (siehe " Digital entgiften ").

Die schmerzhaften und mitunter kuriosen Selbstversuche mit digitalen Fastenkuren füllen die Bücherregale. Alex Rühle, Autor der "Süddeutschen“, hat den Stecker gleich für ein halbes Jahr gezogen und beschreibt den Moment seiner Rückkehr: "Es ist, als hätte ich über Monate eine Sandburg gebaut, und dann fegt der Ozean über mich.“ 5.644 ungelesene Mails warteten. "Die Befürchtung, in der Zeit kolossale Umbrüche verpasst zu haben, war unberechtigt.“ Eine wichtige Erkenntnis, die viele fürchten.

Ebenfalls sechs Monate hielt es Susan Maushart aus. In "The Winter Of Our Disconnect“ beschreibt sie, welche Auswirkungen das Offline-Experiment auf ihren Haushalt mit drei Teenagern hatte. "Dieser digitale Entzug hat unser Leben auf den Kopf gestellt, unser Denken und Handeln total verändert.“ Die Journalistin, die nächtens ihr Smartphone in Griffweite hat, erinnert sich selbstironisch an den Tiefpunkt ihrer Sucht, ein auf der Toilette geführtes Radio-Interview: "Ich war auf dem besten Weg dazu, eine betagtere Lindsay Lohan des App Stores zu werden.“

Problematisch an temporären Aktionen ist die Rückkehr in den beruflichen Alltag, wo die allerwenigsten die digitale Drehzahl autonom bestimmen können. Die Erkenntnis, dass die digitalen Werkzeuge bei missbräuchlicher Verwendung die größten Produktivitätskiller sind, setzt sich in immer mehr Chefetagen durch. Unternehmen experimentieren mit E-Mail-freien Zeiten oder Tagen, oft mit überschaubarem Erfolg. Kommunikationsexpertin Anitra Eggler kennt die Ursachen: "Wenn die IT-Abteilung die Firmen-Accounts sperrt, weichen die Mitarbeiter auf ihre privaten Zugänge aus. Solche Projekte sind von vornherein zum Scheitern verurteilt, wenn das nicht als langfristiger Lernprozess gelebt wird.“ Die Sinnhaftigkeit von Entgiftung muss kommunziert und die Regeln in allen Hierarchie-Ebenen gelebt werden.

Wer die Kreativität seiner Mitarbeiter schützen will, sollte sich - zynisch, aber wahr - von den digitalen Drogendealern inspirieren lassen. Führende Technologiefirmen wissen, wie sie die Produktivität ihrer Leute gezielt fördern. Bei Google stellt man den Leuten 20 Prozent der Arbeitszeit komplett frei. Selbst Mark Zuckerberg zieht seine Leute weg vom Schirm und lässt sie, wie die kleinen Kinder, die Wände mit Ideen beschmieren. Kommunikationsexpertin Eggler hört in Seminaren oft Stöhnen über das digitale Hamsterrad. Sie sieht die schnellen Produktionszyklen mit als Teil des Problems. "Kein Mensch liest mehr die Bedienungsanleitungen, und die Mitarbeiter bekommen keine guten Technologieschulungen mehr, weil ja eh bald die nächste Version herauskommt.“

Rufbereitschaft

Die permanente Erreichbarkeit landet nun auf der politischen Agenda. Mitte Juni versuchte die deutsche Arbeitsministerin Ursula von der Leyen die Debatte um die mobile Arbeit nach Büroschluss loszutreten und forderte "glasklare Regeln und einen Strafenkatalog für Chefs, damit sie Körper und Geist ihrer Mitarbeiter schützen“. Mit willkürlich ausgedehnten Bürozeiten ist auch die Arbeiterkammer konfrontiert. "Immer mehr Arbeitnehmer berichten davon“, sagt Irene Holzbauer von der AK-Abteilung Arbeitsrecht, "und manche empfinden das leider als Selbstverständlichkeit“.

Rufbereitschaft heißt das im Arbeitszeitgesetz, wenn sich der Dienstnehmer verpflichtet, außerhalb der Normalarbeitszeit erreichbar zu sein. Für maximal zehn Tage pro Monat darf diese vereinbart werden, und sie muss abgegolten werden. Konkrete Bestimmungen dazu gibt es erst in ein paar Kollektivverträgen, etwa im IT-KV, im grafischen Gewerbe oder beim Versicherungs-Innendienst. Die Gewerkschaft der Privatangestellten kündigte vor wenigen Tagen an, sich dem Phänomen verstärkt zu widmen. "Es kann nicht sein, dass Arbeitnehmer 38 Stunden bezahlt bekommen, aber 130 Stunden auf Standby bleiben sollen“, macht GPA-Chef Wolfgang Katzian schon einmal Stimmung für den Herbst.

Smartphones und Teamarbeits-Software sind die Stechuhren des digitalen Zeitalters. Viele Mitarbeiter haben vergessen, wo der Ausschaltknopf ist. Exemplarisch dokumentiert hat das Leslie Perlow in "Sleeping With Your Smartphone“. Innerhalb eines Teams beim Beratungsunternehmen The Boston Consulting Group sollte jeder einen Abend (!) pro Woche arbeitsfrei bekommen. Perlow gibt einen aufschlussreichen Einblick in das Arbeitsklima bei BCG: Mitarbeiter, die für den Job beim Prestigeunternehmen bereit sind, alles zu geben, niemals Privates am Arbeitsplatz besprechen und, im oft selbst auferlegten Strudel ständiger Bereitschaft gefangen, glauben, für Kunden jederzeit erreichbar sein zu müssen.

Fast schon kindlich wirken die ersten Reaktionen auf das Experiment: Ein Manager, der erstmals das Laufband in seinem Hotel benutzt und anschließend mit seiner Frau länger als nur ein paar Minuten telefoniert: "Es war herrlich und ein bisschen seltsam. Wie dieses lebendige, leicht schuldbewusste Glücksgefühl, wenn man eine Uni-Vorlesung spritzt.“ Das Projekt wird zum durchschlagenden Erfolg. Die Teamarbeit wird besser, Mitarbeiter zufriedener und motivierter. Inzwischen ist das Konzept auf weltweit rund 900 BCG-Teams ausgeweitet.

Eindrucksvoll dokumentiert dieser Tage Filmemacherin Carmen Losmann in ihrem preisgekrönten Film "Work hard, play hard“ (läuft seit 22. Juni) die Arbeitsbedingungen der hochgradig vernetzten Wissensarbeiter.

Losmann zeigt unpolemisch, wie diese Human Resources noch produktiver gemacht werden sollen. Die "Humans“ erinnern dabei oft an die Fabriksarbeiter zu Beginn der Industrialisierung - die individuelle Zufriedenheit, die Work-Life-Balance als Produktivitätsstimulans müssen viele erst (wieder) entdecken.

Lisa Tomaschek vom ibos-Gesundheitszentrum ist eine, die Abstinenz-Willigen Wege zurück in ein erholsameres Offline-Leben aufzeigt. Hilfesuchende kommen aus vielen Branchen. "Die Werbe- und PR-Branche ist eine häufige Stätte für Erschöpfte“, sagt sie. Dazu kommen viele aus dem mittleren Management, Selbständige und viele Künstler und Menschen aus Sozialberufen. Eine ihrer ersten Interventionen ist das Verordnen von Handy- und Laptop-freien Zeiten. Haben ihre Klienten die befreiende Wirkung des Off-Buttons entdeckt, wird als zweite Maßnahme die Technik aus dem Schlafzimmer verbannt. "In global organisierten Unternehmen gibt es keine Zeitzonen mehr. Die Leute wundern sich dann, wenn sie Schlafstörungen haben“, sagt sie.

Europäische Unternehmer geben ihren Mitarbeitern zwar keine Schlafsäcke aus, die Leute kommen aber auch im eigenen Bett oft nicht zur Ruhe. Die finden viele dann erst wieder im Urlaub , die beste Zeit für Selbstversuche mit dem digitalen Entzug. Endlich einmal - nicht erreichbar ;-)

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